Der Tagesspiegel : Gerangel um den Wetterhahn

Die Unesco hat die Kurische Nehrung mit ihren Dörfern auf die Welterbeliste gesetzt. Nicht allen Einheimischen gefällt das

Thomas Veser

„Anatolijs“ Auftritt dauerte nur wenige Minuten, doch er hinterließ auf der Kurischen Nehrung Spuren der Verwüstung. Mit unvorstellbarer Kraft schlug der Wirbelwind, den die Meteorologen „Anatolij“ tauften, eine Schneise durch die Wälder im Nordteil der Halbinsel und fällte selbst die zwölf Meter hohe und immerhin 200 Tonnen schwere Skulptur der Sonnenuhr auf der Parnidis-Anhöhe wie einen morschen Baum. Das ist lange her, es war im Dezember 1999. Die Spuren sind allerdings immer noch zu sehen.

Die Fragmente des reliefverzierten Monuments liegen wild verstreut an dem Standort, der als bester Aussichtspunkt auf der Kurischen Nehrung gilt. Unterhalb verlaufen im „Tal des Schweigens“ langgezogene, bis zu 60 Meter hohe Sanddünen, die an eine Wüste erinnern; sie lassen beim Betrachter Zweifel daran aufkommen, dass er sich tatsächlich an der litauischen Ostseeküste im Norden Europas aufhält.

Als gemeinsame Schöpfung von Natur und Mensch erstreckt sich die Nehrung zwischen Ostsee und Kurischem Haff nahe der Hafenstadt Klaipeda (Memel) über eine Distanz von knapp 100 Kilometern. Etwa die Hälfte des Gebiets gehört zur russischen Region Kaliningrad (Königsberg), von Litauen und Polen umschlossen. An ihrer engsten Stelle nur 400 Meter breit, war sie einst Heimat der Kuren, seit dem hohen Mittelalter ließ der Deutsche Orden die Insel systematisch besiedeln und gründete Ortschaften.

„Europas Sahara“, wie die Landzunge bisweilen genannt wird, zog seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert vor allem Maler und Schriftsteller an, sie fanden sich dort jährlich ein, bildeten sogenannte Künstlerkolonien. Die Weite des stillen Landes faszinierte sie ebenso wie der hohe Himmel und das unvergleichliche Licht. „Man könnte auf der Seeseite gute Akte malen, so menschenleer ist es hier. Bloß vier Sommergäste“, hielt der Maler Max Pechstein 1909 fest. Und der Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann, der bis zur Nazi-Machtergreifung drei Sommer in seinem Ferienhaus in Nida (Nidden) verbrachte, fand spontan Gefallen an der „eigenartigen Primitivität und dem großartigen Reiz“. Man finde dort einen erstaunlichen südlichen Einschlag, wie in Nordafrika, vermerkte der Schriftsteller.

Einst Heimstatt einfacher Fischer und Imker, bot die waldreiche Nehrung mit ihren sandigen Böden, die für die Landwirtschaft ungeeignet waren, nur kärgliche Lebensbedingungen. Die Menschen lebten in Katen, zu denen ein Viehstall, eine Räucherkammer für den Fischfang und ein Kochplatz gehörten.

Als seit dem 16. Jahrhundert auf dem Festland in größerem Maßstab Glasmanufakturen und Werften entstanden, stieg der Bedarf an Holz so stark, dass im Laufe der Zeit rund drei Viertel des Waldbestandes auf der Halbinsel gefällt wurden. Die verheerenden Folgen machten sich schnell bemerkbar: Die Erosion ließ sich nicht mehr aufhalten. Mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von sechs Kilometern pro Jahr wanderten die Dünen über die Halbinsel und begruben bis in das 19. Jahrhundert hinein ein Dutzend Dörfer unter sich. Systematisch ließ Preußen, wozu das Memelgebiet damals gehörte, Kiefern pflanzen, um die Dünen aufzuhalten. Diese Arbeiten überdauerten den Zweiten Weltkrieg. Heute sind mehr als 70 Prozent der Halbinsel bewaldet. Nicht wenige Waldgebiete hat man aus der Bewirtschaftung herausgenommen und überlässt sie sich selbst.

Sowohl auf der russischen als auch auf der litauischen Seite entstanden Nationalparks, einzelne Abschnitte stehen unter strengem Schutz, menschliche Aktivitäten, darunter die Viehzucht, wurden dort stark beschränkt. Wer die Nehrung heute besucht, muss Eintritt entrichten, das wilde Campieren unter freiem Himmel ist untersagt. Zäune sollen die Besucher davon abhalten, wie früher üblich auf die Dünen zu klettern und auf dem Hosenboden hinunterzurutschen.

Die Unesco hat die Bemühungen, die einzigartige Landschaft zu bewahren, mit der Aufnahme der Nehrung als grenzübergreifende Kulturlandschaft in die Welterbeliste bereits im Jahr 2000 honoriert. Seither hat die Denkmalschutzbehörde festgestellt, dass es in der vier Ortschaften umfassenden Gesamtgemeinde Neringa, die rund 3000 Einwohner zählt, besonders in architektonischer Hinsicht viel mehr schutzwürdige Gebäude gibt, als den Einheimischen lieb ist. Damit sind in erster Linie die auf das 19. Jahrhundert zurückgehenden, ausnahmslos braun gestrichenen Fischerhäuser mit ihren Holzskulpturen gemeint. Nur die wenigsten Wohngebäude tragen noch ihre traditionellen Dächer aus Riet oder Holzplatten, sie sind meist mit Ziegeln gedeckt. Oft mussten die kleinen Fenster mit blauem Holzrahmen Riesenfenstern mit Kunststoffrahmen weichen.

Wer seinen Altbau heute renovieren will, muss sich den strengen Auflagen des Denkmalschutzes in der Hauptstadt Vilnius beugen, „sonst bekommt man keine Erlaubnis“, klagt Neringas Vizebürgermeister Arunas Burksas. Um die historischen Fenster nachzumachen und die Häuser mit Riet fachmännisch zu decken, benötige man spezielle Handwerker, „die findet man nur mit Mühe und Not, zudem wird der Umbau dann richtig teuer“, fügt Burksas hinzu. Immerhin gewähren die Behörden pro Dach einen Zuschuss von umgerechnet 20 000 Euro, „gemessen an den Gesamtkosten ist das nicht mehr als symbolisch“, gibt Burksas zu verstehen.

Er verweist in Nidden auf zahlreiche modernere Gebäude, die völlig ortsuntypisch aus mehreren Stockwerken bestehen und Metalldächer tragen, die Ziegelsteine imitieren. „Früher hat sich die Behörde darum nicht geschert, jetzt wird beim Umbau pingelig auf jedem Detail herumgeritten“, ärgert sich der Bürgermeister. Genehmigungen für Neubauten gebe es nun auch nicht mehr. „Wir fühlen uns hier langsam wie unter einer Käseglocke“, fügt Arunas Burksas hinzu.

Dass die ablehnende Haltung der Behörde gegenüber allen modernen Zusätzen auch für das größte Neubauprojekt Folgen haben kann, weiß der zuständige Architekt Leonardas Vaitys nur allzu gut. Auf dem Standort der stillgelegten Niddener Fischfabrik aus sowjetischen Zeiten soll demnächst auf rund 10 000 Quadratmetern die Prestigeanlage Marina Nida entstehen. Vorgesehen ist ein Yachthafen, ein Vier-Sterne-Hotel sowie 70 Apartments und eine ganze Reihe von Geschäften. Treibende Kraft hinter Marina Nida ist die Tessiner Immobilien-Investmentgesellschaft Agus Holding, die Investitionssumme in Höhe von rund 8,6 Millionen Euro stammt von Kleininvestoren aus der Schweiz.

Kommt die Anlage, deren Großgebäude in ihrer Formensprache bedingt an den traditionellen Baustil angelehnt sind, zustande, bekäme die Kurische Nehrung ihr erstes Luxushotel. Während der Sowjetära gab es nur wenige bescheidene Pensionen; Urlauber, die das Glück hatten, zu diesem privilegierten Ort reisen zu dürfen, kamen in Bussen mit der Fähre auf die Halbinsel und kehrten abends wieder nach Klaipeda zurück. Heute kann die Nehrung auf mehrere Mittelklassehotels verweisen, die nicht zuletzt dank eines bemerkenswerten Kulturprogramms während des Sommers und der Möglichkeit, Naturexkursionen zu unternehmen, oft schon lange im Voraus ausgebucht sind.

Erwartungsgemäß konnte sich der Denkmalschutz mit der geplanten Marina nicht anfreunden. Selbst die farbliche Gestaltung in Braun und Blau sowie die vorgesehenen, halbinseltypischen Wetterhähne stimmten die Experten in Vilnius nicht milder.

In der Bevölkerung ist das Projekt freilich mehrheitlich auf Zustimmung gestoßen. Nicht zuletzt hoffen die Menschen auf neue Arbeitsplätze. Weil sich das knappe Stellenangebot auf Verwaltung, Schulen und Krankenhaus beschränkt und die saisonale Zimmervermietung nur kleine Beträge einbringt, haben in den vergangenen Jahren viele Einheimische der Nehrung den Rücken gekehrt. Vor allem die Jungen versuchten, in den größeren Städten eine Existenz aufzubauen, bekräftigt Indre Stulgaityte, die das Glück hatte, beim Tourismusamt angestellt zu werden. „Auch die Menschen auf der Nehrung brauchen eine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln“, fordert sie.

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