Der Tagesspiegel : Geisterviertel: Gute Platte, schlechte Platte

Die Freude vor 13 Jahren bleibt unvergessen. Endlich eine Neubauwohnung! Vom tristen und heruntergekommenen Prenzlauer Berg, der damals noch nichts von Szene, Kneipenkultur oder Multi-Kulti erahnen ließ, ging es an den Stadtrand. Die Wohnung bot damals allen Komfort: endlos warmes Wasser aus der Wand und nicht aus dem Boiler, Toilette im Bad und nicht auf halber Treppe, Balkon mit schöner Aussicht von der zehnten Etage statt baumlosem Hinterhof. So ähnlich ging es Zehntausenden Familien in der kleinen Republik zwischen Ostsee und Fichtelberg. Sie zogen in die Hochhäuser und freuten sich über den Luxus, der erst nach der Wende erstaunlicherweise verblasste.

Plötzlich machte das Wort von der "Platte" die Runde, die angeblich nicht viel taugte. "Arbeiterschließfächer", "Schnarchsilos" und "Ghetto" waren noch die harmlosesten Umschreibungen. Viele Menschen verließen die einst heißgeliebten vier Wänden wieder - und zogen in renovierte oder neue Wohnungen in den Stadtzentren oder in die nun plötzlich möglich gewordenen Eigenheime. Der größte Teil der früheren Mieter verließ die "Platte" aber aus einem anderen Grund: Auf der Suche nach Arbeit kehrten sie ihrer ostdeutschen Heimat den Rücken, meist ging der Weg nach Westen. Nur Berlin entspricht nicht ganz diesem Muster. Da wurde die Wohnung oft behalten, der Weg zur Arbeit im Westteil spielte keine Rolle.

Jahrelang wurde jedoch der Zusammenhang zwischen fehlenden Arbeitsplätzen und den massenhaften Wegzügen aus den Neubauvierteln in den öffentlichen Debatten unter den Teppich gekehrt. Oft aus Unwissenheit zugereister Beobachter, nicht selten aber auch vorsätzlich. Die Bauindustrie brauchte schließlich ein entsprechendes Klima, um für neue Wohngebiete Fördermittel aus der Staatskasse zu erhalten. Heute stehen auch viele dieser Bauten leer. Es fehlt schlichtweg an Mietern oder Käufern.

Deshalb sagt der kaum zu fassende Leerstand von einer Millionen Wohnungen in Ostdeutschland, der bezogen auf das kleine Territorium in der Welt beispiellos sein dürfte, nichts über die Qualität der Plattenbauten. Er ist eher ein alarmierendes Zeichen für die wirtschaftliche Misere in weiten Gebieten des Ostens. Brandenburg ist da keine Ausnahme. Wittenberge, Guben, Eisenhüttenstadt, Frankfurt (Oder), Brandenburg (Havel) oder das gerade vom Bundeskanzler Gerhard Schröder besuchte Schwedt verloren Tausende Einwohner. Arbeit und der gerade in den Industriezentren konzentrierte Plattenwohnungsbau hatte die Menschen einst hierher gelockt. Neunzig Prozent der heute noch 38 000 Schwedter Einwohner - 1990 waren es 52 000 - stammen beispielsweise nicht aus der Uckermark.

Ein heutiger Spaziergang durch die Geisterviertel schärft den Blick auf die Lage im Osten. Verlassene Wohnungen oder zum Abriss freigegebene Blöcke sprechen eine deutliche Sprache. Vielleicht ist erst danach die harte Kritik des Schwedter Bürgermeisters Peter Schauer an den Arbeitsämtern zu verstehen. Sie zahlten jeden Arbeitslosen sechstausend Mark "Kopfprämie", wenn dieser sich im Westen einen Job suche. So sei das Sterben der Orte nicht aufzuhalten, da vor allem junge Leute ihre Sachen packten, klagte der Bürgermeister. Das Geld sollte lieber für Jobs im Osten bleiben.

So mancher Weggezogener rieb sich einige hundert Kilometer westlich allerdings die Augen. Plattenviertel bestimmen schließlich auch in Hannover und anderswo die Stadtränder. Vom schlechten Image kann hier keine Rede sein. Im Gegenteil, wegen des Komforts, der guten Infrastruktur und der Nähe zum Arbeitsplatz sind gerade sie geschätzt - wie einst zu Zeiten der kleinen Republik.

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