Der Tagesspiegel : Fürstenschule für Bürgerkinder

Ein Berliner Geschäftsmann will das Joachimsthalsche Gymnasium in Templin 400 Jahre nach seiner Gründung als Eliteinternat wiederbeleben

G,a Bartels

Templin - Wie im Paradies sei es dort gewesen, erzählt Heinz-Jürgen Vogels. Mit einem Bootshaus und Sprungturm direkt im See. Jedes Gebäude betreute eine mütterliche Hausdame. Lehrer wohnten samt Familie in der christlich geprägten Schule. „Die Stimmung war entspannt, es gab viel Musik. Keine Spur von preußischem Kadettendrill.“ Der heute in der Nähe von Bonn lebende Theologe von der Altschüler-Vereinigung „Alte Joachimsthaler“ schwärmt noch mit 74 von einer Schule, die er vor über 60 Jahren verlassen hat: das Joachimsthalsche Gymnasium in Templin.

Genau zum 400. Jubiläum der Schulgründung kommt wieder Leben in die seit zehn Jahren so gut wie leer stehenden Gebäude. Der Berliner Immobilienkaufmann Christian Kolbe hat sie im April vom Land Brandenburg für 1,55 Millionen Euro ersteigert. Nach der mehr als 16 Millionen Euro teuren Sanierung will er ein privates Eliteinternat mit Gymnasium eröffnen. Geplant sei jedoch kein klassisches Internat mit Unterricht, Unterbringung und Freizeitprogramm, sagt seine Managerin Jutta Ribacki, sondern ein „spezialisiertes Kursprogramm mit Schwerpunkt auf Sprachen wie Wirtschaftsenglisch, und den IT-Bereich“. Mindestens 300 Schüler will Kolbe unterbringen. Ihre Mischung soll ebenso international sein wie die des Lehrerkollegiums. „Wir wollen gezielt Schüler aus Asien und Amerika gewinnen“, sagt Ribacki.

Am 24. August 1607 war die einzige preußische Fürstenschule für begabte Knaben von Brandenburgs Kurfürsten Joachim Friedrich nach sächsischem Vorbild gegründet worden. Im Dorf Joachimsthal sollten die 120 adeligen Schüler durch die christlich-humanistische Ausbildung zu guten Staats- und Kirchendienern erzogen werden. Bis zu ihrer Auflösung in der DDR 1953 hat die Schule zahlreiche Minister, Wissenschaftler und Militärs, aber auch Dichter wie Achim von Arnim hervorgebracht. Im Dreißigjährigen Krieg zerstört, öffnete das Joachimsthalsche Gymnasium 1656 wieder in Berlin und zog dann 1912 aus der teuren Großstadt in die ruhige Uckermark, wo die Stadtväter die Ansiedlung mit einem kostenlosen Grundstück unterstützten.

Templins parteiloser Bürgermeister Ulrich Schoeneich hat keine Zweifel, dass begabte Kinder betuchter Eltern sich auch heute wieder in seiner Stadt mit 17 800 Einwohnern wohlfühlen werden: „Wir sind Kurort, haben wunderschöne Seen und den historischen Stadtkern.“ Sogar aus Amerika wolle man Schulfachleute holen, um Kolbes Konzept zu unterstützen. „Die Stadt atmet auf, weil das Joachimsthalsche Gymnasium endlich wiederbelebt wird“, sagt der Bürgermeister und hält mit seinem Ärger über die Landesregierung nicht hinterm Berg. „Die wollten keine Eliteschule.“ Dabei sei Begabtenförderung doch keine Bevorzugung einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Keines der seit 1990 ausgearbeiteten Konzepte, mit denen Templin wieder an seine Vergangenheit als Bildungsstadt anzuknüpfen hoffte, sei unterstützt worden.

Auch die 130 aktiven Alten Joachimsthaler können nicht verstehen, „dass das Land nichts aus diesem Schatz macht“, sagt Heinz-Jürgen Vogels, der nun sehr gespannt auf die Wiederbelebung seiner Schule ist. Er besuchte das Gymnasium 1943 bis 1945 als aus Berlin evakuierter Junge. Schon wegen der vielen Stipendiaten sei das Internat damals nicht elitär gewesen, sagt er – außergewöhnlich aber schon. Der Widerstand, den der Rektor noch 1944 gegen die Einflussnahme der Nazis geleistet habe, „der hat mich und meine Mitschüler fürs Leben geprägt“.

Die Schule soll zu einem deutschen Abitur mit Englisch als Hauptsprache führen, es soll Begabtenstipendien und auch internationale Abschlüsse geben. Die Einzelheiten sei aber genau wie die Finanzierung noch in Planung, sagt Projektmanagerin Ribacki. Kolbe hat zwar Erfahrung mit der Sanierung traditionsreicher Gebäude, eine Schule zu gründen ist aber neu für ihn. Die Hoffnungen der Vereinigung Alte Joachimsthaler und der Stadt Templin schmälert das nicht. Kolbe sei für alle ihre Ideen offen und von der großen Geschichte der Schule fasziniert, sagt Bürgermeister Schoeneich. „Diese Immobilie wird international beobachtet, allein wegen der Persönlichkeiten, die im Joachimsthalschen Gymnasium gebildet worden sind.“

Am 15. Juni wird in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in der Warschauer Straße 34, 10243 Berlin, eine Ausstellung über das Joachimsthalsche Gymnasium eröffnet. Informationen unter Tel. 29 33 60 34.

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