Der Tagesspiegel : Fünf Kinder starben: Berliner Busfahrer jetzt vor Gericht Er war im Sommer 2002 auf der A24 ungebremst in ein Stau-Ende gerast

Sandra Dassler

Oranienburg. Es begann mit einem eher harmlosen Auffahrunfall auf der Autobahn 24 Berlin-Hamburg: Am Morgen des 21. Juli 2002 war bei Kremmen eine 22-Jährige mit ihrem Nissan auf einen VW gefahren. Ein nachfolgender Mercedes, ein Audi und ein VW-Bus hielten an, um zu helfen. Da raste ein leerer Reisebus ungebremst in das Stauende. Die fünf Kinder im VW-Bus und die Nissan-Fahrerin starben.

Ab Mittwoch nächster Woche muss sich der Fahrer des Reisebusses vor dem Amtsgericht Oranienburg wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Auch 15 Monate nach dem Unfall ist völlig unklar, warum der damals 47-jährige Berliner vor dem Aufprall überhaupt nicht zu bremsen versuchte. Die Ermittler waren zunächst davon ausgegangen, dass der Busfahrer vom Sekundenschlaf übermannt wurde. Ein Sprecher der Berliner Firma „Grenzenlos reisen“, für die der Fahrer unterwegs war, hatte zwar versichert, dass der Mann am Vortag schon um 16 Uhr seinen Dienst beendete, die Staatsanwaltschaft hatte dies jedoch offensichtlich nicht geglaubt. Sie ließ die Geschäftsräume der Firma durchsuchen. Es fanden sich jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass der Firmensprecher die Unwahrheit gesagt hätte. Auch Alkohol oder Drogen scheinen keine Rolle gespielt zu haben.

Der Busfahrer selbst kann sich nach eigenen Angaben nicht mehr an den Unfallhergang erinnern. Er stand nach dem Unglück lange unter einem Schock. Ein Sprecher von „Grenzenlos reisen“ sagte dem Tagesspiegel: „Wir haben uns um ihn gekümmert, dafür gesorgt, dass er eine Therapie machen konnte. Inzwischen ist der Mann nicht mehr bei uns beschäftigt. Ihm wurde nach dem Unfall der Führerschein entzogen.“

Alle in dem VW-Bus getöteten Kinder kamen aus dem Potsdamer Kinderheim „Eva Laube“. Die Zwillinge Katharina und Tobias (8), ihre Schwester Jennifer (10) sowie Maria (12) und Sebastian (13) und waren auf dem Weg in ein Ferienlager. Das ganze Land nahm Anteil an ihrem tragischen Schicksal. In der Potsdamer Friedrichskirche beteten fünf Tage nach dem Unfall mehr als 600 Menschen für die Opfer und ihre Familien.

Eva Hübner, die Leiterin des zum Evangelischen Jugend-und Fürsorgewerks (EJF) gehörenden Heims, befürchtet, dass der Prozess für alle Beteiligten, vor allem für die ihr anvertrauten Kinder, zur Belastung wird. Als Nebenkläger wollte das EJF nicht vor Gericht erscheinen. In einer Stellungnahme heißt es: „Wir achten den Strafanspruch des Staates, enthalten uns aber einer Stellungnahme zur Sache. Als Christen glauben und betonen wir: Wir alle, auch der Busfahrer, leben immer wieder von der Vergebung.“

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