Der Tagesspiegel : Für den Kirchturm im Dorf

Das Programm der freien Wählervereinigungen besteht oft nur aus einem Punkt – genau deshalb hatten sie am Sonntag großen Erfolg

Claus-Dieter Steyer

Prenzlau. Sie trugen auf den Wahlzetteln am Sonntag Namen wie „Alle für Eine“, „Frischer Wind“, „IM 93“ oder auch „Der Kirchturm muss im Dorf bleiben“. Und sie gewannen teilweise mehr als 40 Prozent der Stimmen. Die unabhängigen Wählervereinigungen und -bündnisse erzielten vor allem bei der Neubesetzung der Gemeindevertretungen – ebenso wie bei den Wahlen zu den Kreistagen – beachtliche Gewinne. Sie haben in der Regel ganz konkrete Ziele und gewannen für deren Umsetzung mehr Vertrauen als die alteingesessenen Parteien wie SPD, PDS und CDU. Vor allem in Dörfern, die am Wahlsonntag im Zuge der Gemeindegebietsreform ihre Eigenständigkeit verloren haben, waren die Unabhängigen erfolgreich: Die Wähler in den kleinen Orten wollten als ihre Vertreter in der Großgemeinde möglichst Menschen entsenden, die aus einer fassbaren Gruppe kommen und sich keiner Parteiräson unterordnen müssen. Das erklärt die guten Ergebnisse von Freiwilligen Feuerwehren, Seniorengruppen oder Kirchengemeinden.

In Diepensee, das bis zum nächsten Jahr dem neuen Großflughafen in Schönefeld weichen muss, erhielt die unabhängige Liste „Alle für Eine“ 40,36 Prozent aller Stimmen. Als Spitzenkandidat trat hier der Schönefelder Amtsdirektor Udo Haase an. Ihm trauen die Bürger offenbar besser zu, ihre Interessen bei der Umsiedlung zu vertreten, als den Vertretern von SPD und CDU, die hier nur 20 beziehungsweise 18 Prozent erreichten.

Mit ähnlichem Erfolg bewarben sich unabhängige Wählervereinigungen auch um die Sitze in den Kreistagen. Sie erreichten teilweise mehr als 10 Prozent der Stimmen. Und profitierten ebenfalls von ihren ganz speziellen Anliegen. So kam die Bürgerinitiative „Rettet die Uckermark“ in dem nordöstlichen Landkreis auf fast 11 Prozent der Stimmen. Sie kämpft gegen den weiteren großflächigen Aufbau von Windkrafträdern, die ihrer Ansicht nach das Landschaftsbild zerstören und zu fallenden Grundstückspreisen in der Umgebung führen.

In eher ländlich geprägten Regionen zieht vor allem der Bauernverband mit vielen Vertretern in die Kreistage: In der Prignitz entschieden sich 12 Prozent aller Wähler für den Kreisbauernverband, in Elbe-Elster 11 Prozent für die Gemeinschaft „Landwirtschaft, Umwelt und Natur“, in Märkisch- Oderland und Teltow-Fläming jeweils 8 Prozent für den Bauernverband. Die Landwirte versprechen sich davon vor allem Unterstützung im Kampf gegen weitere Auflagen des Naturschutzes. Im Barnim tauchte auch die Abkürzung für die ehemalige Ost-Berliner Nahverkehrsgesellschaft BVB wieder auf den Wahllisten auf. Dahinter verbarg sich allerdings die Gruppe Bauernverband Barnim, die fast 5 Prozent gewann.

Die kleineren Parteien blieben bei den Kreistagswahlen meist unter fünf Prozent. Im Barnim kam die Schill-Partei auf 4,98 Prozent, die DVU vereinigte in Märkisch-Oderland 2,5 Prozent der Stimmen auf sich und im Spree- Neiße-Kreis entschieden sich 2,63 Prozent der Wähler für die fast schon vergessene DSU. Doch zusammen holten die vielen regionalen Wählerinitiativen und die Protestparteien so viele Stimmen, dass es fast überall 15 bis 20 Prozent für die „Anderen“ gab.

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