Der Tagesspiegel : Gartenphilosophie: "Leben ohne Phlox ist ein Irrtum"

Andreas Conrad

In der Gartenkultur sind uns die Briten einfach über. Man spaziere nur durch einen der berühmten Gärten Südenglands, Sissinghurst beispielsweise, in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts angelegt, heute akkurat gepflegt vom National Trust. Ein Blütenmeer, aber fast ebenso sehenswert wie die bunte Pracht sind seine Besucher: die ausländischen Touristen, wie üblich mit Kameras behängt, die Einheimischen hingegen erkennbar an Notizblock und Stift. Tief beugen sie sich über die Schilder mit den Namen der Pflanzen, notieren emsig, um Anregungen zu erhalten fürs eigene kleine Sissinghurst. Wo, bitteschön, bekommt man in Deutschland Derartiges zu sehen?

Dabei müsste man nicht mal in die Botanischen Gärten laufen, um die Schreibblöcke mit den Namen erlesener Züchtungen zu füllen. Die Freundschaftsinsel, die mitten in Potsdam die Havelwellen in die Flussarme Alte und Neue Fahrt teilt, tut es auch. Dreieinhalb Jahre lang wurde auf dem Gartendenkmal gebuddelt, gepflanzt und auch gemauert, um es rechtzeitig zur Bundesgartenschau herauszuputzen. Bis auf Kleinigkeiten ist das auch gelungen, die Besucher können nun strömen, und sie mögen bitte Papier und Bleistift nicht vergessen. Noch in diesen Tagen sah man Gartenarbeiterinnen die letzten Gräser und Stauden mit Etiketten versehen.

Keine Bundesgartenschau ohne Karl Foerster, kein Blütenfest ohne die Schöpfungen des berühmten Staudenzüchters, Gartenautors und -philosophen, von dem beispielsweise der schöne Satz stammt: "Ein Leben ohne Phlox ist ein Irrtum." Schon zur Berliner Buga 1985 gehörte ein Karl-Foerster-Garten, und 1990, zum 20. Todestag, wurde auf dem Gelände ein nach ihm benannter Pavillon eröffnet, natürlich mit einer Ausstellung über Foerster. Erst recht konnte die Potsdamer Blumenschau nicht an dem Ehrenbürger der Stadt vorbeigehen, dessen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt seit 1910 Potsdam gewesen ist. Oder Bornim, um genau zu sein, wo sein Wohnhaus und der berühmte Schau- und Versuchsgarten, nunmehr gepflegt von Foersters Tochter Marianne, ebenfalls ins Buga-Programm aufgenommen wurden.

Der Name Freundschaftsinsel stammt von einem Tabakhändler namens Gems, der dort Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Gartengrundstück besaß. Später folgten Ausflugslokal, Badeanstalt, Bootsschuppen, Gartenlauben, und der romantische Name wurde auf die ganze Insel übertragen. Der heutige Garten, der den mittleren Teil des Schwemmland-Eilands einnimmt, geht auf eine Anregung Karl Foersters von 1937 zurück. Die ursprünglichen Pläne der Stadt sahen nur dekorative Grünanlagen im Umfeld der Langen Brücke vor, nun sollte sich ein so genannter Schau- und Sichtungsgarten für winterharte Stauden, Gräser und Farne, ein "Blütengarten der Zukunft", anschließen. Die Gestaltung übernahm der Gartenarchitekt Hermann Mattern. Er gehörte zu dem Bornimer Kreis aus Künstlern, Architekten und Gärtnern, die sich um Foerster versammelt hatten und Bornim zu einem "Worpswede der Gartengestalter" machten. Im Frühjahr 1941 wurde der Garten eröffnet, vier Jahre später, mit der Bombardierung Potsdams, schien die blühende Zukunft schon wieder zu Ende. Erst 1953 wurde er, diesmal nach Entwürfen des Gartenarchitekten Walter Funcke, neu angelegt, erneut auf Anregung Foersters. In den späteren Jahrzehnten, besonders zu den X. Weltfestspielen der Jugend 1973, geriet die Insel mehr und mehr zum Naherholungsziel, mit Festwiese, Restaurant, Freilichtbühne und Pavillon für Musik und Ausstellungen. Prägte ursprünglich eine Pergola aus rotem Wesersandstein entlang der Alten Fahrt die Anlage, breitete sich nun Beton aus, und die Anlage, längst übernutzt, verlor mehr und mehr an Reiz. Da konnte auch die Metallplastik von Christian Roehl, 1972 zum 100. Geburtstag Foersters aufgestellt, nichts mehr retten.

Doch nun, zur Buga, gilt auch auf der Freundschaftsinsel erneut Foersters Motto: "Es wird durchgeblüht." Seit Herbst 1997 wurden vom Sanierungsträger Potsdam 7,5 Millionen Mark Fördermittel des Landes in die Insel investiert, um sie wieder zu dem zu machen, was sie einmal war: ein Gartenjuwel mitten in der Stadt, nunmehr umzäunt, um neuem Vandalismus vorzubeugen. Zurück zu Foerster also, ohne dabei die Spuren der späteren Geschichte völlig zu tilgen. Das führte zu manchem Stilbruch. Die aus der Spätphase der DDR erhaltenen Beton-Schmuckelemente im Rosengarten mögen als historische Zitate gemeint sein, sie ähneln doch Panzersperren für Zwerge.

Aber der rote Sandstein der erneuerten Pergola, das wiederhergestellte Torhaus-Ensemble, die reparierte Wasserachse und all die anderen sorgfältig ausgeführten Details versöhnen bald, die Skulpturen der Ausstellung "Plastik im Freien" von 1966 fügen sich harmonisch ein, von den 100 000 Stauden und 35 000 Blumenzwiebeln, die in den Inselboden gesteckt wurden, ganz zu schweigen. Ein breiter Pflanzstreifen parallel zum Ufer der Neuen Fahrt blüht jetzt ganz zum Lobe Karl Foersters. Zwei Jahre lang wurden in einer europaweiten Suche alle noch auffindbaren Staudenzüchtungen Foersters zusammengetragen und gepflanzt. 362 waren bekannt, 204 hat man gefunden, Pfloxe vor allem, Astern und Rittersporne, Sonnenauge und Palmlilie, eher als Yucca bekannt.

Bei der Namensgebung hat Foerster nicht weniger Fantasie gezeigt als bei der Züchtung. "Gletscherwasser", "Jubelruf" oder "Rotwild" nimmt man noch hin, aber "Wenn schon denn schon" - wer denkt da an eine Blume?

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