Der Tagesspiegel : Geburtstag statt Freitod: Nazi-Opfer Noel Martin wird 48

Annette Kögel

Birmingham/Mahlow – Heute wird ihm dieses schelmische Lachen mal wieder gelingen. Wenn Freunde gratulieren, Verwandte ihn umarmen, Menschen aus aller Welt anrufen. Noel Martin, der Mann, den jugendliche Neonazis in Mahlow vor elf Jahren zum Pflegefall gemacht haben. Am heutigen Montag begeht er seinen 48. Geburtstag – an diesem Tag wollte der seit der Attacke Querschnittgelähmte eigentlich aus dem Leben scheiden.

Wo der gebürtige Jamaikaner und frühere Bauarbeiter feiert, wird er wohl von seiner Verfassung abhängig machen müssen – wegen der vielfachen Folgeleiden war er zuletzt immer öfter bettlägerig. Er würde gern in London bei Verwandten feiern, sagte eine Freundin. Von seinem rigorosen Entschluss will sich der schwerst Pflegebedürftige aber nicht abbringen lassen. Der Mann, der immer wieder an den Ort des Geschehens zurückkehrte, um an die Menschlichkeit zu appellieren, hat seinen Freitod mit Sterbehilfe nur verschoben, weil er noch „Dinge regeln“ muss.

Noel Martin, dessen Frau wenige Jahre nach dem Unfall einem Krebsleiden erlag, vermacht sein Eigentum dem „Noel- und-Jacqueline-Martin-Fonds“. Zudem will er eine Stiftung zugunsten besserer Bildungschancen für Schwarze in England und in Jamaika gründen. Auch Erlöse aus seinem Buch „Nenn es mein Leben“, das sein Sohn Negus gemeinsam mit Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck und Bildungsminister Holger Rupprecht im Frühjahr in Potsdam präsentierte, fließen in diese Fonds. Das Buch soll jetzt auch in Großbritannien erscheinen. Martin bekommt viel Post von bewegten Lesern aus ganz Deutschland. In Mahlow stehen jetzt einige Exemplare in der Gemeindebibliothek. Anlässlich des elften Jahrestages des Steinwurfs am 16. Juni gab es Lesungen, und das Mahnmal wurde erweitert.

Nun hoffen alle Beteiligten, dass Noel Martins Begegnungsfonds professioneller arbeiten kann. In Birmingham findet der ehrenamtliche Mahlower Organisator Ingo Thiedemann keine verlässlichen Ansprechpartner, zudem zögerten farbige Familien aus Furcht vor einem ähnlichen rassistischen Anschlag, ihr Kind nach Deutschland zu schicken.

Und im Land Brandenburg gelingt es kaum, gerade jene Jugendliche für eine Reise ins Ausland zu gewinnen, die rechte Tendenzen aufweisen. Die Lösung könnte Thiedemann zufolge eine Schulpartnerschaft mit verbindlichen Klassenfahrten sein. Annette Kögel

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