Geiseldrama in Afghanistan : Zwischen Hoffen und Bangen

Die Bundesregierung bemüht sich weiter intensiv um die Freilassung des zweiten in Afghanistan entführten Deutschen. Die radikal-islamischen Taliban fordern unterdessen Freiheit für zehn Gesinnungsgenossen.

Berlin/KabulNach dem Tod eines entführten deutschen Bauingenieurs in Afghanistan setzt die Bundesregierung alles daran, den zweiten verschleppten Deutschen unversehrt aus der Gewalt der Kidnapper zu befreien. Der Krisenstab konzentriert sich jetzt mit voller Kraft darauf, die deutsche Geisel frei zu bekommen, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Die Leiche der bei der Entführung ums Leben gekommenen deutschen Geisel - ein 44-jähriger Mann - soll möglichst rasch nach Deutschland übergeführt werden.

Laut "Spiegel online" weist die Leiche mehrere Brustschüsse auf. Das hätten Beamte des Bundeskriminalamts nach einer ersten Untersuchung der Leiche am Sonntagabend in Kabul nach Berlin gemeldet. Ob der Mann durch die Schüsse starb oder bereits tot war, als auf ihn gefeuert wurde, ist noch unklar. Er litt an Diabetes. Der 44-Jährige hinterlässt eine Frau und einen Sohn in Wismar.

Neue Forderung der Taliban

Die radikal-islamischen Taliban stellten unterdessen eine neue Forderung für die Freilassung des angeblich von ihnen entführten deutschen Ingenieurs. Da die Bundesregierung einen zunächst geforderten Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan ablehnt, fordern die Rebellen nun die Freilassung von zehn Taliban-Kämpfern aus afghanischer Haft, erklärte Taliban-Sprecher Kari Jussuf Ahmadi. Das Auswärtige Amt wollte sich zu der neuen Forderung der Taliban bislang nicht äußern.

Ahmadi behauptete, eine der am Wochenende von den Taliban als tot gemeldeten deutschen Geiseln und vier mitgefangene Afghanen seien noch am Leben. Es gibt allerdings erhebliche Zweifel daran, dass sich die Geiseln jemals in der Hand der Taliban befanden. Experten vermuten, dass die Entführung auf einen Stammeskonflikt mit kriminellem Hintergrund zurückgeht und die Rebellen die Geiselnahme für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Die Verhandlungen mit den Entführern des zweiten deutschen Bauingenieurs in der zentralafghanischen Provinz Wardak gingen nach Angaben der Provinzregierung derweil weiter. Der Sprecher des Gouverneurs von Wardak sagte, man hoffe auf ein positives Ergebnis.

Südkoreanische Geiseln: Ultimatum verlängert

Auch die Bemühungen der afghanischen und südkoreanischen Regierung um eine Freilassung der 23 von den Taliban entführten Südkoreaner liefen auf Hochtouren. Die Regierung hält über verschiedene Kanäle "indirekten oder direkten" Kontakt zu den Geiselnehmern, sagte ein Regierungsbeamter in Seoul. Die Taliban verlängerten am Abend ihr Ultimatum abermals um 24 Stunden. Die südkoreanische Regierung erklärte jedoch, weder sie noch die Regierung in Kabul sei über eine Verlängerung informiert worden.

Der Kommandeur der Afghanistan-Schutztrupper Isaf sprach sich in der Zwischenzeit gegen Verhandlungen mit den Geiselnehmern des deutschen Bauingenieurs aus. US-General Dan McNeill erklärte in Kabul in einem ARD-Hörfunkinterview, die Aufständischen benutzten Entführungen als Methode. "Terrorismus ist der passende Ausdruck dafür." McNeill sagte, er wünsche sich mehr Soldaten für die Isaf auch aus Deutschland. Ein bis zwei Bataillone der Bundeswehr, also etwa 500 bis 1000 Soldaten, wären eine "wunderbare Ergänzung", wenn der Bundestag dem zustimmte.

SPD-Verteidigungsexperte fordert Kurswechsel

Der Bundestag stimmt im Herbst über drei Mandate ab: die Beteiligung an der Isaf-Truppe, den Einsatz von Tornados sowie die Teilnahme am US-geführten Anti-Terrorkampf (OEF). Der SPD-Verteidigungsexperte Hans-Peter Bartels forderte im "Kölner Stadt-Anzeiger" einen Kurswechsel beim Afghanistan-Einsatz. "Es muss sich was ändern, sowohl beim zivilen Aufbau als auch bei der Struktur der Mandate."

Im Süden und im Osten Afghanistans kamen unterdessen nach Angaben der Nato-geführten internationalen Schutztruppe Isaf mindestens zwei ausländische Soldaten ums Leben. Wie das Militär in Oslo mitteilte, handelt es sich bei einem der Toten um einen Norweger. Die Nationalität des zweiten Soldaten ist bislang bekannt. (mit dpa)