Galilei und Kepler : Zwei Himmelsstürmer

Konkurrenten und Kollegen: Johannes Kepler und Galileo Galilei revolutionierten die Sicht auf den Kosmos. Tagesspiegel-Autor Thomas de Padova hat ein Buch über die beiden geschrieben, das er hier vorstellt.

Thomas de Padova

Als Galileo Galilei den Herrschaften in Venedig im Sommer 1609 ein selbst gebautes Fernrohr vorführt, ahnt er noch nicht, dass ihm dieses Instrument die Geheimnisse des Weltalls offenbaren wird. Er hält ein Gerät in den Händen, mit dem er weiter schauen kann als jeder andere. Aber Galilei sieht nur das Nächstliegende: den militärischen Nutzen und die ökonomische Verwertbarkeit des Teleskops.

„Man kann damit auf dem Meere aus weit größerer Entfernung als gewohnt Schiffe und Segel des Feindes wahrnehmen, so dass wir vermögen, ihn gut zwei Stunden früher zu entdecken als er uns.“ Es geht ihm wie Kolumbus, der 1492 auf dem Westweg nach Indien gelangen wollte, stattdessen aber einen neuen Kontinent entdeckte.

Während Galilei das Fernrohr perfektioniert, sich Schleifschalen und Schmirgelmasse für die Politur der Linsen beschafft, wird sein Interesse plötzlich in eine unerwartete Richtung gelenkt. Durch die Gläser sieht der 45-Jährige Tausende bis dahin unbekannter Gestirne. Er beginnt mit sorgfältigen Zeichnungen der Mondoberfläche, erkennt Gebirge auf dem Erdtrabanten und entdeckt vier Monde, die den Planeten Jupiter umkreisen.

Im selben Sommer veröffentlicht der acht Jahre jüngere Johannes Kepler in Prag seine wegweisenden Planetengesetze. Sein Glaube an streng mathematische Gesetzmäßigkeiten im Kosmos öffnet ein weiteres Fenster zur modernen Astronomie. Keplers Begeisterung für die Schönheit und Einfachheit des Universums und Galileis Faible für Instrumente und Experimente werden programmatisch für eine Forschung, die die Wirklichkeit durch universelle Gesetze zu beschreiben versucht.

Die Sonne im Zentrum - für Zeitgenossen eine bizzarre Vorstellung

Kepler, geboren und aufgewachsen im schwäbischen Weil der Stadt, ist kein Bastler wie Galilei. Als Mathematiker hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Planetenbewegungen zu einem einheitlichen Bild zusammenzufügen. Von der Erde aus betrachtet malt zum Beispiel der Mars bei seinen nächtlichen Wanderungen wundersame Schleifen an den Himmel. Immer wieder kommt es vor, dass der Planet seine Bewegungsrichtung umkehrt und kurzzeitig den entgegengesetzten Kurs einschlägt. Solche Unregelmäßigkeiten in Gottes Schöpfungsplan nimmt der studierte Theologe Kepler nicht hin. Zumal die Marsschleifen verschwinden, sobald man die von Nikolaus Kopernikus aufgestellte Theorie ernst nimmt und konsequent weiterdenkt: Nicht die Erde bildet das Zentrum des Kosmos, sondern die Sonne.

Für seine Zeitgenossen ist das eine bizarre Vorstellung. Keine alltägliche Erfahrung deutet darauf hin, dass der Globus in rasender Fahrt durchs All jagen könnte – wohl aber Keplers astronomischer Studien.

Um als Zuschauer auf einer sich drehenden Erde die „wahre“ Bahn der Planeten um die Sonne zu ermitteln, hat er mathematisch anspruchsvolle Berechnungen angestellt, die Daten immer wieder hin und her gewendet und an Widersprüchen entlang weitergedacht. Erst in einem jahrelangen „Kampf gegen den Mars“ hat Kepler sich zur These durchgerungen, dass die Planeten auf Ellipsenbahnen um die Sonne ziehen. Die Erde inklusive.

Im selben historischen Augenblick wird die neue Stellung des Globus sowohl durch das Teleskop als auch durch die Brille der Mathematik sichtbar. Der Beginn des 17. Jahrhunderts ist wie kaum ein anderer Zeitabschnitt in der Geschichte der Naturwissenschaften beispielhaft dafür, wie neue Techniken und das Auffinden universeller Gesetze den Erkenntnishorizont erweitern.
Nachdem Galilei die ersten Ergebnisse seiner Fernrohrbeobachtungen veröffentlicht hat, fordert er Kepler im fernen Prag zu einer Stellungnahme auf. Es ist nach fast 13 Jahren die erste Nachricht, die Kepler von ihm bekommt. Damals hatte sich der Italiener in einem vielversprechenden Brief zum kopernikanischen Weltbild bekannt, Kepler aber anschließend wieder den Rücken gekehrt.

Obwohl Galilei auf keines seiner späteren Gesprächsangebote eingegangen ist, reagiert Kepler ausgesprochen großzügig. Als kaiserlicher Mathematiker steht er immer noch zu dem, was er 1597 an Galilei geschrieben hat: dass es nämlich besser wäre, durch gemeinsames Einstehen für die kopernikanische Idee „den einmal in Gang gebrachten Wagen ans Ziel zu reißen“.

Keplers Begeisterung wirkt ansteckend

Vorerst hat er zwar kein geeignetes Fernrohr zur Verfügung, um Galileis Behauptungen zu prüfen. Trotzdem greift er ihm in einem offenen Brief sofort unter die Arme. Er habe die bescheidene Hoffnung, ihm auf diese Weise zu helfen, wie durch einen Schutzschild besser gewappnet zu sein „gegen die griesgrämigen Kritiker alles Neuen, denen das Unbekannte unglaubhaft und alles, was jenseits der gewohnten Grenzpfähle der Aristotelischen Enge liegt, schädlich und gar frevelhaft vorkommt“. Kepler ruft nun alle „Liebhaber wahrer Philosophie“ zur Eröffnung großer Spekulationen auf.

Seine Begeisterung wirkt ansteckend. Der ausführliche Kommentar erweist sich als wunderbare Ergänzung zu dem nüchternen Forschungsbericht Galileis. Die Expertise aus Prag trägt dazu bei, dass Galilei den lange begehrten Posten als Hofphilosoph der Medici in seiner Heimatstadt Florenz erhält.

Galilei verlässt die Republik Venedig. Er verlässt auch die Mutter seiner Kinder und bemüht sich in Florenz darum, seine beiden Töchter in einem Kloster unterzubringen, obschon sie noch viel zu jung dafür sind.

Währenddessen wartet Kepler, der sich durch sein Gutachten der Kritik vonseiten der Fachkollegen ausgesetzt sieht, lange auf eine Antwort aus Italien. In den folgenden Briefen und Mitteilungen begegnen sich die beiden Wissenschaftler auf einem schmalen Grat zwischen schwärmerischer Begeisterung und nüchterner Analyse, zwischen offenem Gedankenaustausch und Geheimhaltung, zwischen Kooperation und Konkurrenz.

Galilei hat beobachtet, dass der Planet Venus um die Sonne kreist. Durch das Fernrohr ist die Venus mal als vollkommener Kreis, mal als Sichel zu sehen. Als Kepler von dieser Entdeckung erfährt, reagiert er euphorisch: „Oh, du viel wissendes Rohr, kostbarer als jegliches Szepter! Wer dich in seiner Rechten hält, ist der nicht zum König, nicht zum Herrn über die Werke Gottes gesetzt!“

Galilei schweigt

Wieder einmal erweist sich Kepler als kongenialer Mitdenker. In einem umfassenden Lehrbuch erläutert er die Wirkungsweise des Teleskops, kombiniert systematisch Linsen miteinander, entwirft neue Fernrohrsysteme und das Teleobjektiv. Auch den Sehprozess beschreibt er in einer für seine Zeit unvergleichlichen Weise. „Die Netzhaut wird bemalt von den farbigen Strahlen der sichtbaren Welt“, formuliert Kepler. Das ankommende Licht ruft Veränderungen der Retina hervor, die ans Gehirn weitergeleitet werden. „Sehen heißt, die Reizung der Netzhaut fühlen.“

Galilei kommentiert Keplers Arbeiten mit keinem Wort. Als Hofphilosoph der Medici setzt er seine Beobachtungen und seine geschickte Patronagepolitik unbeirrt fort. Bei einer Romreise im Frühjahr 1611 tritt er ins Rampenlicht der internationalen Wissenschaft, gewinnt die Gunst des Papstes sowie der höchsten Würdenträger der katholischen Kirche, die ihn 20 Jahre später verurteilen wird.

Währenddessen kommt es in Prag zu dramatischen Ereignissen. Ein Heer von 12 000 Soldaten verwüstet die Stadt. Der Kaiser wird entmachtet, Kepler auf dem Höhepunkt seines Schaffens aus seiner wissenschaftlichen Arbeit herausgerissen.

Nach dem Verlust seines Lieblingssohnes nimmt er aus Rücksicht auf seine Frau eine Stellung als Lehrer an einer einfachen Schule in Linz an. Kaum hat er sich dazu entschieden, stirbt auch sie. In Linz beschuldigt man ihn gleich nach seiner Ankunft der Ketzerei und schließt ihn vom Abendmahl aus.

Es ist Galilei, der die zwischenzeitlich unterbrochene Korrespondenz im Sommer 1612 wieder aufnimmt. Diesmal erhebt er Anspruch darauf, die dunklen Flecken auf der Sonne als Erster entdeckt zu haben – eine Auseinandersetzung mit jesuitischen Astronomen, die er bis an sein Lebensende mit harten Bandagen ausfechten wird. Wieder hofft er auf ein günstiges Urteil vonseiten Keplers. Und wieder geht er mit keinem Wort auf die Theorie des Mathematikers ein, der die jetzt von Galilei beobachtete Rotation der Sonne vorhergesagt und seinen Kollegen bereits ein Jahr zuvor in einem Brief darauf aufmerksam gemacht hatte.

Die bisher wenig beachtete, nur in Teilen erhaltene Korrespondenz wirft auf beide Forscher ein neues Licht: auf ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten, ihre gesellschaftlichen Ambitionen und wissenschaftlichen Fragestellungen. Eine Gegenüberstellung der beiden schillernden Figuren eignet sich in besonderer Weise dazu zu erkunden, was Wissenschaftler bis heute dazu treibt, vertraute Sichtweisen hinter sich zu lassen und ein unbekanntes Terrain zu betreten. Und wie das Neue in die Welt kommt.

Kepler erkennt zwar mit den Jahren, dass Galilei seinem Forscherideal nicht entspricht. Dennoch hat er, auch hier seiner Zeit voraus, den ersten Grundstein für den „Mythos Galilei“ gelegt.

Von Thomas de Padova ist soeben das Buch „Das Weltgeheimnis – Kepler, Galilei und die Vermessung des Himmels“ erschienen, Piper-Verlag, 350 Seiten, 19 Euro 95.

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