Fußball in Italien : Nur noch Kinder in die Fan-Kurve?

Die schweren Krawalle nach dem Tod eines Fußball-Fans wühlen Italien weiter auf. Der Erstligist Atalanta Bergamo will jetzt die Hooligans aus seiner Fan-Kurve verbannen und dafür Kinder ins Stadion einladen.

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Auch kleine Fans sorgen für Stimmung. -Foto: ddp

Bergamo"Ich werde den Minderjährigen die Eintrittskarten schenken und will nur noch Kinder in der Fan-Kurve", kündigte Club-Präsident Ivan Ruggeri an. Für diesen revolutionären Vorschlag erhielt Atalanta, das in der Serie A Platz sechs belegt, große Zustimmung vom italienischen Fußballverband und der Liga. "Das ist mutig, die Präsidenten der Clubs sollten sich zusammentun", sagte FIGC-Präsident Giancarlo Abete. Liga-Chef Antonio Matarrese nannte Ruggeris Plan "vorbildlich" und zeigte sich überzeugt, dass "er mit dieser Initiative nicht allein bleiben wird".

Bereits gestern richtete die gesamte Mannschaft von Atalanta Bergamo einen offenen Brief an die Randalierer, die am Sonntag das Spiel gegen den AC Mailand zum Abbruch gebracht hatten. "Wir wollen keine Kriminellen mehr im Stadion", heißt es darin.

"Zu viel Kumpanei mit gewissen Fans"

Wie viele andere Fußballstars fordert Bayern Münchens Stürmer Luca Toni, dass die "Randalierer besiegt werden müssen". Denen gehe es überhaupt nicht um Fußball. "Was in Italien passiert, ist nicht normal. Auch deshalb bin ich froh, in München zu sein", gab Toni im Trainingslager der Nationalmannschaft in Coverciano zu.

Auch der italienische Nationalmannschafts-Kapitän Fabio Cannavaro forderte die echten Fans, Verbände und Politik zur Gegenwehr auf: "Tut sofort etwas, sonst sind die Stars weg ins Ausland!" Der für Real Madrid spielende Weltmeister zeigte sich aber auch selbstkritisch: "Wir sind auch schuld, weil es mit gewissen Fans zu viel Kumpanei gibt." Er räumte ein, dass der Umgang von Fußballern und Clubs mit den organisierten Fans in Italien weitaus schlechter funtioniert als beispielsweise in Deutschland, wo die Klubs seit langem erfolgreich mit Fanbeauftragten arbeiten.

Auch die Europäische Fußball-Union (Uefa) schaut immer kritischer nach Italien. "Stoppt diese Leute, die den Fußball als Geisel nehmen", forderte Uefa-Präsident Michel Platini.

Tod eines Fans löste in ganz Italien Krawalle aus

Am Sonntag war der Fußballfan Gabriele Sandri bei einem Polizeieinsatz auf einer Autobahnraststätte bei Arezzo in der Toskana erschossen worden. Nach Angaben des Präfekten von Arezzo, Vincenzo Giacobbe, nahmen die Polizisten eine Routinekontrolle an einer Autobahnraststätte vor, als sie auf der anderen Seite der Fahrbahn Schreie hörten. Ein Beamter habe Warnschüsse abgeben wollen, dabei aber ein Auto mit fünf jungen Leuten getroffen, die zu einem Spiel von Lazio Rom nach Mailand fahren wollten. Die Justiz leitete gegen den verantwortlichen Polizisten ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung ein. Der Beamte hatte den Vorfall in einem Interview als Versehen bezeichnet.

Sandris Tod löste in ganz Italien Ausschreitungen von Fans aus, die in Rom besonders gewalttätig waren. Dort mussten 40 Polizisten mit Verletzungen im Krankenhaus behandelt werden. In Rom hatten hunderte teils maskierte und mit Schlagstöcken bewaffnete Fans Polizeikasernen angegriffen, einen Bus und andere Fahrzeuge angezündet und den Sitz des nationalen Olympischen Komitees gestürmt. Die Polizei ging mit Tränengas gegen die Menge vor.

Bewegende Trauerfeier für Gabriele Sandri

Gestern nahmen Tausende von Fußballfans aus ganz Italien bei einer Trauerfeier in Rom Abschied von Lazio-Fan Sandri. Die Zeremonie in der Kirche St. Pius X. im römischen Stadtteil Balduina begann mit einem lang anhaltenden Beifall, als der Sarg bei regnerischem Wetter den Kirchplatz erreichte. Berge von Kränzen und Gestecken türmten sich in der Kirche, die 900 Sitzplätze hat, aber bis zu 2000 Fans und Freunde aufnehmen musste. Tausende blieben vor dem Kirchenportal. Bis kurz vor der Zeremonie hatten Fans noch von dem aufgebahrten Leichnam Abschied nehmen können. (mit dpa/smz)