Der Tagesspiegel : "Geld und Kreativität ist da, es fehlt der Hit"

THORSTEN METZNER

Der Manager Pierre Couveinhes verläßt die Medienstadt Babelsberg und kehrt nach Frankreich zurück.Der 48jährige war seit 1992 neben Volker Schlöndorff Geschäftsführer der Gesellschaft, die das frühere Ufa-Gelände zum deutschen Hollywood machen will.Thorsten Metzner sprach mit ihm über die Perspektiven der Medienregion.

TAGESSPIEGEL: Gilt Ihre ehrgeizige Ankündigung noch, daß die Babelsberger Filmstudios das dritte große europäische Medienzentrum neben Paris und London werden sollen?

COUVEINHES: Es geht nicht um Babelsberg allein, sondern um den Medienstandort Berlin.Daß sich die deutsche Hauptstadt, die Medienregion Berlin-Brandenburg, zum dritten großen Medienzentrum in Europa entwickeln kann - dazu stehe ich.

TAGESSPIEGEL: Wie soll das gelingen, wenn die hiesige Medienregion bislang nicht einmal in Deutschland Spitze ist?

COUVEINHES: Vor sechs Jahren war der Medienstandort Berlin-Brandenburg gegenüber Hamburg, Köln oder München weit abgeschlagen.Heute spielen wir in diesem Klub wieder mit.Das ist ein großer Sprung nach vorn.Ob Berlin die Nummer Eins in der Bundesrepublik wird, ist letztlich gar nicht so wichtig.Entscheidend wird sein, daß Berlin eine europäische Metropole wird.Berlin muß sich an Paris, London und Hollywood orientieren - das ist der Maßstab.

TAGESSPIEGEL: Was bremst am meisten?

COUVEINHES: Ein gewisser Provinzialismus, der mit dem baldigen Umzug der Bundesregierung nun hoffentlich abgestreift wird.Zu oft höre ich aus Berlin, daß man Babelsberg als eine Konkurrenz ansieht.Aus dieser Angst heraus hat der Berliner Senat den Hamburger Studios und nicht Babelsberg den Zuschlag für den Standort Adlershof gegeben.Ein solcher Lokalegoismus ist kurzsichtig.Was Hollywood stark macht, ist das Nebeneinander von zehn bis zwanzig großen Studios.Das muß hier auch gelingen.

TAGESSPIEGEL: Heißt das, daß sich die Ländergrenze zwischen Berlin und Brandenburg störend für die Medienwirtschaft auswirkt?

COUVEINHES: Ja, diese Konkurrenz zwischen beiden Ländern ist für die hiesige Medienwirtschaft ein Standortnachteil gegenüber anderen Regionen.Es wäre für uns leichter, wenn es nur eine Landesregierung gäbe.Ich glaube, daß die Frage einer Ländervereinigung nach dem Hauptstadt-Umzug wieder aktuell wird.Hoffentlich.

TAGESSPIEGEL: Als 1992 der französische Investor die traditionsreichen Ufa- und Defa-Studios übernahm, befürchteten viele eine gigantische Immobilienspekulation.Die Treuhand-Verpflichtung endet im Jahr 2002.Werden danach in Babelsberg weiter Filme gedreht?

COUVEINHES: Kein Frage, natürlich! Babelsberg als Medienstandort ist gesichert - und nicht mehr zu stoppen.Wir haben unsere Verpflichtungen für Investitionen und Arbeitsplätze nicht nur eingehalten, sondern übertroffen.Auf dem Gelände sind mehr als 800 Millionen Mark investiert worden, davon die Hälfte von der Vivendi-Gruppe selbst.Heute arbeiten hier dreitausend Menschen.Mehr als zu DDR-Zeiten - das ist einmalig in Ostdeutschland.Rund 120 Medienfirmen haben sich angesiedelt.Das Bauprogramm mit neuen Film- und Fernsehstudios und Ateliers ist weit fortgeschritten.

TAGESSPIEGEL: Aber bei Kinofilmen, die den Mythos Babelsberg aufleben lassen könnten, sieht es nicht so rosig aus.

COUVEINHES: Das stimmt.Doch das ist kein Babelsberger Problem, sondern ein Problem des deutschen und europäischen Kinos.Es ist zumeist - anders als Amerika - kein Studiokino.Man dreht lieber an realen Schauplätzen.Es wird für Babelsberg die wichtigste Aufgabe der kommenden Jahre, den Durchbruch bei Kinofilmen zu erreichen.

TAGESSPIEGEL: Wie soll das gelingen?

COUVEINHES: Für den Standort sind eine Reihe von Medienfonds aufgelegt worden, mit einem Volumen über einigen hundert Millionen Mark, aus denen Kinofilme produziert werden.Geld ist da, das kreative Potential, eine moderne Infrastruktur - jetzt fehlt noch der erste richtige Publikumsrenner.

TAGESSPIEGEL: Wann will Vivendi in Babelsberg richtig Geld verdienen?

COUVEINHES: Es wird noch fünf, sechs Jahre dauern, bis sich die Investitionen rechnen.Manches war nicht vorhersehbar: Als wir 1992 in Babelsberg anfingen, setzten wir auf das Prinzip der Querfinanzierung.Die Immobiliengewinne sollten die zwangsläufigen Verluste im Filmgeschäft ausgleichen.Die Rechnung ging nicht auf, weil der Berliner Immobilienmarkt einbrach.Wir haben gegengesteuert - mit Erfolg.

TAGESSPIEGEL: Wie?

COUVEINHES: Die Medienflanke ist unterm Strich bereits rentabel.Vor allem durch den Erfolg der Fernsehstudios und der Studiotour, die jährlich 580 000 Besucher zählt.Aus den Gewinnen dieser beiden Säulen werden wir 1999 die Verluste des Kinofilm-Bereiches von ungefähr 5 Millionen Mark decken.Ich gehe aber davon aus, daß auch die reinen Kinostudios im Jahr 2000 schwarze Zahlen schreiben werden.

TAGESSPIEGEL: Sie verlassen Potsdam.Werden Sie die Stadt vermissen?

COUVEINHES: Ja, sehr.Potsdam ist, wie Matthias Platzeck es formuliert hat, wirklich wieder die französischste Stadt Deutschlands geworden.Vor sechs Jahren konnte davon keine Rede sein.Eine Einschränkung: Die Gastronomie und die Straßen können sich mit Frankreich nicht messen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar