Der Tagesspiegel : Gemeindereform verwirrt Briefträger

In den Großgemeinden tauchen viele Straßennamen mehrfach auf

Claus-Dieter Steyer

Potsdam. Einen Brief im Land Brandenburg an die richtige Adresse zu schicken, ist in den nächsten Wochen nicht gerade einfach. Denn es ist nicht klar, welchen Ortsnamen man hinter die Postleitzahl schreiben muss: den alten oder den neuen, der seit der Kommunalwahl vergangenen Sonntag gilt. Caputh oder Schwielowsee? Zempow oder Wittstock? Gallinchen oder Cottbus? Laut Gesetz soll man nur noch die neuen Namen verwenden. Von 1479 ehemals eigenständigen Orten blieben nach der Gebietsreform lediglich 422 übrig. In allen Personalausweisen werden jetzt die neuen Ortsnamen eingetragen. Nur die Deutsche Post ignoriert die keineswegs überraschenden Veränderungen auf der Landkarte. Denn in vielen Großgemeinden gibt es nun dieselben Straßennamen doppelt und dreifach, alle mit der gleichen Postleitzahl. Die Briefträger rätseln, welche Straße wohl gemeint ist.

„Wir empfehlen den Briefe- und Kartenschreibern, bis auf weiteres die alten Ortsbezeichnungen zu verwenden“, sagt Anke Baumann, die Sprecherin der Post. „Alle anderen Namen würde die Zustellung der Sendungen unnötig verlängern.“ Natürlich habe auch die Deutsche Post von den einschneidenden Veränderungen in Brandenburg erfahren. „Aber in den neuen Großgemeinden oder in den nun größer gewordenen Städten tauchen viele Straßen mit dem gleichen Namen mehrfach auf“, erklärt die Sprecherin. „Das muss erst in den Kommunen verändert werden.“ Die Post werde jetzt schrittweise auf die neuen Gemeindevertretungen zugehen.

Tatsächlich gibt es durch die Zusammenschlüsse in jedem Ort viele Straßennamen mehrfach. Fast jede Gemeinde hat seine Dorfstraße oder eine Hauptstraße. Andere Orte besitzen oft eine Berliner, eine Potsdamer oder eine Hamburger Straße.

Nun sind gleiche Straßennamen in vielen Städten keine Seltenheit. Die Kastanienallee steht im Berliner Stadtplan beispielsweise acht Mal. Doch alle können durch die Postleitzahlen und die Angabe des Ortsteils unterschieden werden. Das funktioniert in den neuen Brandenburger Großgemeinden nicht. Sie haben alle dieselbe Postleitzahl.

Ob sich die paradoxe Situation bald ändern wird, ist fraglich. Die neuen Gemeindevertretungen müssen sich erst zusammenfinden und vielerorts gehört die Umbenennung von Straßen nicht zu den dringendsten Aufgaben. Ohnehin dürfte da viel gestritten werden, denn wer möchte schon auf seine geliebte Dorfstraße verzichten. „Vielleicht setzen die neuen Vertretungen einfach die alten Dorfnamen davor“, schlägt Post-Sprecherin Baumann vor. Die Zempower Dorfstraße würde sich im konkreten Fall dann von der Schweinricher Dorfstraße unterscheiden, obwohl beide Orte jetzt zur Stadt Wittstock gehören. Wer nur an eine Person in 16909 Wittstock, Dorfstraße 10, schreibt, stellt die Post also vor Probleme.

Erst nach dieser Hürde kann die Software in den 83 bundesweiten Briefverteilzentren zur elektronischen Erfassung der Anschriften schrittweise umgestellt werden. Das erfolgt in der Regel nur alle Vierteljahre. Der nächste mögliche Termin wäre der 1. April 2004. Bis dahin vertraut die Post auf ihre Briefträger. Die würden sich auskennen und jeden Brief an den richtigen Empfänger bringen, wenn auch unter Umständen mit Verzögerungen.

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