Gebärmutterhalskrebs : Schutz, doch keine völlige Sicherheit

Mit jährlich rund 6200 Neuerkrankungen in Deutschland ist Gebärmutterhalskrebs eine relativ seltene Krebsform. Die empfohlene Impfung gegen Humane Papilloma-Viren wird weiter heiß diskutiert.

Adelheid Müller-Lissner

Soll ich mich nun dafür oder dagegen entscheiden? Nein, bei dem Termin, zu dem die Berliner Ärztekammer am gestrigen Mittwoch geladen hatte, ging es nicht um die Qual der Wahl beim Pro-Reli-Volksbegehren, sondern um die von der Ständigen Impfkommission für Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren empfohlene Impfung gegen Humane Papilloma-Viren (HPV). Ein Thema allerdings, das ebenfalls Eltern und Kinder betrifft und das die Gemüter der Fachwelt mindestens so erhitzte wie die Pro-Reli-Frage die Bürger Berlins.
Nicht zuletzt auf Werbekampagnen einer der Hersteller hatten 13 Gesundheitsforscher und Mediziner Ende 2008 mit einem Manifest reagiert, in dem sie eine Überprüfung der Impfempfehlung anmahnten – und damit eine heftige Debatte anzettelten. Mit einer „Berliner Erklärung“ wollen nun zehn Organisationen zur Versachlichung beitragen. Dass dafür so unterschiedliche Akteure wie der Berufsverband der Frauenärzte, Pro Familia und das Feministische Frauen- Gesundheitszentrum nebst zwei Senatsverwaltungen unter einen Hut gebracht wurden, kann schon als Erfolg gelten.

Mit jährlich rund 6200 Neuerkrankungen in Deutschland ist Gebärmutterhalskrebs eine relativ seltene Krebsform. Die Infektion, von der der Krebs in diesem Fall seinen Ausgang nimmt, ist jedoch ausgesprochen häufig: Von 1000 sexuell aktiven Frauen infizieren sich im Lauf ihres Lebens 800 mit einem der über 100 verschiedenen Typen von HPV. Nur acht von ihnen bekommen jedoch krankhafte Zellveränderungen, nur eine erkrankt Hochrechnungen zufolge wirklich an Gebärmutterhalskrebs – oder wird, falls geimpft, mutmaßlich geschützt.

Die neue Impfung werde wahrscheinlich dazu führen, dass die Krankheit seltener auftritt, sagte Uwe Torsten, Gynäkologe am Vivantes-Klinikum Neukölln und Präventionsbeauftragter der Ärztekammer Berlin.. „Wenn Jugendliche meinen, dass sie dadurch ganz vor Krebs geschützt sind, dann muss man nach heutigem Wissensstand doch ein großes Fragezeichen machen.“ Die Impfung schützt nur gegen zwei der HPV-Typen, die bei etwa 70 Prozent aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs nachzuweisen sind. Die Gynäkologin Jutta Pliefke von Pro Familia hat die Sorge, geimpfte Frauen könnten sich in falscher Sicherheit wiegen.

Nüchtern über ihren Stellenwert informieren und Entscheidungshilfe leisten soll nun ein Faltblatt, das in 70 000 Exemplaren und drei Sprachen in der Stadt verteilt werden soll (online: www.aerztekammer-berlin.de/30buerger/hpv/index.html).

Die Entscheidung wollen die Unterzeichner der Erklärung Eltern und Jugendlichen nicht abnehmen. „Auf jeden Fall sollte der Arzt sich Zeit für ein ausführliches Aufklärungsgespräch nehmen und den Impftermin zeitlich davon absetzen“, forderte der Frauenarzt Albrecht Scheffler, Vorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte Berlin. „Es gibt einen gewissen Nutzen der Impfung, er ist aber nicht so groß, wie von den Pharmafirmen behauptet, und wer sich nicht impfen lässt, braucht keine Angst zu haben“, resümierte Ärztekammer-Präsident Günther Jonitz.

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