Der Tagesspiegel : "Gartenstadt in der Mark": Millionengrab Fahrland

Sascha Adamek

Aus der Traum: Eine "Gartenstadt in der Mark" sollte bei Fahrland (Potsdam-Mittelmark) entstehen, doch nun wird wohl nicht mal ein Dorf daraus: Das ehrgeizige Bauvorhaben ist völlig überschuldet - wie ein geheimer Prüfbericht jetzt belegt.

Bei knapp 65 Millionen Mark liegen die Schulden der Gemeinde Fahrland und ihrer Entwicklungsgesellschaft EGF. Wie das ORB-Magazin "Klartext" am heutigen Dienstag ab 20 Uhr 45 berichtet, existiert ein geheimer Prüfbericht, in dem die Berliner Beratungsfirma Arthur Andersen die Geschäftsaussichten der "Gartenstadt" höchst pessimistisch beurteilt. Derzeit, so heißt es in dem Bericht, werde für das Entwicklungsvorhaben "keine wirtschaftliche Verwertung gesehen", die Entwicklung am Ort sei "bereits überdimensioniert".

Anfang der 90er Jahre hatte die damalige 1000-Seelen-Gemeinde in der Nähe von Potsdam 130 Hektar Ackerland von Bauern gekauft. Man wollte aus der idyllischen Nähe zur Landes- und zur Bundeshauptstadt Kapital schlagen, "Aufbruchsstimmung" war angesagt. So sahen es die Optimisten. Von "Größenwahn" sprachen schon damals die Kritiker. Und groß waren die Pläne: In der "Gartenstadt in der Mark" wollte man bis zu 18 000 neue Einwohner in drei Baugebieten - "Am Königsweg", im Abschnitt "Eisbergstücke" und "Am Upstallgraben" - ansiedeln. Doch bislang wurde erst ein Baugebiet zum Teil vermarktet, 2500 Menschen zogen zu.

Der Rest der Flächen wurde teuer erschlossen und liegt seitdem brach. Die Verantwortlichen hatten seinerzeit ignoriert, dass sich ihre Pläne kaum mit den Beschränkungen der gemeinsamen Landesplanung und den Baurechtsbestimmungen vereinbaren ließen. Um weiteren Schaden von der kleinen Gemeinde abzuwenden, ließ das Bauministerium vor rund vier Jahren zähneknirschend weiteres Baurecht zu - doch es mangelt an Investoren.

Das Projekt steckt in einer Schuldenspirale. Bereits im Dezember konnte die EGF nicht mehr aus eigener Kraft ihre Zinsen zahlen, zu diesem Zeitpunkt allein 1,65 Millionen Mark. Die Gesellschaft stand damit vor der Insolvenz. Dagegen gewährte die Investitionsbank des Landes Brandenburg ILB der Gemeinde Fahrland kurzfristig einen Kredit über 2,5 Millionen Mark. Bereits 1999 war die ILB bei der Finanzierung der EGF eingesprungen. Dabei berief man sich auf eine Bürgschaft der Gemeinde über 61,6 Millionen Mark für ihre Tochtergesellschaft.

Dass die ohnehin kaum zahlungsfähige Gemeinde in solcher Höhe für ihre Tochter bürgte, kritisiert der renommierte Berliner Wirtschaftsrechtler Professor Jürgen Keßler. Für ihn sei "sehr verwunderlich", dass die Bürgschaft angesichts der unklaren Sicherheiten genehmigt worden sei. Verantwortlich für die Genehmigung der riskanten Bürgschaft 1995 und 1996 war die Kommunalaufsicht des Landkreises Potsdam-Mittelmark. Schließlich versucht insbesondere Landrat Lothar Koch (SPD) von Beginn an, das Projekt zu protegieren, war doch die "Gartenstadt in der Mark" eines seiner ehrgeizigen Wahlversprechen von 1992. Das Engagement der ILB war auf Betreiben der oberen Kommunalaufsichtsbehörde im brandenburgischen Innenministerium zustande gekommen, nachdem sich die private De-Pfa-Bank zurückgezogen hatte.

Eine Entscheidung, die nun fatale Folgen auch für den Landeshaushalt haben könnte. So heißt es in einem Schreiben der EGF-Berater Arthur Andersen an den zuständigen Landrat Lothar Koch sowie den Leiter der brandenburger Kommunalaufsicht Frank Hofmann, bei allen Beteiligten habe Einigkeit darüber bestanden, "dass auch nach erfolgreicher Vermarktung aller Baugebiete ein hoher zweistelliger Millionenfehlbetrag verbleiben wird."

Dass die immensen Bauflächen überhaupt einmal gänzlich vermarktet werden, glauben jedoch nicht einmal die Berater der Fahrländer EGF selbst.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben