Gemeinsame Raketenabwehr : Putin drängt Bush zu Verhandlungen

Russland will von Juli an mit den USA über die Nutzung einer Radarstation in Aserbaidschan als Teil eines gemeinsamen Raketenabwehrsystems verhandeln. Die USA sind davon wenig begeistert.

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Wladimir PutinFoto: AFP

MoskauRussland will von Juli an mit den USA über die Nutzung einer Radarstation in Aserbaidschan als Teil eines gemeinsamen Raketenabwehrsystems verhandeln, das Präsident Putin vorgeschlagen hatte. "Anfang Juli reist Putin in die USA, um hoffentlich die Entscheidung der Amerikaner zu erfahren. Danach können wir mit den Verhandlungen beginnen", sagte Generalstabschef Juri Balujewski. Im Kreml ehrte Putin die Konstrukteure eines neuen Systems für Kurzstreckenraketen mit dem russischen Staatspreis.

Der seit Monaten andauernde Streit zwischen Washington und Moskau um US-Raketenabwehrpläne für Mitteleuropa hatte in der Vorwoche auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm eine überraschende Wende genommen. Der Kremlchef schlug seinem Amtskollegen George W. Bush vor, auf die Stationierung in Polen und Tschechien zu verzichten und stattdessen eine seit 20 Jahren von den Russen betriebene Radarstation in Aserbaidschan an der Grenze zu Iran zu nutzen.

Riesiger Überwachungsradius

Die Station, die als technisch veraltet gilt, ist Teil des russischen Raketen-Frühwarnsystems. Mit einem Überwachungsradius von 6000 Kilometern kontrolliert die Anlage nach russischen Angaben vom Südkaukasus aus das Territorium Irans, der Türkei, Chinas, Pakistans, Indiens, des Iraks und einen Großteil Afrikas.

In Heiligendamm hatte Putin deutlich gemacht, dass er von Washington einen Verzicht auf die Stationierung in Mitteleuropa erwarte. Anderenfalls sehe sich Russland - wie zuvor angedroht - gezwungen, seine Raketen auf neue Ziele in Europa und den USA auszurichten. Der Plan einer gemeinsamen Nutzung der Anlage in Gabala löste bei der US-Führung verhaltene Reaktionen aus. Bush sprach in Heiligendamm von einem "interessanten Vorschlag". Bei seinem anschließenden Besuch in Polen bekräftigte er allerdings die bisherigen Raketenabwehrpläne für Mitteleuropa, die ein Radar in Tschechien sowie Abfangraketen in Polen vorsehen.

Raketenbauer geehrt

Bei der Verleihung der Staatspreise im Kreml lobte Putin die Erfolge der russischen Rüstungsindustrie. "Die Verdienste zur Steigerung der Verteidigungsfähigkeit des Landes finden bei uns eine gewaltige Anerkennung", sagte der russische Präsident. Ausgezeichnet wurden die Konstrukteure des Kurzstrecken-Raketensystems "Iskander-M". Nach Angaben russischer Militärs könnte das mobile Raketensystem in einigen Jahren im russischen Ostseegebiet Kaliningrad stationiert werden, um von dort aus die geplante US-Raketenabwehr in Polen ins Visier zu nehmen.

Das Raketensystem "Iskander-M" dient der Bekämpfung von Luftabwehr- und Raketenabwehranlagen. Es befindet sich noch in der Entwicklungsphase. Bei einer Reichweite zwischen 50 und 280 Kilometern soll die Zielgenauigkeit nach russischen Berichten zwei Meter betragen. "Iskander-M" kann sowohl ballistische Raketen als auch Marschflugkörper einsetzen. (mit dpa)