Germanwings-Absturz : Medienmaschinerie und Medienkarussell

In unserem neuen Zeitungsteil "Causa", der am Ostersonntag zum ersten Mal erscheint, geht es um Kommunikation, Ideen, Trends. Der zentrale Beitrag befasst sich mit dem Germanwings-Absturz und der Berichterstattung darüber - einem Irrweg der Kommunikation?

von
Gedenkkerze und Kondolenzbuch für die Opfer von 4U 9525
Gedenkkerze und Kondolenzbuch für die Flugzeugabsturz-OpferFoto: dpa/ Oliver Berg

Die etwas wissen, schweigen. Sie können nicht mehr reden. Sie sind tot. Der Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen ist ohne Zeugen. Nur die Informationen auf der Sprachbox des Flugzeugs geben Kunde. Sie sind spärlich. So spärlich, dass kein Wissen daraus entstehen kann. Sondern nur Vermutungen. Deshalb ist die Katastrophe von Flug 4U 9525 eine vermittelte Katastrophe, ein Ereignis, das seine Bedeutung, seinen Schrecken, ja seine Wirklichkeit aus der medialen Darstellung gewinnt.

Ein Kommunikationsereignis: Was wird darüber gesagt? Von wem? Was ist Wahrheit, was Fantasie?Die Medien haben nicht gezögert, die ihnen zugewiesene Rolle anzunehmen. Sie haben eine mediale Wirklichkeit geschaffen wie noch nie. Nach Erhebungen des Schweizer Instituts Mediatenor hat das Thema bei ARD und ZDF in der Spitze 59 Prozent aller Nachrichtenplätze besetzt. So etwas gab es noch nie. Selbst Großereignisse wie der Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft 2014 oder der GAU von Fukushima brachten es nur auf jeweils 41 Prozent. Der Fall Germanwings war mehr als eine Nachricht, er war ein Medienhype.

Sie wollen nicht spekulieren - tun es aber doch

Es begann mit den Experten, gleich nach dem Bekanntwerden des Vorfalls vor zehn Tagen, und es hielt jenen ganzen Dienstag an bis zum späten Abend. Auf fast allen Fernsehkanälen wollten vom Entsetzen überforderte Moderatoren von ebenso überforderten Kundigen der Luftfahrt wissen, was denn da im französischen Himmel geschehen sein könnte. Die Befragten antworteten vernünftigerweise, dass sie das leider nicht wüssten, man habe schließlich noch keinerlei Informationen, sie stünden vor einem Rätsel, und sie wollten sich nicht an Spekulationen beteiligen – und taten schließlich genau das. Bis hin zu den beängstigenden Vorstellungen, in dieser alpinen Wildnis gebe es bestimmt Wölfe, nicht auszudenken, wenn diese …

Der Höhepunkt war mit dem ARD-Brennpunkt erreicht, einer auf 45 Minuten zerdehnten Expertenbefragung, deren Länge in einem grotesken Widerspruch zur damaligen Informationslage bestand und offenbar hauptsächlich einem vermuteten Zuschauerinteresse geschuldet war. Man redete, auch wenn kaum einer etwas zu sagen hatte.

Aber muss einen das wundern? Ist das nicht ein ganz typischer Vorgang bei solch dramatischen Ereignissen? Wenn etwas Unfassbares geschehen ist, dann ist das Bedürfnis groß, dieses Rätsel verständlich zu machen, indem man nach rationalen Erklärungen sucht. Darin drückt sich der Wunsch aus, das Böse, das so urplötzlich in die Welt gekommen ist, zu bändigen. Und dafür sind Experten, die Stimmen der Rationalität und des Wissens, natürlich die besten Botschafter. 80 Prozent der Zuschauer glauben ihnen, jedenfalls am Anfang.

"Ein größenwahnsinniger Nihilist"

Der Umschwung in der medialen Betrachtung trat ein, als neue Informationen durchsickerten: Es war wohl kein Unfall, kein technischer Defekt, keine Wetterkatastrophe – sondern ein Verbrechen. Und es wurde ein Täter präsentiert. Der Schrecken hatte ein Gesicht und einen Namen bekommen, den viele Zeitungen und Fernsehsender auch nannten. Und damit begann, was man als Mythologisierung des Verbrechens bezeichnen könnte: Das Unglaubliche der Tat wird in die Fiktion verlagert. Der Täter wird zum Monster, zum Dämon.

Beispielhaft dafür ist die Titelgeschichte des am Samstag nach dem Absturz erschienenen „Spiegel“. Die Journalisten verfügten wegen des nahenden Redaktionsschlusses nur über wenig mehr als die karge Information, dass der Täter wahrscheinlich der Kopilot gewesen sei, der sich in seinem Cockpit eingeschlossen habe, um die furchtbare Tat zu begehen. Obwohl zu diesem Zeitpunkt also von der Person des A. L. noch nicht viel bekannt war, wusste der „Spiegel“ zu berichten, dieser sei einer „der kältesten, entsetzlichsten Amokläufer, die die Welt gesehen hat“. Nicht genug damit. „Ein größenwahnsinniger Nihilist und Narzisst“ sei er gewesen. Und als ob er in dessen Gehirnwindungen eine Wahrheit lesen könnte, stellt der „Spiegel“ fest, dass der Täter sich „vielleicht gar keine Gedanken machte. Noch nicht einmal dann, als die Berge und Täler des Massif Trois Evêques vor dem Cockpit-Fenster rasend riesengroß wurden.“

Aus einem Menschen wurde ein Dämon. Kaum war diese Verwandlung geschehen, setzte die Gegenbewegung ein, der Dämon wurde zum Menschen zurückhumanisiert. Wo kam er her? Aus Montabaur. Wo lebte er? In einem Düsseldorfer Randstadtteil. Wie sieht die Wohnung aus und wie der Vorgarten, was stand auf dem Klingelschild? Im Persönlichsten wurde nun gefahndet, Nachbarn wussten dies und Kollegen das. „Er war ein sehr weicher Mann“, sagte eine frühere Freundin, „der Liebe brauchte. Er hat Blumen geschenkt.“

Flugzeuge sind immer noch die sichersten Verkehrsmittel

Krankheiten wurden bekannt, Depressionen, Augenprobleme. Im Internet soll er sich über Selbstmordmethoden informiert haben. A. L. war nicht mehr die Bestie, der Teufel, sondern der Nachbar. Der Mensch von nebenan. Damit wuchs der Schauereffekt ins Unermessliche: Der Mörder kann überall sein, auch hinter dem freundlichen Gesicht, hinter der Maske der Normalität, mitten unter uns.

Genau das war der Grund, warum die öffentliche Erregung nun keineswegs abnahm. Wozu eigentlich gute Chancen bestanden. Gestützt auf Fakten hätte man diese Botschaft in den Vordergrund stellen können: Kein technischer Defekt und auch kein Wartungsproblem war Ursache des Absturzes, sondern ein höchst unwahrscheinlicher Spezialfall. Also hätte man sich beruhigen und in der Gewissheit wiegen können, Flugzeuge seien immer noch, auch jetzt nach diesem Drama, die sichersten Verkehrsmittel, kein Grund zur Sorge, Entwarnung. Das Gegenteil geschah.

Fragwürdige journalistische Methoden

Das lag auch daran, dass aus der Medienmaschinerie mittlerweile eine Art Medienkarussell geworden war. Hundertschaften von Journalisten tummelten sich zwischen den französischen Alpen und der Kleinstadt Haltern, aus der die Austauschschüler im Unglücksflugzeug gekommen waren, zwischen Barcelona und Düsseldorf und Montabaur. Jeder musste etwas beitragen zur Information und zur allgemeinen Erschütterung. Sonst hätte sich seine Entsendung ja nicht gelohnt.

Also geschah das Übliche: Belästigung von Trauernden, Großaufnahmen von Tränengesichtern, Geldzahlungen für Interviews mit Schülern, alle jene Übergriffigkeiten, die spätestens beim Gladbecker Geiseldrama von 1988 ihren Anfang nahmen und sich fortsetzten bei jedem Amoklauf. Und seit der Entstehung der Online-Portale, die rund um die Uhr aktuell sein müssen und wollen, zu einem Anschwellen des eiligen und voreiligen Journalismus ohnegleichen geführt hatte.

Nicht die Wölfe seien das Problem, sagte ein französischer Bergführer, sondern die Journalisten. Deshalb begann sogleich auch die Medienkritik über diese Maßlosigkeit. Dabei ging es nicht nur um fragwürdige journalistische Methoden, sondern auch um die Frage der Prioritätensetzung. Denn für jede Sendeminute, für jede Druckzeile über den Absturz wurden Minuten und Zeilen für andere Themen gekappt. Roland Schatz, Gründer von Mediatenor, ist regelrecht erzürnt darüber. „Es gibt nur noch ein Thema“, sagt er, „und keiner stellt die Frage: Wer ist eigentlich wirklich betroffen davon?“ Themen von größter Relevanz wie Griechenland und die Zukunft des Euro oder das Atomprogramm des Iran oder die Flüchtlinge aus Afrika und Syrien, „da brennt die Hütte!“, seien vollkommen in den Hintergrund gedrängt worden. „Jedes Jahr sterben 55.000 Menschen infolge von mangelnder Hygiene in den Krankenhäusern. Und wissen Sie, wie groß der Anteil der Berichterstattung über diesen Skandal ist? 0,1 Prozent!“

Getriebene im Medienkarussell

So berechtigt diese Medienkritik ist, so richtig das Entsetzen über den Verlust von Maßstäben, über den „Extremismus der Erregung“, wie die „Zeit“ schrieb, sie verkennt zugleich, dass das Bedürfnis nach großen Gefühlen sich nicht nur nach Relevanz richtet, sondern von urmenschlicher Natur ist. Wofür wären sonst das Kino oder gar die Oper erfunden worden? Und dass es daneben auch einen berechtigten Drang nach Wissen-wollen gibt. Der Gratgang zwischen Information, Anteilnahme, Schaudern und Voyeurismus ist dabei eine schwierige und von Fehltritten stets gefährdete Fortbewegung. Zumal bei einem Ereignis, über das sich niemand ein eigenes Bild machen kann.

Medien haben in solchen Fällen eine hohe Verantwortung. Denn sie schaffen diese Bilder. Aber wenn das Medienkarussell erst in Gang gekommen ist, der unselige Wettlauf, Erster, Schnellster, Bester sein zu wollen, zu müssen, dann sind Journalisten nicht nur Antreiber dieses Karussells. Sie sind auch Getriebene des Kommunikationsbetriebs. 

Mitarbeit: Tatjana Kerschbaumer

19 Kommentare

Neuester Kommentar