Der Tagesspiegel : Friedloser Rechtsfrieden

Die Bewohner von Seehof bangten 15 Jahreum ihr Heim. Nun ist der Prozess zu Ende.Das Misstrauen bleibt

Nadine Fabian

Teltow - Die Allee ist ein holpriger Sandweg, der nach dem heftigen Regenguss unter riesigen Pfützen verschwunden ist. Die Grundstücke liegen ruhig – als wären die Bewohner und ihre Geschichte fortgeschwemmt. Als wären sie es leid, von Seehof und dem Sabersky-Erbe zu erzählen. 15 Jahre dauerte der Rechtsstreit um die Rückübertragung des früheren jüdischen Eigentums im Teltower Ortsteil Seehof – jetzt ist er beendet.

Ende des 19. Jahrhunderts erwarben die Brüder Max und Albert Sabersky das 84 Hektar große Gut Seehof. Weil bereits weit vor 1933 Pläne zur Parzellierung aufgestellt wurden, gilt es als nicht belegbar, ob die spätere Veräußerung freiwillig oder tatsächlich unter dem Druck der Nationalsozialisten erfolgte. Der 1991 von den Sabersky-Erben eingereichte Rückgabeantrag wurde deswegen abgelehnt – der Beginn eines der größten und langwierigsten vermögensrechtlichen Verfahren in Ostdeutschland. Erst vor wenigen Tagen haben sich das Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen (BARoV) und die Vertreter der jüdischen Erbengemeinschaft zu den restlichen knapp 600 Grundstücken geeinigt. In etwa 280 Fällen verzichten die Erben auf ihren Restitutionsanspruch; sie erhalten vom Bund eine Entschädigung von insgesamt zwei Millionen Euro. In den übrigen Fällen, in denen eine Rückübertragung beschlossen wurde, können die Eigentümer ihre Grundstücke kaufen – zum halben Verkehrswert.

Nur wenige Meter hinter der Max-Sabersky-Allee beginnt Berlin. Jochen Gebauer steht in seinem Vorgarten und taxiert die Garagenauffahrt, die er am Wochenende erneuern will. Er hat das Vertrauen in die Politik und in die Bundesrepublik schon lange verloren. „Egal, ob Rot, Grün, Schwarz oder sonst was“, sagt der grauhaarige Mann. Im Falle Seehof haben seiner Meinung nach alle versagt.

„Trotzdem habe ich Verständnis für beide Seiten“, sagt Jochen Gebauer. Den jüdischen Erben sei in der Nazi-Diktatur übel mitgespielt worden. „Das darf sich niemals wiederholen“, betont Gebauer. Andererseits haben die Menschen, die auf dem Sabersky-Boden leben, durch den jahrelangen Rechtsstreit gelitten. Wie Gebauer es formuliert: Ein Nervenkrieg. „Die Politik hat mit dem Grundsatz Rückgabe vor Entschädigung eine ungeschickte und unglückliche Lösung erarbeitet“, sagt er. In Sicherheit wiegt sich niemand nach dem scheinbar unendlichen Hin und Her, in das die Seehofer nicht eingreifen konnten. „Eigentlich müsste die Sache nun erledigt sein.“ Aber Gebauer bleibt skeptisch.

Seit 30 Jahren lebt er nun hier, hat das Haus mit den eigenen Händen gebaut und unter seinem Dach die beiden Kinder groß gezogen. Obwohl die Familie seit der Wende nie wusste, ob ihr morgen noch gehört, was sie heute ihr Eigen glaubte, ist das Haus in einem gepflegten, schmucken Zustand. 42000 D-Mark kostete das Dach, 35000 die Verklinkerung. Heizung und Fenster sind neu, Parkett wurde gelegt, der Keller gefliest. Fast überall in der Siedlung sieht es so aus. Nur in wenigen Häusern leben Menschen, die mit der Renovierung abgewartet haben und nur das Nötigste ausbessern.

„Das Schlimmste ist, dass wir nicht informiert werden. Keiner weiß genau, was los ist“, sagt Gebauer. Aus dem Internet, dem Fernsehen und der Zeitung klauben sich die Nachbarn die Neuigkeiten zusammen. Abhilfe schaffte Traute Herrmann. Sie gründete vor einigen Jahren eine Bürgerinitiative – „ohne große Demonstrationen“. Sie hielt Kontakt zu Anwälten, Richtern und Betroffenen und organisierte Info-Abende. Die Betroffenen, deren Fälle das Bundesamt und die Erben nicht in Einzelprozessen, sondern „im Paket“ verhandeln, wurden überhaupt nicht hinzugezogen, so die 76-Jährige. Sie selbst hat ein 1935 erbautes Haus in der nicht restitutionsfesten Nachwende-Zeit erworben. „Unrecht“, sagt Traute Herrmann. Es klingt bitter. Inzwischen hat sich ihr Fall geklärt: „Ich habe Haus und Grundstück noch einmal gekauft.“

Die Seehofer, so ist ihre Erfahrung, sind weiterhin verunsichert und wollen dem jungen Rechtsfrieden noch nicht trauen. Viele warten ab, welcher Kaufpreis nun auf sie zukommt. „Wir sind doch nur einfache Leute“, sagt Traute Herrmann. „Vielleicht“, sagt sie erst nach einer Pause, „haben wir doch etwas erreicht. Es gibt aber keinen Grund, die Sektkorken knallen zu lassen.“

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