Für "Der Turm" : Deutscher Buchpreis geht an Uwe Tellkamp

Uwe Tellkamp - einen solch verdienten Preisträger hat der Deutsche Buchpreis noch nicht gesehen.

Gerrit Bartels[Frankfurt am Main]
Deutscher Buchpreis 2008 geht an Uwe Tellkamp
Preiswürdig. Uwe Tellkamp nach der Verleihung in Frankfurt am Main.Foto: ddp

Man hatte kurz vorher noch Schlimmes befürchtet. Da hieß es ernsthaft und aus natürlich zuverlässigen Quellen, die siebenköpfige Jury des Deutschen Buchpreises könne sich nicht entscheiden zwischen Rolf Lappert und Dietmar Dath; zwischen dem lebensprallen Roman einer männlichen Selbstfindung, „Nach Hause schwimmen“, und dem schlawinernden Science-Fiction-Huberduber mit Diskursanspruch, „Die Abschaffung der Arten“. Als dann aber Gottfried Honnefelder, der Börsenvereinsvorsteher des Deutschen Buchhandels, um 18 Uhr 51 verkündet, dass der Buchpreis 2008 an Uwe Tellkamp und sein DDR-Endzeit-Panorama „Der Turm“ geht, hat alles seine gute Ordnung im Kaisersaal des Frankfurter Römers, seine literarische zumal. Denn in der kurzen Geschichte des Preises hatte es noch nie einen so haushohen Favoriten gegeben wie Tellkamp mit seinem Epos, das genauso ein ästhetisches Vergnügen ist, wie es auf seine enorme Länge bis zum Ende zu fesseln vermag.

Die Konkurrenten von Tellkamp hätte man in den vergangenen Jahren getrost als Preisträger begrüßen und bequem zwischen Arno Geiger (2005), Katharina Hacker (2006) und Julia Franck (2007) verorten können. In diesem Jahr hätte ein Votum gegen Tellkamp bestenfalls die Unabhängigkeit der Jury bewiesen, der Deutsche Buchpreis hätte sich damit aber auch selbst ad absurdum geführt. So jedoch sind alle zufrieden und selbst der Bestselleranspruch der Preisverleiher dürfte sich mit dem nicht leichten Roman von Tellkamp erfüllen: „Der Turm“ stand schon vorher auf Platz 13 der „Spiegel“-Charts.

Und noch einmal schlimme Ahnungen

Anspannung, Nervosität, bemühte Gefasstheit, Rührung – all das spürt man bei Uwe Tellkamp, als er nach den Umarmungen mit seiner neuen Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz und deren Adlatus Thomas Sparr im schwarzen Anzug und mit leuchtend gelber Krawatte auf die Bühne kommt. Er habe keine Dankesrede vorbereitet, sagt er, das sei jetzt „die Brisanz des Augenblicks“. Auf den an so einem Abend alles hinausläuft und der auch für das ewig gleiche, holzschnittartige Procedere entschädigen muss: für die Ansprache von Frankfurts Bürgermeisterin Petra Roth („der Preis gehört einfach in diese Stadt“), das zehnminütige Schultergeklopfe und Preislob von Honnefelder („der deutsche Roman lebt“), das bemühte Geplauder von Moderator Gert Scobel mit dem Juryvorsitzenden Rainer Moritz und Scobels nochmals schlimme Ahnungen weckendes Zitieren eines Hegel-Worts, der „würdigen Popularität“, die auch die Literaturkritik vor allem ausstrahlen müsse.

Tellkamp dankt in der ihm eigenen zackig-pathetischen Diktion all den Seinen mit Küsschen, seiner Frau, seinem kleinen Sohn, „der hoffentlich jetzt im Bett liegt“ und allen „literarischen Überzeugungstätern“. Und er bedankt sich für „so manchen Fußtritt“ in der Vergangenheit. Wen er damit wohl meint? Die Kritiker, die ihn nach seinem Roman „Der Eisvogel“ 2005 in eine rechte Ecke gestellt hatten, da Tellkamp es in diesem Roman an Distanz zu seiner in die rechte Szenen abdriftenden Hauptfigur fehlen ließ? Oder seinem alten Verlag, der den „Turm“ in einem handelsüblichen Format von maximal 500 Seiten veröffentlichen wollte? Aber sich lieb Kind machen, ist auch nicht so einfach: Als Tellkamp all seine Konkurrenten auf die Bühne bittet, tuschelt ein Kritiker: Auch so kann man seine Kollegen demütigen. Doch ist diese Geste nicht einfach nur schlicht und charmant? Vermutlich wird sie Schule machen. Einen solch verdienten Preisträger hat der Deutsche Buchpreis jedenfalls noch nicht gesehen.