Genter Altar : Rätsel des Lammes gelöst?

Der "Genter Altar", ein Publikumsmagnet in der St. Bavo-Kathedrale der flandrischen Stadt, gilt als eines der raffiniertesten Kunstwerke des Mittelalters. Ein Forscher aus Münster legt nun eine neue, sensationelle Interpretation der Malereien auf dem Flügelaltar vor.

Gerd Korinthenberg[dpa]
Genter Altar
Der "Genter Altar" zieht jährlich rund 700.00 Besucher in seinen Bann. -Foto: Public Domain

Gent/Münster Rund 700.000 Menschen aus aller Welt pilgern im Jahr zum "Genter Altar" in die St. Bavo-Kathedrale der flandrischen Stadt: Der riesige Flügelaltar, den der Maler Jan van Eyck 1432 vollendet hat, gilt in seiner atemraubenden Vollkommenheit als das bedeutendste und zugleich aber auch rätselhafteste Kunstwerk des zu Ende gehenden Mittelalters. Seit Generationen reizt die nach der Apokalypse des Johannes gemalte Anbetung des Gottes-Lammes mit seinen zahlreichen theologischen, kosmologischen und sogar botanischen Anspielungen ganze Legionen von Kunsthistorikern zu Interpretationen.

Der Münsteraner Forscher und Autor Klaus Schröer (41), der bereits mathematische Gesetze im Werk Leonardos ergründet hat, sieht eine überraschend politische Aussage in dem fast vier Meter hohen Altar, der von Gottvater, Maria und Johannes gekrönt wird. Schröer entdeckte verblüffende Indizien für die Annahme, dass der burgundische Herzog und Dienstherr Jan van Eycks, Philipp der Gute, mit dem scheinbar nur frommen Monumentalwerk als raffiniertes Bilderrätsel für Eingeweihte die Ritter des von ihm 1430 gegründeten legendären Goldenen-Vlies-Ordens an sich binden wollte. Damit habe er seine Macht gegen den Nachbarn Frankreich stärken, gleichzeitig den alten Kreuzzugsgedanken nach Osten erneuern und sich damit als Vorkämpfer des Christentums profilieren wollen.

"Es geht nicht um Weltverschwörung"

Zu Füßen Gottes huldigen auf dem ungeheuer detailreichen Altarbild Pilgerströme und zwölf Engel dem Gotteslamm, aus dessen Brust sich ein Blutstrom in den Grals-Kelch ergießt. Die betenden Engel, Symbole der zwölf Tore des Himmlischen Jerusalem in der Apokalypse und die knienden Pilger rings um den Altar identifizierte Geometrie-Experte Schröer als deutliches Zwölfeck: "Dieses Detail hat mich wahnsinnig gemacht", gesteht der Forscher. Da die dort theologisch notwendige Abbildung des Himmlischen Jerusalems fehle, war für ihn das seltsame Zwölfeck im Zentrum des Altars eine Art Denkaufgabe, die Fehlstelle zu ergänzen: Nach langem Suchen stieß Schröer auf die uralte Kirche der Kreuzfahrerzeit "La Vera Cruz" im kastilischen Segovia, deren ebenfalls zwölfeckiger Grundriss und die angebauten Altarräume sich absolut mit dem Aufbau des Genter Altars und dessen drei aufragenden Mitteltafeln decken.

Nachweislich war der Künstler im Auftrag seines Landesherrn Philipp in Kastilien, als dieser um eine Ehefrau aus Portugal warb, erklärt der Münsteraner. Er fand heraus, dass ein weiteres, ähnliches Van-Eyck-Gemälde, das heute im Prado hängt, ursprünglich dem Kloster neben der Templerkirche gehört hat. Beweis für den Besuch des Malers aus Flandern auch in der geheimnisvollen Zwölfeck-Kirche? "Das ist keine Dan-Brown-Geschichte, es geht nicht um Weltverschwörung, sondern ist seriös recherchiert", beruhigt Schröer die Skeptiker und redet bescheiden vom "Vorschlag zur Interpretation". Schließlich aber sei das neben dem Lamm deutlich dargestellte Kreuz, spanisch La Vera Cruz, und ein Johannes-Zitat mit dem verschlüsselten Buchstaben-Hinweis auf Segovia ein weiterer Hinweis, vermutet der Forscher.

Rätselreiches Kunstwerk

Aus historischen Quellen lässt sich laut Schröer rekonstruieren, dass mit dem Moment der portugiesischen Eheschließung das burgundische Herzogspaar zu eifrigen Verfechtern des Kreuzzugsgedankens wurde und Philipp Kastilien politisch gegen Frankreich auf seine Seite ziehen wollte. Als Verbeugung vor dem umworbenen Spanien habe der Maler dann die eng mit der Kreuzfahrt verbundene Kirche von Segovia in seinem Bild versteckt, argumentiert Schröer.

Das Prado-Bild, in dem das Himmlische Jerusalem noch sichtbar dargestellt ist, habe Jan van Eyck folgerichtig verworfen und in Spanien zurückgelassen. Sollte der Forscher aus Münster, der gespannt auf ein Echo der Kunstwissenschaft wartet, das Rätsel des Lammes richtig gelöst haben, dann hätte van Eyck in der Geburtsstunde der Malerei Nordeuropas nicht nur eines der schönsten, sondern gleichzeitig auch eines der raffiniertesten "Propaganda"-Bilder der Kunstgeschichte geschaffen.