Gazastreifen : Hamas stellt Fatah Ultimatum

Die Hamas hat weite Teile des Gazastreifens unter ihre Kontrolle gebracht und verlangt die Kapitulation der Polizeikräfte der Fatah binnen 48 Stunden. Die Einheitsregierung der Palästinenser steht vor dem Aus.

Ismail Hanija: Foto: dpa
Ismail Hanija: Abbas' Gegenspieler.Foto: dpa

Gaza/JerusalemDie Hamas hat weite Teile des Gazastreifens unter ihre Kontrolle gebracht. In einem Flugblatt stellte die Kassam-Miliz der Hamas den Polizeikräften der Fatah ein 48-stündiges Ultimatum zur Niederlegung der Waffen. Bei den blutigen Kämpfen mit der Fatah starben am Mittwoch erneut mindestens elf Menschen, insgesamt 58 seit Ausbruch des Bruderkrieges. Die Hamas hat nach eigenen Angaben die meisten der Polizeiposten im Norden und Süden des Gazastreifens eingenommen.

"Bis auf vier Hauptquartiere in Gaza haben wir die Kommandoposten der Polizei komplett eingenommen", sagte Hamas-Sprecher Abu Obeida. Die Residenz von Abbas, das Polizeihauptquartier in Gaza, die Geheimdienstzentrale in der Stadt und eine weitere Sicherheitszentrale in der Stadt seien nicht unter Kontrolle der Hamas. Das bestätigte auch ein Sprecher der Fatah, Taufik Abu Hussa. Er bestritt aber, dass die Hamas alle sonstigen Polizeistationen eingenommen habe.

An mehreren Brennpunkten gab es erneut heftige Kämpfe. Mindestens sechs Tote gab es, als Hamas-Kämpfer ein belagertes Gebäude stürmten, in dem der Fatah-Sprecher Maher Magdad lebt. Magdad war nicht in dem Gebäude. Hamas-Kämpfer sprengten eine Zentrale der Geheimpolizei in der südlichen Stadt Chan Junis. Die Miliz habe das Gebäude mit einem Tunnel angegraben und einen großen Sprengsatz darunter gezündet, berichteten Augenzeugen.

"Was in Gaza passiert ist Wahnsinn"

Gaza-Stadt: Foto: AFP
Gaza-Stadt: Zusammenstöße zwischen Fatah- und Hamas-Mitgliedern.Foto: AFP


  In der Nacht hatten Hamas-Milizionäre ein Hauptquartier der zur Fatah gehörenden Sicherheitskräfte im Norden des Gazastreifens eingenommen. Dabei wurden mindestens 21 Menschen getötet und Dutzende verletzt. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas rief von Ramallah im Westjordanland aus zu einer neuen Waffenruhe auf. Er vermied Schuldzuweisungen und kündigte "notwendige Maßnahmen" an. "Was in Gaza passiert ist Wahnsinn", sagte Abbas. "Ich sehe die Schuld bei allen, die Waffen tragen und auf ihre Brüder schießen." Noch am Mittwoch sollte es unter ägyptischer Führung ein neues Treffen geben, bei dem Hamas und Fatah über Wege zu einem Ende der Gewalt sprechen sollten.

 Kämpfer der Fatah-Organisation von Palästinenserpräsident Abbas drohten, den gewaltsamen Machtkampf auf das Westjordanland auszuweiten. Mitglieder der Al-Aksa-Brigaden verschleppten in Ramallah den Hamas-Mann Mohammed Maharik. Sie veröffentlichten ein Video, das den Gefangenen umgeben von Maskierten zeigte. Der Gekidnappte werde getötet, sollten die Hamas-Angriffe im Gazastreifen nicht beendet werden, drohten die Al-Aksa-Brigaden.

Fatah droht mit Ende der Einheitsregierung

 Nach einem Beschluss des Fatah-Zentralkomitees sollen die Fatah-Minister ihre Ämter zunächst ruhen lassen, bis eine Waffenruhe ausgehandelt sei. Sollten die Kämpfe dann nicht vollständig eingestellt werden, werde sich die Fatah endgültig aus der Einheitsregierung zurückziehen, sagte der zur Fatah gehörende Regierungssprecher Nabil Abu Rudeineh.

 Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft hat sich im blutigen innerpalästinensischen Konflikt auf die Seite von Präsident Abbas gestellt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sicherte ihm in einem Telefonat die Unterstützung der Europäischen Union (EU) zu. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warf den palästinensischen Milizen im Gazastreifen Kriegsverbrechen vor. Kräfte von Hamas und Fatah hätten während ihrer Kämpfe Gefangene ohne Verfahren hingerichtet, unbeteiligte Zivilisten getötet und Schießereien um oder in Krankenhäusern geführt, teilte die Organisation mit. "Diese Attacken von Hamas und Fatah sind brutale Angriffe auf die grundlegenden humanitären Regeln", erklärte Sarah Leah Whitson, Mitarbeiterin von Human Rights Watch. (mit dpa)