Der Tagesspiegel : "Freistaat Briesensee": Hungerstreikende kämpfen weiter gegen Klärwerk-Anschluss

Claus-Dieter Steyer

Das Auftauchen des Reporters in der Nachrichtenzentrale des "Freistaates Briesensee" löst unerwartete Panik aus. Denn die auf der Hauptstraße des selbsternannten "gallischen Dorfes" am Rande des Spreewaldes umherstehenden Frauen und Männer können plötzlich ihre Wortführerin nicht finden. In großer Hektik begeben sie sich auf die Suche nach der Frau. Anrufe per Handy helfen nicht weiter. Briesensee liegt just in diesem Moment im Funkloch. Nachbarn laufen aufgeregt durcheinander und schütteln den Kopf. Von der Frau gibt es keine Spur. "Vielleicht ist sie umgekippt und liegt irgendwo hinter einem Busch", mutmaßt eine ältere Dame. "Am 21. Tag des Hungerstreikes wäre das schließlich kein Wunder." Nun ist das Durcheinander komplett.

Schließlich ruft einer nach einer Weile die erlösenden Worte "sie kommt!". Doris Groger, Bürgermeisterin von Briesensee, radelt herbei und versteht die Panik nicht. Sie habe sich doch abgemeldet, weil sie noch etwas Papierkram für die Gemeinde erledigen wollte. Ihre Mitstreiter im selbstgedruckten T-Shirt des "Freistaates Briesensee" umarmen sie dennoch.

Die erlebte Szene sagt mehr als tausend Worte über die Stimmung und den Zusammenhalt in diesem 245 Einwohner zählendem Ort. Er kämpft fast geschlossen gegen einen zwangsweisen Anschluss der Häuser an eine zentrale Kläranlage. Nach Protestmärschen zum Europa-Parlament in Brüssel, zum Reichstag und zum Landtag hat sich die Bürgermeistern Ende Juli zum unbefristeten Hungerstreik entschlossen. Ihr haben sich inzwischen weitere drei Briesenseerinnen und aus Solidarität eine Frau aus dem Landkreis Potsdam-Mittelmark angeschlossen. "Vielleicht braucht Stolpe erst eine tote ehrenamtliche Bürgermeisterin, um endlich aufzuwachen", sagt die 48-jährige Lehrerin erbost. Er zeige bisher überhaupt keine Reaktion auf den Protest. Der Vermittlunsgversuch des beauftragten Staatssekretärs Friedhelm Schmitz-Jersch sei aus Sicht der Hungerstreikenden gescheitert.

Wie Briesensee wehren sich viele Gemeinden in Brandenburg gegen den Anschluss an zentrale Kläranlagen. In Briesensee kostet so ein Anschluss pro Grundstück im Schnitt zwischen 5000 und 30 000 Mark, sagt die Bürgermeisterin. Vor allem ältere Menschen könnten den Preis trotz der angebotenen Raten niemals zahlen. Statt dessen wollen die Einwohner an ihrem bisherigen Verfahren festhalten: das Wasser aus dem Haushalt wird in kleinen biologischen Anlagen gereinigt und als Brauchwasser wieder dem natürlichen Kreislauf zugeführt. Für die Rückstände in der Toilettengrube kommt regelmäßig das Fäkalienfahrzeug. Das sei billiger und umweltschonender. Deshalb habe sich das Dorf auch zur "abwasserfreien Zone" erklärt.

Doch das zuständige Amt Oberspreewald stellt sich stur. Eine von ihm beauftragte Firma lässt durch Bagger die Straßen aufreißen und die Abwasserrohre verlegen. Es fühlt sich im Recht, denn 1997 hatte die Gemeindevertretung Briesensee ihre so genannte Entsorgungspflicht dem Amt Oberspreewald übertragen. "1998 korrigierten die Abgeordneten ihren dummen Fehler. Aber davon will jetzt niemand mehr etwas wissen", klagt die im September 1998 zur Bürgermeisterin gewählte Doris Gloger.

In der Nachbarschaft von Briesensee sind die Meinungen über den Hungerstreik geteilt. Die einen sympathisieren sich mit dem "Mut der Verzweifelten". Andere Einwohner pochen auf das Solidaritätsprinzip. Nur durch möglichst viele Anschlüsse rentiere sich schließlich eine zentrale Kläranlage. Die Bürgermeisterin kennt diese Argumente. "Wir sind dank unserer zwei Campingplätze eine recht wohlhabende Gemeinde, so dass wir uns durchaus finanziell an der Kläranlage beteiligten könnten", sagt sie. "Aber gegen einen Zwangsanschluss mit seinen unkalkulierbaren finanziellen Folgen werden wir erbittert kämpfen."

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