FU Berlin : „Mit fliegenden Rockschößen“

Die Freie Universität ist dabei, sich als Elite-Uni neu zu erfinden. Manche sind begeistert – andere protestieren. Ein Stimmungsbild

Anja Kühne
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Neues Gesicht. Die FU umwirbt Studierende aus dem Ausland (hier ein Treffen bei der internationalen Winteruni)....

Vor zwei Jahren landete die Freie Universität einen Coup. Als Außenseiterin gestartet, kämpfte sie sich im Exzellenzwettbewerb mit acht anderen Unis in den von Bund und Ländern geschaffenen Forschungsolymp. In den nächsten fünf Jahren kann sie zusätzlich 105,4 Millionen Euro ausgeben – eine enorme Summe. Das Geld soll der FU helfen sich so zu wandeln, dass sie in die weltweite Spitzengruppe vordringt, lautet das offizielle Ziel der Exzellenzinitiative. Also ist die FU dabei, sich neu zu erfinden. Um als „internationale Netzwerkuniversität“ Erfolg zu haben, verändert sie ihr Innenleben: Neue Gremien und Zentren sollen noch mehr Schwung in die Forschung bringen. Der Umbau der FU findet begeisterte Fans – und Kritiker.

DIE KRITIKER

Im K-Gang der Rostlaube trennt neuerdings eine verschlossene Glastür einen Trakt ab. Nur wer den Code kennt, kann weitergehen: in die Räume des im Exzellenzwettbewerb eingeworbenen großen Projekts „Languages of Emotion“. Gerd W. sieht in der Tür ein Sinnbild für die Entwicklung, die die FU gerade nimmt: Eine gläserne Mauer verläuft zwischen der ersten Klasse, den Exzellenzforschern, und dem Ruderdeck für die nicht mit dem Exzellenzsiegel geprüften Wissenschaftler sowie die Masse der Studierenden.

Die FU als „Exzellenzuniversität“: Gerd W., ein seit Jahrzehnten mit der Uni verbundener Kulturwissenschaftler im Pensionierungsalter, kann darüber nichts Gutes sagen. Aus seiner Sicht haben sich die Befürchtungen, die schon im Vorfeld der Exzellenzinitiative bundesweit diskutiert wurden, bestätigt. Nicht nur zwischen den Universitäten kommt es zu einem „Dissoziierungsprozess“, trennt eine neue Ordnung die Mehrzahl vermeintlich schwächerer von einer kleinen Zahl angeblich besserer Unis. Die gleiche Auflösung ist innerhalb der im Exzellenzwettbewerb erfolgreichen Hochschulen zu beobachten: Die Uni spaltet sich auf in ein Oben und ein Unten.

An der FU sei die „strukturelle Verachtung der Studierenden mit den Händen zu greifen“, meint Gerd W. „Hochnäsige Professoren“, denen ihre Erfolge zu Kopf gestiegen seien, zögen sich in closed shops zurück. Ihre Lehrverpflichtungen würfen sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs auf die Füße. Sei es früher üblich gewesen, im Treppenhaus zu einem Plausch stehen zu bleiben oder einander neue Rezensionen zuzuschicken, herrsche jetzt Vereinzelung. „Mit fliegenden Rockschößen“ eilten die Forscher zu ihren Projekten, ohne Zeit, die Gemeinschaft am Institut zu pflegen oder sich hochschulpolitisch zu engagieren.

Auch andere Wissenschaftler fremdeln. Unlängst bekam der FU-Präsident Besuch von Kritikern. Mehrere im Akademischen Senat (AS) der FU aktive Professoren beklagten sich über „fehlende Transparenz“ und „Doppelstrukturen“. Der Eindruck ist entstanden, dem AS entgleite die Zukunft der Uni, seit 25 ausgewählte FU-Professoren im neuen „Exzellenzrat“ maßgeblich bei der strategischen Entwicklung der Uni mitreden. Zumal der linke „Dienstagskreis“ der Professoren wünscht, dass der AS wieder stärker an den Entscheidungen der Uni beteiligt wird, sagt dessen Mitglied Hajo Funke, Politikprofessor. Es gebe einen „Konflikt“ mit dem Präsidenten: „Wird zu sehr durchregiert, wird die Komplexität einer Universität zu sehr vereinfacht.“ Der Präsident habe signalisiert, er sei für Anregungen offen. „Was das dann heißt, werden wir sehen“, sagt Funke.

DIE FANS

Es ist allerdings nicht schwer, an der FU gut gelaunten Pragmatikern und sogar Optimisten zu begegnen. Peter André Alt, Professor für Neuere deutsche Literatur, freut sich über den „guten Spirit“ an der Uni. Alt, der selbst die Graduiertenschule Friedrich Schlegel für Literaturwissenschaft im Exzellenzwettbewerb eingeworben hat und Direktor der neuen Dahlem Research School ist, kennt die FU aus seiner Zeit als Student, Doktorand und Habilitand: „Die Universität ist eine völlig andere ist als die, die ich in den neunziger Jahren verlassen habe“, sagt er. Die alte FU habe sich dadurch ausgezeichnet, dass sich 30 bis 40 Prozent der Professoren in einer „eigenen Welt“ „privatisiert“ hätten. Die neu berufenen Professorinnen und Professoren wollen kooperieren. Wie das geht, konnten sie in der Exzellenzinitiative üben: „Wir haben gelernt zu gucken, ob Projekte an andere Projekte in der Region anschlussfähig sind“, sagt Alt. Die Mehrzahl der Skeptiker sei bereits für den Umbau der Uni gewonnen. „Unproduktive Spannungen“, gar ein „Schisma“ seien nicht zu erkennen. Den FU-Angehörigen werde vermittelt, dass „alle Potenziale gehoben werden sollen“.

Friederike Fless, neben Christof Rapp Sprecherin des gemeinsam mit der HU eingeworbenen altertumswissenschaftlichen Clusters „Topoi“, schwärmt, die Exzellenzinitiative sei „grandios“ für die ständig in ihrer Existenz bedrohten Orchideenfächer. Das Cluster ist riesig. Beteiligt sind auch die Berlin Brandenburgische Akademie, das Deutsche Archäologische Institut (DAI), das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Wissenschaftler aus fast zwei Dutzend Disziplinen erforschen die Wechselbeziehungen zwischen Raum und Kultur in der Antike, etwa indem sie die Repräsentation des Raums in antiken Kulturdenkmälern oder Mechanismen zur Kontrolle sozialer Räume untersuchen. Eins der übergreifenden Ziele ist eine Theorie des Raums.

Mittlerweile hat das Cluster 73 Stipendiaten zur Promotion aufgenommen, 65 Stellen für Mitarbeiter in Wissenschaft und Verwaltung sind geschaffen worden, neun Professuren wurden berufen, eine Reihe von Gastprofessoren wurden für Aufenthalte von bis zu einem Jahr gewonnen. Viele der Wissenschaftler kommen aus dem Ausland, ganz so, wie die FU es sich für ihre Internationalisierung wünscht. Fächer wie Altorientalistik und Hetitologie sind so klein, dass Spezialisten ohnehin weltweit gesucht werden müssen, sagt Fless. Außerdem kämen „namhafte Leute“ sowieso gerne nach Berlin. Mit dem neuen Cluster gilt Berlin erst recht als hot spot für Altertumsforscher. Das Projekt kann zwischen 2007 und 2012 rund 33 Millionen Euro ausgeben – eine gewaltige Summe für ein kulturwissenschaftliches Vorhaben.

Die Größe des Clusters verursacht einen bis dahin nicht gekannten Verwaltungsaufwand. Alle Ausgaben müssen auf einem vorgeschriebenen Weg dokumentiert werden. Die Wissenschaftler müssen bereits eine Zwischenevaluation des Projekts erstellen. Trotz vieler Belastungen habe sie durch die Arbeit fürs Cluster „wahnsinnig schnell“ ihren wissenschaftlichen Horizont erweitert, sagt Fless. Im Kontakt mit den Kollegen aus den Nachbardisziplinen habe sie „eigene Ansätze überprüft“ und lerne „permanent dazu“.

Möglichkeiten, an den Aktivitäten des Clusters zu partizipieren, sollen alle interessierten Uni-Angehörigen haben. Workshops und Gastvorträge sind für jeden offen, sagt Fless. Und anders als bei den althergebrachten DFG-Projekten bieten die neuen Cluster Forschern, die selbst nicht zu den Antragstellern gehörten, die Chance, ein eigenes Projekt anzudocken und dafür Mittel zu bekommen.

In den neuen Strukturen der FU findet Fless sich inzwischen gut zurecht. Das Center for International Cooperation hat sich bereits bei der Planung eines Treffens in Kairo bewährt, das Center for Cluster Development hat nützliche Ratschläge für den Folgeantrag im nächsten Exzellenzwettbewerb gegeben.

Auch Joachim Küpper, Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät, kommt mit dem Wandel gut klar. „Manche Leute wünschen keine Differenzierung nach Leistung. Sie nutzt aber den Studierenden und der Stadt.“ Die Sorge, Entscheidungen an der Uni könnten mit den neuen Gremien intransparenter geworden sein, treibt Küpper, selbst Mitglied im „Exzellenzrat“, nicht um. „Das sind ja keine Geheimgremien.“ Für ihn ist entscheidend, dass sein Fachbereich „ein Ort geworden ist, wo wissenschaftliche Größen aus der ganzen Welt auftreten“.

Für viele FU-Angehörige hat es sich noch nie so gut angefühlt, zur FU zu gehören, wie jetzt: „Wir haben gearbeitet wie die Verrückten. Aber der Erfolg ist unglaublich motivierend“, sagt Matthias Dannenberg, Verwaltungsleiter des Fachbereichs Geisteswissenschaften. Dannenberg ist seit Jahrzehnten ein leidenschaftlicher FU-Mann. Die unlängst von dem New Yorker Spitzen-Biologen Thomas Tuschl öffentlich geäußerte Häme über sein Berufungsverfahren an der FU prallt an dem Verwaltungsleiter ab. Tuschl hatte erklärt, die FU habe um jede „Spülkraft“ für die Reagenzgläser gefeilscht. An der FU hat sich allerdings herumgesprochen, dass Tuschl seine Mitarbeiter verbeamten lassen wollte – aus Sicht der FU-Fans der Beweis dafür, dass Tuschl nicht zum neuen Leistungsdenken der Uni passt: Die FU will keine Hängematte für „Wissenschaftsbeamte“ mehr sein, darauf ist Dannenberg stolz. Tritt er aus dem Dekanat, kann er die Rostlaube sehen, die nach ihrer Sanierung matt schimmert. Von der Schmuddeluni zum Schmuckstück – dafür macht Dannenberg gerne Überstunden.

DIE PRAGMATIKER

Disziplinen wie Jura oder Wirtschaftswissenschaften hatten im Exzellenzwettbewerb wenig Grund zum Jubeln. Auch nicht an der FU. Ob den Gutachtern die Anträge der Juristen und Ökonomen in der zweiten Runde besser gefallen, ist ungewiss. Und beide Fächer drückt vor allem der Ansturm der Studierenden.

So klingt der Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der FU nicht enthusiastisch, wenn er über die Exzellenzinitiative spricht. Pragmatisch aber schon. Die Entwicklungen an der FU seien „ein Signal sich anzustrengen“. Denn die FU macht mobil. Fächer, die in der Exzellenzinitiative noch nicht zum Zug gekommen sind, sollen jetzt Ideen entwickeln. Das für diesen Zweck an der Uni eingerichtete Zentrum für Clusterentwicklung hilft dabei. Für die bislang noch nicht erfolgreichen Disziplinen ist es besser, mitzumachen – sonst könnte sich ihr standing an der Uni verschlechtern. Entsprechend erleichtert ist Kleinaltenkamp über einen ersten Erfolg. Das Präsidium will den Antrag der Ökonomen in den Elitewettbewerb schicken.

Den Umbau der FU sieht Kleinaltenkamp nüchtern: „Die neuen Strukturen reiben sich an den alten, die davon irritiert werden. Aber das ist gewollt“, sagt der Professor für Business- und Dienstleistungsmarketing: Auch „mehrere Klassen innerhalb der Universität“ seien nun einmal von der Exzellenzinitiative gewollt.

DIE STUDIERENDEN

Ist es für die Studierenden wichtig, dass die FU Exzellenzuni ist? „Das Mensaessen bleibt ja schwach“, albern drei junge Mathematik-Studenten am U-Bahnhof Dahlem-Dorf herum. Einer Biologiestudentin fallen zum Thema Exzellenzuni sogleich die „prähistorischen sanitären Einrichtungen“ ihres Instituts ein. Und die vakanten Professuren, die ein Studium in der Regelstudienzeit unmöglich machten. Möglicherweise komme ja aber Geld bei den Geisteswissenschaftlern an.

Dort sind die Studierenden aber genauso reserviert: „Studierende haben sowieso nichts davon“, sagt eine Linguistikstudentin vor der Foster-Bibliothek in der Rostlaube. Etwas weiter den Gang runter sitzen zwei Japanologinnen mit ihren Laptops auf einem Drahtsofa. Exzellenzuni? „An unserem Institut fehlen Wörterbücher“, erklären sie. Eine Studentin mit Kombination Komparatistik und Arabistik beschwert sich, im Zuge der Exzellenzinitiative flüchteten Dozenten zunehmend in die Forschung.

In der Tat: Die Exzellenzinitiative unterstützt die universitäre Forschung, nicht die seit Jahrzehnten – auch an der FU – dramatisch unterfinanzierte Lehre. Und der Elitewettbewerb kann sogar zulasten der Lehre gehen. Nämlich dann, wenn Studierende die erfolgreichen Spitzenprofessoren nicht mehr zu Gesicht bekommen. Die in den Projekten arbeitenden Professoren sind von ihrer Lehrverpflichtung (neun Semesterwochenstunden) entlastet worden. Sie haben Freisemester oder unterrichten nur noch zwei bis vier Stunden pro Woche. Ob sie diese Zeit mit Studienanfängern im Bachelor verbringen wollen oder lieber mit Doktoranden, entscheiden die Wissenschaftler selbst.

Das hat Folgen, wie der Germanist Peter André Alt in seiner Bilanz über seine Zeit als Dekan durchblicken lässt. „Zahlreiche Studierende“ kämen an die FU, „um Veranstaltungen der in der Forschung herausragenden Professorinnen und Professoren zu besuchen, die dann aber häufig freigestellt oder nur noch in der Doktorandenausbildung aktiv sind“, schreibt Alt. Mittlerweile beklagten viele Studierende, sie hätten Probleme, Betreuer für ihr Examen zu finden.

Und doch profitieren Studierende auch von den Erfolgen der Exzellenzinitiative, sagt Friederike Fless, die selbst immer noch etwa sechs Stunden unterrichtet. Alle Studierenden können in der Bibliothek Bücher benutzen, die früher nicht bezahlbar waren. Sie können renommierten Wissenschaftlern aus aller Welt zuhören, die jetzt in Berlin Gastvorträge halten. Die Chancen auf ein Promotionsstipendium sind mit den neuen Graduiertenschulen deutlich gestiegen.

Und Studierende in der Archäologie haben jetzt „Topaussichten“, in der Feldforschung aktiv zu werden, sagt Fless. Viele Projekte hätten jetzt das Geld, Studierende an Grabungsorte mitzunehmen, wo sie dann etwa gemeinsam mit einem so prominenten Wissenschaftler wie Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, forschen könnten. Die Klage „Mein Prof ist nicht da“, hat Fless noch nicht gehört. Schließlich würden die reduzierten Deputate ja auch durch Nachwuchswissenschaftler aufgefangen.

Das stimmt. Allerdings kann die Betreuung an der Uni trotzdem leiden, wie FU-Präsident Dieter Lenzen sagt. Das Kapazitätsrecht verlangt, dass die Unis so viele Studierende aufnehmen, wie sie irgend können. Unterrichten manche Professoren im Zuge der Exzellenzinitiative weniger, so verfahren die Gerichte doch immer noch so, als hätten sie das volle Lehrdeputat, sagt Lenzen. So müsse die Lehre der nicht verfügbaren Professoren von anderen mit übernommen werden: einzelne Lehrveranstaltungen können voller werden. „Die Gesetze passen nicht zur Exzellenzinitiative“, findet Lenzen.

DER PRÄSIDENT

„Wir rennen ja jetzt nicht mit Clubjacken wie in Harvard rum“, klärt der FU-Präsident über den Wandel der FU zur „Elite-Uni“ auf. Standesdünkel soll nicht zu dem „Identitätsfindungsprozess“ gehören, in dem er die FU bereits einen entscheidenden Schritt vorangekommen sieht. Mit ihrem Zukunftsplan habe die Uni sich auf den Begriff gebracht, sagt Lenzen: Eben indem sie sich als „internationale Netzwerkuniversität“ betrachtet.

Clubjacken trägt man an der FU nicht – einen Faculty Club gibt es jedoch seit kurzem. Auf Betreiben des FU-Präsidenten ist auf dem Campus ein Tagungshotel mit 186 Zimmern errichtet worden. In der Lounge hinter der großen Glasfront spricht Lenzen manchmal mit Gästen darüber, wie sich die wissenschaftlichen „Leuchttürme“ der FU immer weiter „herausmendeln“. Und darüber wie sich die Drittmittel entwickeln. Schließlich muss sich die FU hier weiter steigern, will sie in der zweiten Runde des Exzellenzwettbewerbs weiter gefördert werden.

Fällt sie durch, läuft die Finanzierung aus. An der Uni geht die Sorge um, einige Bereiche müssten dann für andere bluten, die Exzellenzprojekte müssten „durch Umwidmung bestehender Ressourcen fortfinanziert werden“, wie Dekan Kleinaltenkamp formuliert. Diese Gefahr sieht Lenzen nicht. Sollte die FU durchfallen, könnten die sieben neuen mit DFG-Geld bezahlten Professuren leicht durch Umschichtungen in ihrem eigenen Gebiet oder mit Mitteln aus einer Reserve fortfinanziert werden.

Natürlich will die FU wieder siegen. Das verlangt allen viel ab, sagt Lenzen. Viele Mitarbeiter bewegten sich „an der Leistungsgrenze“. Dennoch ist er überzeugt, dass es noch mal klappen kann: „Die meisten sind positiv gestimmt.“

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