Der Tagesspiegel : Gas in die Erde und Salz in die Oder

CLAUS-DIETER STEYER

RÜDERSDORF .Die Oder soll in ihrem rund 70 Kilometer nordöstlich Berlins beginnenden Unterlauf riesige Mengen von Salzlösung aufnehmen.Das Unternehmen Energieversorgung Weser-Ems (EWE) plant die Einleitung der beim Bau eines unterirdischen Erdgasspeichers in Rüdersdorf anfallenden Sole in den Grenzfluß."Auf deutscher Seite gibt es dafür keinerlei Versagungsgründe", sagte der im Oberbergamt zuständige Abteilungsleiter Klaus Freytag auf einer Einwohnerversammlung in Rüdersdorf.Mehrere Gutachten hätten die Unschädlichkeit für die Wasserqualität nachgewiesen.Dem widerspricht die Verwaltung des betroffenen Nationalparkes Unteres Odertal: "Wir betrachten die Salzeinleitung als äußerst kritisch", sagte der stellvertretende Leiter, Ralf Köhler.Niemand könne die Auswirkungen auf Pflanzen- und Tierwelt abschätzen.

Die EWE will stündlich 300 oder 600 Kubikmeter Salzlösung in die Oder bei Hohenwutzen pumpen."Der Solebetrieb beginnt nach unseren Planungen im 1.Quartal 2000 und wird nach Fertigstellung der vierten Gaspeicherkaverne bis 2007 dauern", erklärte der verantwortliche Ingenieur Werner Harms.Das Salz werde in 1240 bis 1605 Meter Tiefe unter dem am östlichen Berliner Stadtrand gelegenen Rüdersdorf abgebaut.Wasser wird aus Rüdersdorfer Seen in das Salzkissen gedrückt und die entstehende Sole später nach oben gezogen.Die freiwerdenden Hohlräume nutzt die EWE zur Speicherung von Erdgas.

Damit will das Unternehmen die jahreszeitlichen Schwankungen im Verbrauch ausgleichen, denn 70 Prozent des Gases wird von November bis März abgesetzt."Um unsere Preise weiter niedrig zu halten, brauchen wir diesen Speicher", begründete EWE-Vorstandsmitglied Werner Brinker die 150 Millionen Mark teure Investition.Rund ein Viertel der Absatzmenge werde in der Regel gespeichert.Heute setzt das Unternehmen in Ostbrandenburg und auf Rügen jährlich 800 Milliarden Kubikmeter Erdgas ab, Ziel für die nächsten Jahren sind 1,1 Milliarden Kubikmeter.

Neben der Oder-Einleitung plant die EWE auch eine Verpressung der Salzlösungen in einer Sandsteinformation in 950 bis 1230 Meter Tiefe nahe dem Ort Heckelberg zwischen Werneuchen und Bad Freienwalde.Dort hat sich allerdings die Gemeindevertretung schon gegen ein solches Ansinnen ausgesprochen.Auch das Stadtparlament von Rüdersdorf selbst lehnt den Bau des Erdgasspeichers ab.

Mit der geplanten Einleitung der Sole in die Oder hat sich die EWE bei den Anhängern des Nationalparks keine Freunde gemacht."Niemand kann sagen, welchen Schaden die Natur nimmt", so Ralf Köhler von der Nationalparkverwaltung."Das empfindliche Öko-System gerade der Oder wird in irgendeiner Weise reagieren.Wir rechnen mit der Verdrängung von Tierarten und dem Einzug anderer Fische." Schon diese Veränderung widerspreche dem Nationalparkgesetz, in dem eine naturnahe Entwicklung der Landschaft vorgeschrieben sei.Ein so starker Eingriff wie die Salzeinleitung laufe allen Bemühungen entgegen.

Das Oberbergamt will seine Genehmigungen vom jeweiligen Wasserstand abhängig machen.Die Wasserführung der Oder schwankt wie in kaum einem anderen Fluß.Die Extremwerte reichen vom Hochwasser 1997 bis zu einer Einstellung der Schiffahrt wegen Niedrigwasser 1996."Nicht an allen Tagen werden deshalb 300 oder 600 Kubikmeter Salzlösung in die Oder geleitet werden", sagte Bergdirektor Freytag.

Dennoch rechnet Christof Engelhardt, Mitarbeiter des Berliner Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei, mit "bedenklichen Auswirkungen auf die Artenvielfalt." Bei mittlerem Niedrigwasser sei eine Salzkonzentration noch in 10 bis 50 Kilometer Entfernung von der Einlaßstelle feststellbar."35 Kilogramm Salz pro Sekunde verdünnen sich nicht so schnell", sagte Engelhardt.Er wisse von einer Ablehnung der EWE-Pläne auf polnischer Seite.Dort beginnt nördlich von Hohenwutzen ebenfalls ein Naturschutzgebiet.

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