GASTSPIEL Das Mariinsky-Theater St. Petersburg : Eine Nase in Uniform

Daniel Wixforth

Die Beziehung zwischen Russland und Deutschland war zuletzt nicht immer innig. Zum Glück kann man in der Kunst politische Mauern umgehen. So kommt jetzt das St. Petersburger Mariinsky-Theater mit seinem ossetischen Chefdirigenten Valeri Gergiev für ein Geburtstagsgastspiel in die Deutsche Oper, um russische Hochkultur zu präsentieren. Neben klassizistischen Balletten stehen drei Opern auf dem Programm, deren Komponisten zu Lebzeiten ideologischen Fesseln trotzten.

Donnerstag gibt es Mussorgskijs Historienepos „Chowanschtschina“: ein Werk, dessen erste öffentliche Inszenierung 1911 im Mariinsky-Theater stattfand. Private Aufführungen gab es bereits seit 1886, der Inhalt war politisch jedoch so unbequem, dass die Zensurbehörde des Zaren in der Öffentlichkeit nur eine stark gekürzte Fassung der Oper duldete. Sonntag dirigiert Gergiev Schostakowitschs freches Frühwerk „Die Nase“ (Foto). Da verliert ein Assessor seine eigene Nase, trifft sie in Uniform gekleidet wieder und muss erkennen, dass sein Riechorgan nun ein eigenständiges Leben führt. Groteske Gesellschaftskritik, die sich auch in der Musik spiegelt. Atonale und neoklassizistische Elemente stehen hier unvermittelt nebeneinander. Am Mittwoch beendet dann Tschaikowskis „Pique Dame“ den russischen Kurzzyklus: Zwischen der Tragik unerfüllter Liebe und dem materiellen Reiz des Glücksspiels zeichnet der Komponist ein bisweilen gespenstisch-negatives Bild der Petersburger Adelsgesellschaft des 19. Jahrhunderts. Ohne Politik kommt die Kunst halt auch nicht aus. Daniel Wixforth



Deutsche Oper, „Chowanschtschina“: Do 2.10.,

Di 7.10., „Die Nase“: So 5.10., „Pique Dame“: Mi 8.10., 19.30 Uhr, ab 35 € BU545

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben