Der Tagesspiegel : Gefühlswaage: Ein Koffer voller Gefühle

Claus-Dieter Steyer

"Liebeskummer" liegt neben "Schlaflosigkeit", "Lesen" liegt neben "Weinen" und "Aussprechen", "Alkohol" in der Nachbarschaft von "Schule", "Musik", "Freunde treffen", "Party", "Gruppenzwang" und "Selbstbewusstsein". Uwe Reedmann, Mitarbeiter im Jugendamt Fürstenwalde, schleppt in seinem Koffer die ganze Welt der Gefühle, Zwänge und Süchte mit sich herum. Mehrere Dutzend kleiner Bausteine tragen an der Stirnseite jene eingangs zitierten und viele andere Begriffe. Im Kofferdeckel befindet sich eine Holzwaage. Deren Balance hängt von der Zahl der jeweils aufgelegten Bausteine ab. Je nach Zusammenstellung schlägt der Pfeil zum Symbol des Lächelns, der Traurigkeit oder der Unentschlossenheit aus.

Mit dieser Konstruktion zieht der Pädagoge durch Schulen und Jugendklubs, oder er lädt Azubis zu Gesprächsrunden ins Jugendamt ein. "Die Waage öffnet die sonst meist verschlossene Gefühlswelt der Jugendlichen", erklärt Reedmann.

Tatsächlich geht es in den Runden mit dem Mann vom Jugendamt erstaunlich locker zu. Jugendliche erzählen anhand der Bausteine auf der Waage über ihre Probleme, Hoffnungen, Enttäuschungen und mögliche Auswege. Scheinbar unbewusst führt Reedmann seine Gesprächspartner zum Thema Alkohol-und Nikotinmissbrauch und der Sucht nach anderen Drogen. Seine besondere Waage verblüfft. Er packt zwar immer mehr Bausteine mit der Aufschrift "Drogen" und "Alkohol" auf die eine Seite, aber der Zeiger bewegt sich nicht zum lächelnden Symbol. "Mit Verboten allein sind die Jugendlichen heute kaum mehr auf den rechten Weg zu bringen", sagt Reedmann. "Sie müssen selbst ihre Irrwege erkennen. Meine Waage ist vielleicht eine gute Methode."

Auch Lehrer und Drogenfachleute äußern sich anerkennend über die Arbeit des Fürstenwalder Jugendamtes. "Der Konsum illegaler Drogen beginnt nicht selten mit dem Missbrauch von Alkohol und Zigaretten", sagt die Amtsärztin des Kreises Oder-Spree, Sigrid Richter. Deshalb müsse die Diskussion mit den Kindern früh beginnen. Nach Umfragen greifen in dieser Region zwei Drittel aller Schüler in der 10. Klasse regelmäßig zur Zigarette. Dabei überwiegen die Mädchen. Der tägliche Konsum liegt im Schnitt bei 18 Glimmstengeln. Oft beginne die Sucht in der 5. oder 6. Klasse. "Vielleicht", so Reedmann, "wären Nichtraucherschulen ein Ausweg."

Die meisten Eltern würden ihren Kindern das Geld für die Zigaretten geben. Zu hören seien immer die gleichen Antworten: "Mein Kind raucht, aber es nimmt dafür wenigstens keine anderen Drogen. Das Geld dafür geben wir, damit es nicht kriminell wird."

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