Geiseldrama in Afghanistan : "Jedes Schwanken wird als Sieg betrachtet"

Die Hintergründe der Geiselnahme in Afghanistan bleiben verwirrend. Fest steht: Der tote Bauingenieur hatte Schussverletzungen. Ob die Taliban wirklich die Drahtzieher sind, wie sie behaupten, ist mehr als fraglich.

Can Merey[dpa]

Neu Delhi/Kabul Als Sicherheitskräfte in der Provinz Wardak die Leiche bargen, herrschte über das Schicksal einer der beiden deutschen Geiseln in Afghanistan traurige Gewissheit. Nach Angaben aus Berlin ist der Bauingenieur vermutlich an den Strapazen der Entführung gestorben. Am Sonntagabend teilten die afghanischen Behörden mit, dass die Leiche Schussverletzungen aufweise. Einen Rückschluss auf die Todesursache lasse dies aber nicht zu, sagte ein Sprecher des Provinzgouverneurs. Die radikal- islamischen Taliban hatten am Samstag behauptet, den Deutschen getötet zu haben. Daran waren jedoch Zweifel laut geworden. Ohnehin spricht manches dagegen, dass die selbst ernannten Gotteskrieger Drahtzieher der Geiselnahme sind. Ihr offensichtliches Ziel: Die deutsche Öffentlichkeit weiter gegen das Afghanistan-Engagement der Bundesregierung aufzubringen.

Die Hintergründe der Geiselnahme blieben am Sonntag unklar. Wahrscheinlich schien aber, dass die Taliban als Trittbrettfahrer politisches Kapital aus dem Fall schlagen wollten. Während sie zunächst nach eigenem Bekunden nichts von einer Geiselnahme durch ihre Kämpfer wussten, forderte Taliban-Sprecher Kari Jussif Ahmadi am Freitag plötzlich den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan - andernfalls würden die Deutschen getötet. Am Samstag dann verkündete Ahmadi, die Geiseln seien erschossen worden. Zu dem Zeitpunkt lebte einer der Verschleppten aber noch.

Macht der Propaganda

Die Taliban wissen um die Macht der Propaganda und haben nach Ansicht westlicher Militärs in den vergangenen Jahren viel dazugelernt. Ahmadi meldet sich seit langem als Stimme der Taliban zu Wort. Oftmals sind seine Angaben schnell als falsch oder übertrieben zu entlarven. Manchmal aber stimmen sie - etwa bei der Entführung von zwei französischen Mitarbeitern einer Hilfsorganisation im April, die später unbeschadet frei kamen. Auch hier forderten die Taliban einen Truppenabzug. Dass weder Paris damals noch jetzt Berlin eine solche Forderung erfüllen werden, wissen auch die Rebellen. Was ihnen aber durch Anschläge und Geiselnahmen gelingt: Die öffentliche Meinung in den Truppenstellerländern gegen den Einsatz zu befeuern.

In Frankreich sah sich die Regierung während der Geiselnahme genötigt, zumindest einen langfristigen Einsatz in Frage zu stellen. Noch vor den Franzosen hatten die Taliban im März den italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo verschleppt. Kurz darauf stand die Entscheidung der Abgeordnetenkammer in Rom über eine Verlängerung des in Italien umstrittenen Afghanistan-Engagements an. Mastrogiacomo kam frei, die Italiener sind weiter in Afghanistan. Aber Regierungschef Romano Prodi übte so lange Druck auf den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai aus, bis der einem Handel zustimmte.

Im Tausch gegen Mastrogiacomo wurden fünf Taliban-Anführer aus der Haft entlassen. Internationale Beobachter sprachen von einem verheerenden Signal, das die Taliban zu weiteren Geiselnahmen ermutigen werde. Derzeit haben die Taliban angeblich noch 23 Südkoreaner in ihrer Gewalt. Deren Regierung hatte bereits zuvor den Abzug der rund 200 südkoreanischen Soldaten zum Jahresende angekündigt. Die Taliban fordern nun die Freilassung von 23 Rebellen aus afghanischer Haft.

"Einen Stein aus der Nato brechen"

Auch nach dem jüngsten Anschlag auf die Bundeswehr in Kundus, der drei deutsche Soldaten das Leben kostete, konnten die Taliban einen "Etappensieg" im Sinne ihrer Ziele verbuchen: Plötzlich sprach sich eine Mehrheit der Bundesbürger gegen das Engagement aus. Ähnlich ablehnend ist die öffentliche Meinung inzwischen in Kanada - nach dem Tod von inzwischen 66 kanadischen Soldaten. Die Opposition in Ottawa hat verkündet, der Minderheitsregierung die Zustimmung für eine Verlängerung des Mandats für die Internationale Schutztruppe Isaf über 2009 hinaus zu verweigern. In den Niederlanden steht eine Entscheidung über die Fortsetzung des Engagements in der südafghanischen Provinz Urusgan an. Dort haben die Taliban ihre Anschläge inzwischen verschärft.

"Jedes Schwanken wird von denen (den Taliban) natürlich als ein Sieg betrachtet", sagte der UN-Sondergesandte in Afghanistan, Tom Koenigs, am Samstag dem ARD-Hörfunk in Kabul. "Jedes Schwächeln irgendeines Staates wird sofort beantwortet." Im Hauptquartier der Nato-geführten Isaf heißt es, die Taliban wollten "einen Stein aus der Nato herausbrechen". Sollte sich ein Truppensteller dem wachsenden öffentlichen Druck in der Heimat beugen, dürften die Rebellen auf einen Domino-Effekt hoffen.

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, äußert im aktuellen "Spiegel" die Sorge, "dass die Terroristen die öffentliche Meinung für ihre Zwecke missbrauchen und so die Oberhand gewinnen". Ein von den Taliban erzwungenes Ende des Engagements eines Bündnispartners in Afghanistan, so sagte ein deutscher Offizier beim Besuch von Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung in Kabul im vergangenen Monat, "wäre aus meiner ganz persönlichen Sicht die größte Krise, die die Nato sich vorstellen könnte".