Gerlinde Stobrawa : Stasi lobte zielgerichteten und offensiven Einsatz

Gerlinde Stobrawa wurde von ihren Führungsoffizieren positiv bewertet und zum IM im „besonderen Einsatz“ befördert. Das enthüllt ihre Akte.

Alexander Fröhlich
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Lässt ihr Amt ruhen. Landtags-Vizepräsidentin Gerlinde Stobrawa. Foto: dpadpa

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hat Gerlinde Stobrawa als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) geführt und als solche behandelt. Das geht aus den dieser Zeitung vorliegenden spärlichen Restunterlagen des MfS zu IM „Marisa“ und zu einer Zielperson hervor, auf die sie angesetzt war. Eine Verpflichtungserklärung ist nicht zu finden; ob es sie je gegeben hat, lässt sich nach Aktenlage bei der Stasi-Unterlagenbehörde nicht feststellen. Stobrawa, in der DDR aufgestiegen von der FDJ-Bezirkschefin zur stellvertretenden Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Frankfurt (Oder), hatte bisher nur berufliche Kontakte zum DDR-Geheimdienst eingeräumt. Linke-Landeschef Thomas Nord, früher selbst IM, betonte: Eine Ehrenkommission habe in der ersten Legislaturperiode den Fall als nicht gravierend eingestuft und daher keine Mandatsniederlegung empfohlen, weil Stobrawa nach ihren Angaben zwar als IM verpflichtet wurde, sich aber umgehend bei ihrem Arbeitgeber enttarnt und nie Berichte geschrieben habe.

Nach Tagesspiegel-Informationen waren die nun vorliegenden Akten 1991 bei Stobrawas Gang vor die Ehrenkommission aber noch nicht bekannt. Sie bestritt bisher, eine Verpflichtungserklärung unterschrieben zu haben. Im Jahr 1993 hatte sie dem Tagesspiegel bestätigt, von der Stasi als IM geführt worden zu sein und dazu gesagt: „Ich habe nie eine Verpflichtungserklärung unterschrieben, aber wäre man damals an mich herangetreten, hätte ich vielleicht ja gesagt.“

Jedenfalls muss die Akte von IM „Marisa“ bis in den Herbst 1989, also bis zur friedlichen Revolution, auf dem Schreibtisch des Führungsoffiziers gelegen haben und dann eiligst vernichtet worden sein. Zu IM „Marisa“ gibt es bei der Stasiunterlagen-Behörde nur einen angerissenen Aktendeckel sowie Schnipsel eines Umschlags. Laut einem Vorgangsheft des Führungsoffiziers war die Akte zu „Marisa“ bis zum Schluss in Bearbeitung, der letzte Vermerk stammt vom August 1989.

Auf zwei damals beim MfS üblichen Registerkarten ist Gerlinde Stobrawa erstmals am 21. September 1987 mit Namen und Geburtsdatum sowie Geburtsort als Vorgang aufgenommen worden, da war sie Leiterin der Bezirksabteilung für Jugendfragen, Körperkultur und Sport. Ende März 1988 wurde „Marisa“ als IMS („Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit“) registriert, im Januar 1989 dann zum IME ernannt, ein „Inoffizieller Mitarbeiter im besonderen Einsatz“. Das waren laut Stasi-Richtlinie eigens geschulte Mitarbeiter „zur Lösung spezieller politisch-operativer Aufgaben“. „Marisa“ wurde von der Hauptabteilung XX/2 geführt, die für die Überwachung von Staatsapparat, Kultur, Kirche und Untergrundkräften verantwortlich war.

Ein weiterer Beleg für Stobrawas IM-Tätigkeit findet sich in Akten über einen damaligen Kollegen im Rat des Bezirkes – vermutlich ihren Stellvertreter. Als „leitender Staatsfunktionär“ war dieser als „politisch indifferent“ aufgefallen, das MfS setzte eine „Operative Personenkontrolle“ (OPK) unter dem Decknamen „Stellvertreter“ an. Derlei war eine Vorkontrolle auf unterer Stufe, bevor es zum „Operativen Vorgang“ (OV) kam. Laut Maßnahmenplan vom Juni 1988 galt der Einsatz des IMS „Marisa“ der „Aufklärung der tatsächlichen politischen Grundhaltungen und des Persönlichkeitsbildes“ und der „Dokumentierung negativer Einflussnahme“ auf Mitarbeiter ihrer Abteilung im Rat des Bezirkes. Zudem war über „Marisa“ „der private Umgangskreis“ der Zielperson „zu personifizieren und zu überprüfen“.

Laut einem Bericht des Operativen Mitarbeiters, Oberleutnant Stolzmann, meldete IM „Marisa“, ihr Kollege habe gesagt: „Der Parteisekretär des Rates des Bezirkes ist ein ,Arsch’“, der Parteigruppenorganisator ein „dummes Schwein“ und Parteiversammlungen seien „totaler Ruß“, bei denen nie etwas herauskomme. Zudem gab IM „Marisa“ zu ihrem Kollegen an, dieser sei überheblich und „sehr stark materiell interessiert“, seine politische Grundhaltung „äußerst zweifelhaft“. Außerdem verweigere er die Ausbildung in der Kampfgruppenhundertschaft. In diesem Papier sowie zwei Abschriften von auf Tonband gesprochenen Berichten vermerkte Oberleutnant Stolzmann stets: „Der IM berichtete auftragsgemäß.“

Das MfS schloss den Vorgang über die Zielperson „mit Erfolg“ ab, in einem Abschlussbericht vom April 1989 heißt es: „Durch den zielgerichteten und offensiven Einsatz des IME ’Marisa’ konnte erreicht werden, dass der (...) sowohl in seiner beruflichen Funktion als auch als Mitglied der SED eine positive Entwicklung nahm.“ Soll heißen: Der kritische Genosse war im Wendejahr mit Druck noch einmal auf Linie gebracht worden.

Über wen und in welchem Umfang IM „Marisa“ dem Ministerium für Staatssicherheit sonst noch berichtet hat, bleibt durch die Vernichtung ihrer Akten vorerst unklar. Alexander Fröhlich

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