Der Tagesspiegel : Gallisches Kirchendorf in der Prignitz Eine Landgemeinde soll zwangsfusioniert werden

und wehrt sich gegen die evangelische Landeskirche

Zechlin - 50 Jahre lang war Erwin Steddin Mitglied im evangelischen Gemeindekirchenrat des Dorfes Zechlin. Gemeinsam hat die Gemeinde in der Ostprignitz die schweren Zeiten überstanden: Man war hier gegen die Nazis und Teil der Bekennenden Kirche, man wurde in der DDR bespitzelt – doch man hielt immer zusammen. Beide Regime wagten es nicht, die Gemeinde in ihrem Bestand anzutasten. „Die Kirche war uns immer Stütze und Zuflucht“, sagt Steddin. Seine Frau Doris ist fassungslos: „Ich würde nie zustimmen, diese Gemeinde zu schließen. “

Doch genau das wird jetzt möglicherweise passieren. Die Gemeinde Zechliner Land soll zwangsaufgelöst und die gemeindeeigenen Besitzungen sollen enteignet werden. Und zwar per Dekret von oben, von den eigenen Leuten. Die evangelische Landeskirche hat ein Zukunftskonzept beschlossen: Gemeinden werden zu Regionen zusammengefasst, damit nicht mehr jede Pfarrei alles macht, sondern inhaltlich Schwerpunkte gebildet werden. Die Kirchenleitung sieht darin die einzige Möglichkeit, angesichts zurückgehender Kirchensteuereinnahmen das Angebot flächendeckend aufrechtzuerhalten.

Für den Kirchenkreis Wittstock-Ruppin bedeutet das: Aus 50 Kirchengemeinden sollen fünf Großkirchengemeinden gebildet werden. Zechliner Land soll mit Rheinsberg fusionieren. „Zwischen 1997 und 2000 mussten wir die Hälfte der Stellen streichen, mehr geht nicht. Jetzt müssen wir die Wirtschaftskraft zusammenfassen“, sagt der Wittstocker Superintendent Heinz-Joachim Lohmann. Alles sei demokratisch und korrekt auf der Kreissynode in diesem Frühjahr beschlossen worden 47 der 60 Synodalen hätten der Neuordnung zugestimmt, 13 waren dagegen.

Die Leute seien überrumpelt und hinters Licht geführt worden, sagen hingegen die Zechliner Christen. Denn Zechliner Land ist bereits ein Zusammenschluss aus acht Kirchendörfern. Von den ehemals drei Gemeindepfarrern ist nur noch einer übrig geblieben. Mit heute 1100 Gemeindegliedern und dem eigenen Besitz sei die Gemeinde aber durchaus lebensfähig, meinen die Protestanten vor Ort. Sie möchten aus dem gemeindeeigenen Kapital eine eigene Stiftung zur Erhaltung der Gemeinde gründen, doch Superintendent Lohmann hat dies untersagt.

Im Grunde stecke hinter den Zwangsfusionen jene Idee, die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für alle Landeskirchen konzipiert und im Zukunftspapier „Kirche der Freiheit“ niedergelegt wurde, vermutet der Zechliner Gemeindepfarrer Jann Branding. Es gehe um Zentralisierung hin zum Kirchenkreis, hin zu den Städten, hin zur Landeskirche. Man strebe nur noch die finanzielle Unterstützung von „Leuchtfeuer-Gemeinden“ in den Städten an. Statt Dorfpfarrer gebe es dann nur noch „Grund- und Spezialversorger“, die von den Städten aus lediglich punktuell das Land besuchen könnten. Ein verlässlicher Ansprechpartner vor Ort falle dann weg. „Wenn die Gemeindeglieder nicht mehr wissen, wer zuständig ist, dann kommen sie auch nicht mehr zur Kirche“, befürchtet der Pfarrer. Dass eine Gemeinde gegen ihren Willen zwangsaufgelöst werden soll, sei ein bislang einmaliger Vorgang. Branding vermutet, dass in seiner Gemeinde ein Präzedenzfall für die gesamte EKD geschaffen werden soll.

Superintendent Lohmann weist das zurück: „Wir diskutieren hier im Kirchenkreis schon seit 2004 über Strukturreformen, da gab es noch gar keine Zukunftspapiere der EKD.“ Außerdem seien in der Landeskirche schon öfter Gemeinden fusioniert worden. Und schließlich könne die Bündelung der Kräfte auch eine Dynamik an der Basis entfachen.

Pfarrer Branding fürchtet das Gegenteil. Die Junge Gemeinde etwa würde es in Zechliner Land nicht mehr geben, da die Jugendlichen ohne Führerschein kaum bis ins entfernte Rheinsberg fahren könnten. „Die Kirche zieht sich zurück. Die NPD und andere Rattenfänger sind aber schon da“, warnt er. Auch deshalb wehren sich die Zechliner Christen so vehement gegen die Zwangsauflösung ihrer Gemeinde.

Immerhin haben sie erreicht, dass sie heute vor der Leitung der Landeskirche in Berlin nochmals ihre Argumente vortragen können. Bringt das nichts, wollen sie notfalls vor das Kirchengericht ziehen.

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