Freizeit : Segelfliegen: Unter den Wolken Brandenburgs

Eine Viertelstunde Stille in 850 Metern Höhe genießen auch Profis. In Lüsse kann jeder günstig mitfliegen.

Eva Kalwa[Lüsse]
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Weitsicht. Im rundum verglasten Segelflieger-Cockpit kann man die Landschaft aus der Vogelperspektive erleben. -Foto: Eva Kalwa

Es sind nur noch wenige Augenblicke bis zum Start. Das Windenstartseil ist eingeklinkt, das Kabinendach geschlossen, und der Fallschirm sitzt sicher und fest am Körper. Dann geht alles ganz schnell: Das Segelflugzeug beschleunigt in drei Sekunden auf 100 km/h. Der Oberkörper wird nach hinten gepresst, und als die zweisitzige Schleicher ASK 21 im steilen Winkel und mit einem lauten Zischen abhebt, richten sich die Blicke von Pilot Mathias Isu und seines Fluggastes für eine gefühlte kleine Ewigkeit gen Himmel. Bei rund 400 Metern klinkt sich dann das Windenseil aus. Plötzlich herrscht himmlische Ruhe unter den Wolken. Und das Abenteuer Segelfliegen beginnt.

„Es ist eine der großartigsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe“, sagt Wolfgang Steiner. Der 34-Jährige hat nach seinem ersten Schnupperflug beim Flugsportclub Charlottenburg Berlin, kurz FCC Berlin, in Lüsse bei Belzig gerade wieder festen Boden unter den Füßen. Seine Augen leuchten: 19 Minuten ist er hinter dem Piloten sitzend durch die Luft gesegelt. Er hat den Flugplatz und seine Umgebung im Naturpark Hoher Fläming aus 850 Metern Höhe gesehen und erlebt, wie ein Bussard neben dem Segelflugzeug genau wie dieses den thermischen Aufwind nutzt, um in die Höhe zu kreisen. Wie Steiner, der in Berlin-Mitte lebt, kommen viele Neugierige aus Berlin und Umgebung an den Wochenenden von März bis Oktober hier heraus, um zum ersten Mal im Leben in einem Flugzeug frei schwebend durch die Luft zu segeln. Und auch, um den emsigen Flugbetrieb im Leistungszentrum Lüsse kennenzulernen, wo schon mehrfach die Deutsche Meisterschaft und im letzten Jahr unter 33 Nationen sogar die Weltmeisterschaft im Segelflug ausgetragen wurde.

Teuer ist das Vergnügen entgegen den Erwartungen vieler Besucher nicht: Ein 15-minütiger Gastflug kostet 18 Euro – und pro Minute, die der Flug länger dauert, wird ein Obolus von 30 Cent erhoben. Und auch wer sich zum Piloten ausbilden lässt, muss außer den Fluggebühren keine hohen Entgelte entrichten, er bezahlt mit seiner aktiven Teilnahme am Vereinsleben. Denn zu tun gibt es immer etwas, ob im Vereinsheim, in den Lagerhallen oder direkt auf dem Flugplatz: Die Winde mit ihrem 400 PS starken Motor muss den ganzen Tag für die vielen Starts bedient werden, was bei heißem Wetter ganz schön anstrengend ist. Dann müssen die Windenseile, die nach dem Ausklinken an einem kleinen Fallschirm zu Boden schweben, viele Male zur 1000 Meter entfernten Startstelle zurück gebracht werden. Das erledigt der Fahrer des „Lepo“; der wird so genannt, weil das erste ausrangierte Auto, das vor vielen Jahren auf einem Fluggelände die Seile von der Winde zum Start zurück transportierte, ein alter Opel war. Da der immer nur „zurück“ fuhr, bürgerte sich der rückwärtsgelesene Name der Automarke für diese Aufgabe auf allen deutschen Segelflugplätzen ein.

Alle Helfertätigkeiten werden in Lüsse beim morgendlichen Briefing um 9 Uhr vergeben, und da gibt es kein Sich-Drücken, weil alle wissen, dass der Verein mit seinen 235 Mitgliedern vor allem von ihrem Engagement lebt. Diese Kameradschaft zieht auch auswärtige Gäste an: Zurzeit campen drei Teams aus Hessen, NRW und Frankreich mit ihren Flugzeugen auf dem 88 Hektar großen Gelände. „Ich habe mir einige Flugplätze bei Berlin angeschaut, doch erst dieser hat meinen Vorstellungen entsprochen“, sagt Andreas Führer. Der 47-Jährige hat erst vor anderthalb Jahren mit dem Segelfliegen begonnen, er schätzt neben der freundschaftlichen Atmosphäre vor allem das oberste Prinzip des Vereins: „Safety first“ – Sicherheit zuerst.

Noch nie in der 17-jährigen Geschichte des Leistungszentrums hat es hier einen schwereren Unfall gegeben. Dafür sorgen auch strenge Richtlinien des Vorsitzenden Herbert Märtin, der selbst in 40 Flugjahren an die 6500 Starts absolviert hat.

Märtin erinnert sich gut an die Zeit vor der Wende, als der Westberliner Verein häufig ins rund 400 Kilometer entfernte Bielefeld gefahren ist, um dort seinen Sport auszuüben. „Dann haben wir 1990 dieses Gelände auf einer geheimen englischen Fliegerkarte entdeckt“, erzählt er. Sofort sei man begeistert gewesen von dem großen Areal nahe Berlin, der schönen Landschaft mit vielen Wiesen und Feldern, die im Notfall eine ungefährliche Außenlandung erlauben – und von den optimalen thermischen Bedingungen. Für die sorgen der sandige Boden, der nicht viel Wärme speichern kann, und die zahlreichen Kiefernwälder, die spät ihre Wärme abgeben. So steigt man morgens über den weiten Flächen und abends über den Wäldern in die Höhe.

So oft Pilot Isu das schon erlebt hat – langweilig wird es dem Berufspiloten einer Linienfluggesellschaft nie: „Mein Herz gehört dem Segelfliegen“, sagt der Zehlendorfer in 500 Metern Höhe. Von hinten hört man das Lächeln in seiner Stimme. Dann leitet Isu nach einem langen Gleiten eine sanfte Rechtskurve ein. Dort über dem Kiefernwald kreisen zwei Vögel im Aufwind.

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