Der Tagesspiegel : Für eine Hand voll Pfund

Gründungen in Form einer englischen „Limited“ erleben derzeit einen Boom. Doch diese Alternative zur GmbH ist nicht für jeden Unternehmer richtig

Jürgen Rodegra,Christian Martin Buth

In den Briefkästen deutscher Geschäftsleute finden sich seit Monaten immer öfter Informationsschriften über die Vorteile einer Unternehmensgründung im Ausland. Provozierend wird darin nahe gelegt, ein künftiges Unternehmen nicht umständlich als GmbH oder GmbH & Co. KG zu führen, sondern stattdessen zeitgemäß eine „Limited“ nach englischem Recht zu gründen. Eine Gesellschaftsgründung in England oder Wales sei viel günstiger als in Deutschland, man spare sich das Stammkapital von mindestens 25 000 Euro und obendrein sei das Gesellschaftsrecht auf der Insel weniger bürokratisch als hierzulande – innerhalb weniger Tage sei der Gründungsakt vollzogen.

Ausgelöst wurde dieser Trend durch eine Reihe von Gerichtsentscheidungen, die es möglich machen, das liberalere Gesellschaftsrecht des einen Mitgliedsstaates der Europäischen Union zu nutzen, um mit der dort gegründeten Gesellschaft dann ausschließlich in einem anderen Mitgliedsstaat geschäftlich tätig zu sein. Allein im Jahr 2004 ließen sich schon gut 17 000 deutsche Unternehmer als director einer „Limited“ in England registrieren. Das Prozedere ist einfach: Bei der Gründung einer „Limited“ wird für die in England gegründete Gesellschaft in Deutschland eine unselbstständige Zweigniederlassung errichtet. Ausschließlich von dieser aus führt das Unternehmen dann seine Geschäfte. Die Zweigniederlassung muss beim Handelsregister in Deutschland angemeldet werden.

So kann zum Beispiel ein Handwerksbetrieb aus dem Berliner Umland statt einer GmbH eine „Limited“ in England mit Zweigniederlassung in Potsdam gründen, selbst wenn keiner seiner Kunden außerhalb von Berlin und Brandenburg ansässig ist. Damit kann er die strengen Vorschriften des deutschen GmbH-Rechts zur Aufbringung des Stammkapitals umgehen und spart sich darüber hinaus Zeit und die Kosten für die notarielle Beurkundung seines GmbH-Gesellschaftsvertrages.

Doch so einfach und verlockend diese rechtliche Konstruktion auf den ersten Blick scheinen mag, sie birgt doch eine ganze Reihe von Fallstricken und Risiken:

– Vor allem sollte sich ein deutscher Gründer darüber im Klaren sein, dass er sein Unternehmen einer fremden Rechtsordnung unterstellt – mit allen sich daraus ergebenden Vor- und Nachteilen. Vor der Gründung sollte er sich über die maßgeblichen englischen Vorschriften zum dortigen Gesellschaftsrecht informieren. Für diese Informationsbeschaffung braucht er wohl in aller Regel den Rat eines auf das angelsächsische Recht spezialisierten Rechtsanwalts oder einer Anwaltskanzlei vor Ort. Diese Kosten muss er also einkalkulieren.

– Bei der Gründung einer GmbH in Deutschland beantwortet die Fragen des Unternehmers in der Regel der den Gesellschaftsvertrag beurkundende Notar. Da bei einer Gesellschaftsgründung in England die Notwendigkeit einer notariellen Beurkundung nicht besteht, entstehen dort zwar keine Gebühren – es entfällt allerdings auch die fachkundige Rechtsberatung.

– Als Kapitaleinlage reicht für die Gründung einer „Limited“ in England oder Wales bereits ein englisches Pfund. Beim teils hoch gelobten Wegfall des Stammkapitals dürfte es sich allerdings meist um Augenwischerei handeln. Schließlich ist das aufzubringende Stammkapital für die Gesellschaft in Deutschland nicht verloren, sondern kann von dieser sofort für ihre Geschäftstätigkeit genutzt werden. Umgekehrt dürfte es schwer fallen, ein Unternehmen mit nur ein paar Pfund Betriebskapital erfolgreich aufzubauen – ein Umstand, der auch mögliche Vertragspartner skeptisch machen könnte.

– Nach der Gründung häufen sich die Nachteile einer „Limited“. Die Führung einer Gesellschaft nach englischem Recht ist nämlich sehr viel stärker reglementiert als die einer deutschen GmbH. Das ist den deutschen Gründern, bei denen es sich in der Praxis oft um Handwerksmeister oder Gründer mit geringem Betriebskapital handelt, meist nicht bekannt. So ist es nach englischem Gesellschaftsrecht zwingend vorgeschrieben, dass die „Limited“ in England für die Aufbewahrung der Buchhaltung und als Zustelladresse ein eigenes „registered office“ und einen „secretary“ haben muss. Überdies muss jedes Jahr – in englischer Sprache – ein „annual return“ vorgelegt werden, aus dem sich die wesentlichen aktuellen Informationen über die Gesellschaft einschließlich sämtlicher Gesellschafter mit ihren Privatadressen ergibt. Ebenso besteht nach englischem Recht eine schärfere Bilanzierungspflicht als in Deutschland. Eine deutsche Übersetzung der Bilanz ist jeweils auch beim Handelsregister der deutschen Zweigniederlassung einzureichen und die Rechnungslegung richtet sich nach englischen Bilanzierungsvorschriften.

– Die Geschäftsführerhaftung ist bei einer „Limited“ ebenfalls wesentlich strenger ausgestaltet als nach deutschem Recht. So haftet der director bei einer Insolvenz der Gesellschaft den Gläubigern bereits dann mit seinem Privatvermögen, wenn er hätte wissen können, dass eine vernünftige Chance zur Insolvenzvermeidung bestand und er nicht alles unternommen hat, um Nachteile für die Gläubiger zu vermeiden.

– Schließlich befindet sich für Klagen, die das Innenverhältnis der Gesellschaft betreffen, der ausschließliche Gerichtsstand jeweils in England. Somit müssen insbesondere Rechtsstreitigkeiten über die Gültigkeit, die Nichtigkeit oder die Auflösung einer Gesellschaft oder auch solche über die Gültigkeit von Beschlüssen der Gesellschafterversammlung zwingend vor englischen Gerichten geführt werden. Ausschließlich vor englische Gerichte gehören auch Auseinandersetzungen über die Verletzung eines Wettbewerbsverbots durch den Geschäftsführer oder über die Kündigung eines Gesellschafters.

Die Gründung einer Gesellschaft nach englischem Recht oder eines anderen Mitgliedsstaates der Europäischen Union ist möglicherweise eine Alternative für Unternehmen mit solider Kapitalausstattung. Für kapitalschwache Unternehmen ohne fundierte Kenntnisse der Besonderheiten vor Ort dürfte sie das meist nicht sein.

Aber auch hierzulande ergibt sich wohl schon zeitnah eine Alternative: Das Mindestkapital für eine GmbH-Gründung soll in Deutschland auf 10 000 Euro herabgesetzt werden. Das haben alle im Bundestag vertretenen Parteien angekündigt - trotz Neuwahlen besteht also berechtigte Hoffnung auf baldige Erleichterungen für Gründer.

Die Autoren sind Partner der Sozietät Rodegra Rechtsanwälte Berlin/Würzburg/New York mit Tätigkeitsschwerpunkten Internationales Vertragsrecht und Internationales Gesellschaftsrecht. Im Internet: www.anwaltskanzlei-rodegra.de.

0 Kommentare

Neuester Kommentar