Der Tagesspiegel : Gegen den Wind

Der Segellehrer Ernst Schliemann will eine Anti-Hartz-Partei gründen. Er sieht den sozialen Frieden im Land gefährdet

Sandra Dassler

Brück - Zweimal in seinem Leben war Ernst Schliemann fassungslos – im November 1989 und im Juni 2004. Die Maueröffnung am 9. November erlebte der in Bielefeld geborene Urgroßneffe des Troja-Entdeckers Heinrich Schliemann in Ost-Berlin. Weil ihn der Direktor des Schliemann-Museums in Falkenhagen bei Waren (Müritz) anlässlich des 100. Todestages seines Vorfahren eingeladen hatte, reiste er damals oft in die DDR. Als die Massen über die Grenze strömten, rief er seine Freunde im Westen an: „Ich hab’ ihnen gesagt, dass die Mauer auf ist – aber sie haben mir nicht geglaubt.“

Die zweite tiefe Fassungslosigkeit überkam den 54-Jährigen im vergangenen Monat. Da habe er erstmals gemerkt, was die Hartz-IV-Reformen konkret beinhalten und sofort gewusst, dass dies das „Ende des sozialen Friedens in Deutschland“ sei. „Die glauben doch nicht“, sagt Schliemann – und sein blonder Schnauzer zittert vor Empörung: „Die glauben doch nicht ernsthaft, dass die arbeitslosen Bergarbeiterfamilien in Herne oder Bottrop ihre Häuschen verkaufen, damit sie Anspruch auf Sozialhilfe haben. Eher nehmen die das Ruhrgebiet auseinander.“

Schliemann jedenfalls hat zu seiner Frau gesagt: „Wir müssen was tun, damit die Leute ihren Frust nicht auf der Straße ausleben.“ Er hat mit ein paar Freunden gesprochen und einen Aufruf zur Gründung einer neuen Partei, die er „Sozialliberale Mitte“ nennen will, in die Medien gesetzt. Seitdem steht das Telefon in seinem Geschäft für Surf- und Segelutensilien nicht mehr still. Schliemann spricht mit Vertretern der bundesweiten Anti-Hartz-Bewegung und bereitet sich darauf vor, den Landesverband der neuen Partei zu führen.

Sein Geschäft liegt an der Hauptstraße von Brück im Fläming. Die meisten Surfbretter gehören Schliemanns Sohn Oliver-Tom. Der 13-Jährige ist Weltmeister im Windsurfen, ein Nachwuchstalent. „Deshalb bekommt er die Bretter kostenlos von Sponsoren“, sagt der stolze Vater. Anders wäre die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen nicht finanzierbar. Der Laden und die Organisation von Regatten und Messen bringen gerade genug, um die Familie, zu der noch der siebenjährige Tom-Frederic und die fünfjährige Anne gehören, über Wasser zu halten.

Dabei ist das Wasser Schliemanns Metier. Als der Werkzeugmacher zur Marine einberufen wurde, scheiterte zwar sein erster Versuch, eine Holzjolle zu beherrschen, schon an der Hafenausfahrt. Aber zugleich hat ihn da der Ehrgeiz gepackt. Die Marine bildete ihn zum Segellehrer aus, später arbeitete er in Segelschulen in Griechenland, Jugoslawien und an der deutschen Nordsee. Im Winter studierte er Betriebswirtschaft und Jura.

Da er wegen seines Urgroßonkels gute Beziehungen nach Mecklenburg hatte, öffnete er nach der Wende dort ein Wirtschaftsbüro. Er beriet DDR-Bürger und Betriebe, stellte Kontakte zu westlichen Firmen her und lebte gefährlich. „Auf einer Versammlung erzählte ich den Vermietern von Ferienzimmern an der Müritz, dass sie pro Nacht 25 DM verlangen könnten. Hinterher drohte mir ein Mann, dass mir etwas zustoßen könnte. Ich wusste nicht, dass eine Düsseldorfer Tourismusagentur mit den ahnungslosen Ost-Vermietern bereits Verträge abgeschlossen hatte: für zwei DM die Nacht.“

Stundenlang kann Schliemann von den wilden Wendezeiten erzählen: von skrupellosen Abzockern aus dem Westen, aber auch von Parteibonzen, die über Nacht von der SED-Bezirksleitung zu Tchibo wechselten und ihren Landsleuten das Kilo Kaffee für 60 DM verkauften. „Irgendwann konnte ich alle diese Kriminellen nicht mehr ertragen“, sagt Schliemann. Da hatte er gerade seine Frau Christiane aus Strausberg kennen gelernt, die seine Leidenschaft für das Segeln teilte. Die beiden gingen erst nach Schweden und betrieben dann eine Segelschule in Spanien. Erst im vergangenen Jahr kehrten sie nach Deutschland zurück.

„Ich war entsetzt, wie sich hier alles verändert hat“, sagt Ernst Schliemann: „Als wir das Land Mitte der 90er Jahre verließen, da hatten die Leute noch Mut und Ideen. Jetzt erleben wir nur noch Resignation und Hilflosigkeit. Wenn jemand was versucht, wirft ihm die deutsche Bürokratie Knüppel zwischen die Beine.“ Dann erzählt er die Geschichte eines Investors, der eine Strandgaststätte mit Biergarten aufbaute. Dem wurde in einem vierseitigen Brief mitgeteilt, dass er seinen Biergarten nicht Biergarten nennen dürfe, weil er runde Tische habe. In deutschen Biergärten müssten aber eckige Tische stehen.

„Dieses Land erstickt an seiner Bürokratie“, konstatiert Schliemann, „und mit Hartz IV ziehen sie den Ärmsten die Beine weg.“ Er will „die Betroffenen mit denen, die das verbockt haben, an einen Tisch bringen“. Er hofft, dass es dann ohne „Aufstand der Straße“ abgeht. Sein Motiv sind seine drei Kinder. „Sie sollen in Frieden aufwachsen“, sagt er: „Und außerdem – schließlich hab’ ich damals bei der Marine einen Eid auf dieses Land geschworen.“

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