Der Tagesspiegel : Geben, aber wie?

Cordula Eubel,Jan Dirk Herbermann[Genf]

Bill Clinton plädiert für eine Einteilung der Krisenregion, um besser helfen zu können. Die Bundesregierung hat eine Geberkonferenz vorgeschlagen. Was sind die richtigen Wege und wie wird koordiniert?

Kofi Annan ließ sich Zeit. Erst am Donnerstag wollte der UN-Generalsekretär die Aufsicht über die Hilfsaktionen in Asien übernehmen. Als die Flutwelle wütete, war Annan noch im Winterurlaub. Der UN-Chef und seine Teams stehen vor einer gigantischen Operation: Die Logistik, der Einsatz des Personals, die Verwaltung der Spenden, der Kauf von Hilfsgsütern, die Ernährung, die Bekämpfung der Seuchen – alles muss ineinander greifen. „Die Koordination ist lebenswichtig“, sagt UN-Untergeneralsekretär Jan Egeland, der direkt für die humanitäre Hilfe zuständig ist. Erschwert wird die Aufgabe durch die Vielzahl von nationalen Bürokratien und Regierungen in der Region.

Annan nahm bereits Kontakt zu „fast einem Dutzend Länder auf“, heißt es bei den UN. Zudem stellen die gewaltigen Distanzen im Indischen Ozean die UN-Helfer vor neue Schwierigkeiten.

Die Operationen der Weltgesundheitsorganisation WHO laufen auf vollen Touren: Bereits eine Million Reinigungstabletten für Wasser wurde verteilt, zudem schafften die Genfer Helfer mehr als 300000 Notpakete für Kranke und Verwundete in die Region. Doch weiß die WHO-Zentrale nicht, wie viele Verletzte schon behandelt werden. Zudem ist das Hauptquartier nicht über die Zahl der WHO-Helfer vor Ort informiert. „Wir vermissen 20 unserer Mitarbeiter“, sagt WHO-Sprecher Oliver Rosenbauer. Immerhin: Rosenbauer nennt die Koordination der Hilfswerke „recht gut“.

Haben die UN mit den Rot-Kreuz-Verbänden kaum Kompetenzgerangel zu befürchten, könnten doch die massiven Hilfsoperationen der USA zu Reibungsverlusten führen. US-Präsident George W. Bush versprach bereits umfangreiche finanzielle Mittel, zudem setzte der Oberkommandierende der US-Streitkräfte einen Flugzeugträgerverband in Marsch: Die Marinesoldaten sollen den Opfern zur Seite stehen. „Das ist erst der Anfang unserer Hilfe“, ließ Bush die Welt wissen. Mitarbeitern von Hilfsorganisationen macht das angespannte Verhältnis zwischen der US-Administration und den UN Sorgen. „Wir können nur hoffen, dass es hier nicht zu einem Wettlauf der Hilfswilligen kommt“, sagt ein Funktionär.

Bei der Finanzierung des Wiederaufbaus der von der Flutwelle betroffenen Regionen sind alle Geberländer gefragt. Nach Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul spricht sich auch Grünen-Chefin Claudia Roth für eine internationale Geberkonferenz für die Gesamtregion aus. „Der Wiederaufbau muss schnell und massiv unterstützt werden“, sagt Roth, die sich für einen Schuldenerlass für die betroffenen Länder einsetzt. Die Geberländer, das sind all die Staaten, die Entwicklungsarbeit finanzieren.

Eine Entschuldung der Staaten würde dabei nach Ansicht von Rudolf Bindig, Sprecher für Menschenrechte und humanitäre Hilfe in der SPD-Bundestagsfraktion, „nur ein bisschen mehr Luft“ verschaffen. „Die betroffenen Länder brauchen auf jeden Fall zusätzliche Mittel von außen“, sagt Bindig. Bundeskanzler Schröder hatte angekündigt, sich im Pariser Club der Gläubigerländer für ein Schuldenmoratorium einzusetzen. Zugleich signalisierte er die Bereitschaft Deutschlands, sich über Soforthilfe hinaus finanziell beim Wiederaufbau zu engagieren.

Nach der Nothilfe werde die humanitäre Hilfe bis zu einem Jahr in Anspruch nehmen, sagt der SPD-Experte Bindig. Danach müsse die Entwicklungshilfe geplant werden. „Da gleich mehrere Entwicklungsländer betroffen sind, müssen das die UN koordinieren“, sagt Bindig. „Es bringt nichts, wenn jeder separat vor sich hinarbeitet“, sagt Claudia Roth. Der Wiederaufbau der Infrastruktur in den Katastrophengebieten könnte nach Ansicht Roths zugleich ein Beitrag zur Stabilitäts- und Friedenspolitik sein. „Konflikte wie in Somalia dürfen nicht noch verstärkt werden. Es wäre entsetzlich, wenn aus Naturkatastrophen ideologische Konflikte entstehen“, sagte die Politikerin auch mit Blick auf Indonesien.

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