Fußball-EM : Löw setzt auf bewährte Kräfte

Am Freitag noch als Hoffnungsträger gefeiert, muss Dribbelkünstler Marko Marin jetzt doch die Koffer packen. Auch der Schalker Jermaine Jones und Kölns Patrick Helmes treten die Heimreise an.

Klaus Bergmann,Jens Mende[dpa]
Joachim Löw
Bundestrainer Joachim Löw hat sich entschieden: Marko Marin, Patrick Helmes und Jermaine Jones fahren nicht mit zur EM. -Foto: dpa

Palma de MallorcaSchweren Herzens hat Joachim Löw am Morgen nach dem Rückschlag gegen Weißrussland den Schalker Jermaine Jones, den Kölner Patrick Helmes und überraschend auch den Gladbacher "Zauberlehrling" Marko Marin aus dem Kader für die Fußball-Europameisterschaft gestrichen. "Die Entscheidung ist unserem Trainerteam sehr schwer gefallen", erklärte Löw kurz vor Ablauf der Meldefrist (12 Uhr) bei der Europäischen Fußball-Union (Uefa).

Löw sprach von einer "Millimeter-Entscheidung" und war darum bemüht, das Trio nicht als Verlierer des von ihm ausgerufenen "Castings" um die 23 Kader-Plätze darzustellen: "Jeder der drei Spieler hätte es verdient gehabt, dem EM-Kader anzugehören. Dies ist keine Entscheidung gegen ihre Qualität. Sie haben auf Mallorca einen hervorragenden Eindruck hinterlassen", betonte Löw. Die Enttäuschung für das Trio versuchte er auch dadurch zu mildern, dass er Helmes, Jones und Marin versicherte, dass sie "gute Perspektiven" hätten, nach der EM wieder im Kreis der Nationalmannschaft dabei zu sein und "eine gute Rolle zu spielen".

Odonkor, Trochowski und Neuville setzen sich durch

Die Mannschaft war erst eine halbe Stunde vor "High Noon" in einer Teamsitzung im Quartier "Son Vida" informiert worden. Dabei dürften andere heiß gehandelte Streich-Kandidaten wie David Odonkor, Piotr Trochowski, Oliver Neuville und auch Tim Borowski, der sich wegen eines grippalen Infektes bislang im Teamtraining gar nicht beweisen konnte, innerlich gejubelt haben. Marin, Jones und Helmes sollten noch im Laufe des Tages den Heimflug nach Deutschland antreten.

Am überraschendsten kam die Ausmusterung des zuvor von Löw fast schon überschwänglich gelobten Marin. Der 19-Jährige hatte am Tag zuvor in Kaiserslautern beim enttäuschenden 2:2 noch sein Länderspiel-Debüt gefeiert. "Das macht mich stolz", kommentierte Marin. Löw hatte bereits direkt nach dem Abpfiff angedeutet, dass der nur 1,68 Meter kleine Marin wohl noch nicht reif ist für ein großes Turnier: "Man hat gespürt, es war das erste Länderspiel. Er ist ein Spieler für die Zukunft", hatte Löw gesagt. Diese beginnt jetzt frühestens in der kommenden Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika.

15 WM-Spieler im Kader

Helmes verlor das Duell um den fünften Stürmerplatz gegen den 35-jährigen Gladbacher Neuville, dem eine dritte Enttäuschung nach den EM-Ausmusterungen 2000 und 2004 erspart blieb. Auch gegen Jones dürfte die Länderspiel-Unerfahrenheit gesprochen haben, denn Löw berief gleich 15 WM-Spieler ins Aufgebot. Nur sieben Akteure spielen ihr erstes großes Turnier, der Schalker Kevin Kuranyi ist nach der WM-Ausbootung 2006 zum zweiten Mal bei einer EM-Endrunde dabei.

Groß aufhalten konnte sich Löw nicht mehr mit den enttäuschten Akteuren. Denn gegen die Weißrussen hatte der Bundestrainer "in allen Bereichen Verbesserungsmöglichkeiten" gesehen. Insbesondere in der Abwehr um den flatterhaften Torhüter Jens Lehmann und den noch weit von EM-Form entfernten Deckungschef Christoph Metzelder wurden große Baustellen sichtbar, die in der drängenden Zeit bis zum Ernstfall am 8. Juni gegen Polen seine ganze Kraft erfordern. "Die Organisation haben wir nicht so hinbekommen, wie wir uns das vorgestellt haben", räumte Löw ein. Der 48-Jährige hob aber hervor, dass er sich "keine Sorgen" im Hinblick auf das Turnier mache: "In einer Woche werden die Spieler in besserer Form sein, das kann ich versprechen."

Die Abteilung Attacke mit Lukas Podolski und Torschütze Miroslav Klose, der auch im dritten Länderspiel des Jahres traf, machte den Fans die größten Hoffnungen. Aber auch da hatte Löw Defizite erkannt: "Es gab auch im Spiel nach vorne einige Fehler." Auf Mallorca und vom kommenden Dienstag an im EM-Quartier im Tessin gibt es noch viel zu tun für den Bundestrainer.