GENIESTREICH ODER ALBERNHEITChristian Kracht liest : Steinerne Sphinx

Gregor Dotzauer

Wenn man wüsste, ob man ihn eher vor seinen Freunden schützen soll oder eher vor seinen Feinden. Bei Christian Kracht aber weiß man nie. Wie ernst es ihm mit dem ist, was er sagt. Wie ernst er den nimmt, dem er etwas sagt. Und ob er überhaupt etwas gesagt hat, wenn er etwas gesagt hat. Christian Kracht ist eine Art steinerne Sphinx, bei der man darauf wartet, dass sich ihren Lippen ein orakelhaftes Murmeln entringt. Die auf Knien rutschenden Bewunderer vernehmen offenbar Dinge, die in den Ohren der Gegner nach dem glatten Gegenteil klingen. Was daran liegt, dass Kracht notorisch ungern Dinge wirklich meint, und lieber sein Pokerface vom Publikum abwendet, eine Zigarette raucht und sich was grinst.

Volker Weidermann von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gehört zu Krachts ausgewiesenen Freunden – was seine Chance, als Moderator herauszufinden, ob Krachts neuer Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ ein Geniestreich ist oder die pure Albernheit, aber nur wenig erhöht. Das Buch spielt in der Gegenwart eines von fast hundert Jahren Krieg erschöpften Landes – und in einer auf dem Stand von 1917 verharrenden Umgebung: Willkommen in der Schweizerischen Sowjetrepublik! In diesem endzeitlichen Paralleluniversum ist die Weltgeschichte einmal gegen den Strich gebürstet: Lenin hat den politischen Umsturz in Zürich angezettelt, und Afrika rekrutiert den Truppennachwuchs. Der Erzähler, ein schwarzer Schweizer Politkommissär, soll einen Konterrevolutionär aufspüren und folgt ihm bis in die Schweizer Alpenfestung, das Réduit. Gregor Dotzauer

Literarisches Colloquium Berlin, Di 7.10., 20 Uhr, 5 €, erm. 4 €

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