Gentechnik : Kartoffel ja, Mais nein

Trotz Anbauerlaubnis für die „Genknolle“ sind sich Forscher unsicher, wie ihre Arbeit weitergeht

Adelheid Müller-Lissner
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Umstrittene Frucht. Ein Forscher begutachtet die Kartoffeln der Sorte „Amflora“, deren Erbgut im Labor verändert wurde. Foto: laif

Die Aufregung war groß: Vor zwei Wochen erließ Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner ein Anbauverbot für die gentechnisch veränderte Maissorte Mon 810 des US-Agrarkonzerns Monsanto. Eine „fachlich begründete Einzelfallentscheidung“ hatte sie ihren Entschluss genannt. Im Fall der Kartoffel mit dem poetischen Namen „Amflora“, die gezielt nur eine Form von Stärke produziert und unter anderem in der Papierherstellung zur Anwendung kommen soll (siehe Infokasten), hat das Ministerium nun anders entschieden. Dabei dürften nicht allein juristische und wirtschaftspolitische Aspekte, sondern auch die deutlichen Reaktionen aus der Wissenschaft auf die Entscheidung in Sachen „Genmais“ eine Rolle gespielt haben.

Zehn große deutsche Wissenschaftsorganisationen hatten in einer gemeinsamen Erklärung die Sorge geäußert, „dass diese Entscheidung den Trend verstärken wird, mit einer aller Voraussicht nach wichtigen Zukunftstechnologie irrational umzugehen und dadurch irreparable Schäden für den Standort Deutschland herbeizuführen“. Die Unterzeichner der Erklärung, darunter die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Max-Planck-Gesellschaft, fordern verlässliche Rahmenbedingungen für die Forschung und die wissenschaftliche Begleitung der Grünen Gentechnik.

Wissenschaftliche Begleitung hatte es in den vergangenen Jahren für das transgene Produkt Mon 810 durchaus gegeben. Die Maissorte, in die ein verändertes Gen des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis eingebaut wurde, produziert ein Eiweiß namens Cry1Ab. Für die Raupen des Maiszünslers, einen der Hauptschädlinge für Futtermais, ist es ein tödliches Gift. Durch den Anbau von Mon 810 können also Insektizide eingespart werden. Doch es bleiben Fragen: Schadet das, was für den Maiszünsler tödlich ist, auch nützlichen Insekten, die sich in der Nähe der Pflanze tummeln? Greift es in die Ökologie der Gewässer ein? Belastet es die Glieder der Nahrungskette, also Nutztiere und Menschen?

Was die letzte Frage betrifft, so hat vor kurzem eine Studie der Technischen Universität München Entwarnung gegeben. Die Arbeitsgruppe von Heinrich Meyer vom Lehrstuhl für Physiologie am Wissenschaftszentrum Weihenstephan verfütterte zwei Jahre lang Mais der Sorte Mon 810 an Milchkühe und verglich deren Milch, Blut und Exkremente mit denen von herkömmlich gefütterten Tieren. Die Forscher wiesen nach, dass der gentechnisch veränderte Mais den Kühen genauso gut bekam wie herkömmlicher Mais. Neben verschiedenen Stoffwechselparametern hatten sie auch Fruchtbarkeitshormone untersucht. „Ein Gefährdungspotenzial durch den gentechnisch verändertem Mais Mon 810 in der Verfütterung an Milchkühe ist aus unseren Studienergebnissen nicht ersichtlich“, sagt Meyer.

Die Bedenken, auf die das Landwirtschaftsministerium sich stützte, betreffen denn auch nicht die Gesundheit von Nutztieren und Menschen, sondern das ökologische Gleichgewicht der Insektenwelt vor Ort. Aktueller „Aufhänger“ ist eine Studie zur Auswirkung des Bt-Mais auf Populationen von Zweipunkt-Marienkäfern, die im Februar in der Zeitschrift „Archives of Environmental Contamination and Toxicology“ erschienen ist. „Das sind allerdings Erkenntnisse, die in Laborversuchen gewonnen wurden und keine Schlussfolgerungen auf die ökologischen Auswirkungen ermöglichen“, moniert Bernd Müller-Röber, Pflanzenforscher an der Uni Potsdam. Den Molekularbiologen ärgert zudem, dass die Publikation über Marienkäfer der Fachwelt schon seit August 2008 online zur Verfügung stand, der Anbaustopp jedoch erst kurz vor der Aussaat verfügt wurde.

„Im Bescheid der Ministerin fehlen einige Studien, so dass man zu dem Schluss gelangen muss, dass das Ministerium selektiv zitiert“, urteilt Stefan Rauschen von der Arbeitsgruppe Agrarökologie der Rheinisch- Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen. Er koordiniert das Projekt „Freisetzungsbegleitende Sicherheitsforschung an Mais mit multiplen Bt-Genen“, das vom Bundesforschungsministerium (BMBF) gefördert wird.

Rauschens eigene Freilandversuche galten den Zikaden. In ausgeklügelter Anordnung wurden dazu Mon 810 und eine genetisch gleiche, unveränderte Ausgangssorte auf Versuchsfeldern angebaut und teilweise mit dem üblichen Insektizid behandelt. Anschließend fingen die Biologen zu drei verschiedenen Zeitpunkten die Insekten in unmittelbarer Nachbarschaft ein und untersuchten sie im Labor.

Ähnliche Experimente machten Kollegen auch mit verschiedenen Schmetterlingsarten – allesamt „Nichtzielorganismen“ des Gifts und Teil der biologischen Vielfalt auf den Feldern. „Es konnten keine Hinweise darauf gefunden werden, dass von Mon 810 ein größeres Risiko einer Umweltgefährdung ausgeht als vom konventionellen Maisanbau“, resümiert Rauschen. „Im Gegenteil, der Anbau von Mon 810 erwies sich als schonender als die Behandlung der Flächen, die vom Maiszünsler befallen waren, mit Insektiziden.“

Den Gegnern des Anbaus gentechnisch veränderter Organismen reichen diese Erkenntnisse aus Freilandversuchen indes nicht. „Ungewollte Effekte für Nichtzielorganismen können nicht mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen werden“, heißt es in einer Einschätzung vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft.

Doch gerade für die Forschung, die das ändern könnte, drohen empfindliche Einschränkungen. So sind an dem von Rauschen koordinierten BMBF-Projekt auch bayerische Wissenschaftler beteiligt, doch Freilandversuche dieser Art könnten im Freistaat künftig unmöglich werden. Für die Sicherheitsforschung wäre eine solche Entscheidung eine Katastrophe, meint Rauschen. „Wechselwirkungen zwischen den Organismen können im Gewächshaus nicht abgebildet werden, Deutschland würde als Forschungsstandort für die landwirtschaftliche Nutzung der Grünen Gentechnik ausfallen.“

Rauschen nimmt es Politikern inzwischen übel, wenn sie hier angesichts mangelnder Akzeptanz bremsen, statt aufzuklären. „Aber auch Wissenschaftler müssen mit viel Geduld Überzeugungsarbeit leisten“, sagt sein Kollege Karl-Heinz Kogel vom Institut für Phytopathologie und Angewandte Zoologie der Uni Gießen. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, als vor zwei Jahren Umweltaktivisten auf Versuchsfeldern genveränderte Gerste zertrampelten, die im Rahmen einer Biosicherheitsstudie angebaut worden war.

Der Biologe versucht die Skepsis der Bevölkerung als Ausdruck eines Schutzmechanismus zu begreifen, „der ja auch aus evolutionsbiologischer Sicht sinnvoll ist“. Die Einführung einer neuen, als umwälzend empfundenen Technik treffe zunächst immer auf Misstrauen. Kogel versucht dem etwa durch Vorträge in Schulen zu begegnen. Dass die diesjährige Erlaubnis für die Freisetzungsversuche seiner Arbeitsgruppe mit genveränderter Gerste immer noch auf sich warten lässt, macht ihn jedoch unruhig. Die Signale, die die Pflanzenforscher aus der Politik erreichen, sind nicht gerade eindeutig.

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