Geschichte : Gerettet in Schanghai

Diese Schiffspassage war der letzte Ausweg: Nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 flüchteten 18 000 deutsche und österreichische Juden nach Fernost – in die einzige Stadt der Welt, für die kein Visum nötig war.

Stefan Schomann

Herr Wang ist gestorben, der alte, liebenswürdige Wang Fa-liang. Den sie immer dann in die Synagoge riefen, wenn Besucher mehr über die Schanghaier Emigration erfahren wollten. Erstaunlich rasch war er jedes Mal zur Stelle, der Rentner mit der Hornbrille, der Zeitzeuge vom Dienst. Er blickte dann über die schiefergrauen Dächer und die mit Wäsche beflaggten Hofgassen, in denen er aufgewachsen war, und erinnerte sich: Ende 1938, da musste es angefangen haben mit den Juden. "Erst kamen sie bloß vereinzelt, doch bald schon in Scharen" - wie Blätter, die ein ferner Sturm vor eine fremde Tür geweht hat; zehn Jahre nur blieben die Fremden.

Wang war einer der wenigen Verbliebenen, die noch berichten konnten von damals. Als junger Mann war er Nachbar, zeitweise auch Angestellter jüdischer Familien gewesen. Anders als die Ausländer, die Schanghai bis dahin kannte, waren die Juden, die Ende der 1930er kamen, arm. Sonst wären sie nicht nach Hongkew gezogen, wie der Stadtbezirk Hongkou damals hieß. Sondern in eines der zwei ausländischen Viertel: in die Französische Konzession oder in das von Briten und Amerikanern dominierte International Settlement. Beide hatte Japan beim Angriff auf China 1937 ausgespart, während in Hongkew nach der Invasion fast nur noch Ruinen standen. Die schon 1927 errichtete Ohel-Moishe- Synagoge blieb zufällig verschont. Frisch renoviert, ist sie heute Gedenkstätte. Bis zum Schluss begleitete Wang von hier aus ehemalige Emigranten und ihre Nachfahren durchs Viertel. Mitunter bekamen sie dabei feuchte Augen. Dort stand meine Schule, dort das Spital. Hier also haben die Eltern gehaust, hier hatte die Tante ihre Bäckerei.

Warum ausgerechnet Schanghai? Warum dieser Moloch am anderen Ende der Welt, Gangsterstadt und Sündenpfuhl, geprägt von einem mörderischen Klima und einer kaum begreiflichen Kultur?

Nach den Pogromen vom 9. November 1938 wussten die meisten Juden, dass es höchste Zeit war, Deutschland zu verlassen. Geschäfte wurden geplündert, Synagogen angezündet, die Männer nach Dachau oder Buchenwald verschleppt. Nur wer nachweisen konnte, dass er mitsamt seiner Familie auswandern würde, durfte auf Freilassung hoffen. Allerdings nicht ehe die Nazis das Eigentum möglichst komplett konfisziert hatten.

Andere Länder verschanzten sich hinter bürokratischen Barrikaden

Doch fast alle infrage kommenden Länder verschanzten sich damals hinter bürokratischen Barrikaden. So blieb als Ausweg nur die ferne Hafenstadt im Jangtse-Delta, die teils unter japanisch-chinesischer, teils unter halbkolonialer Verwaltung stand. Zu viele und zu verschiedene Mächte rivalisierten dort um die Vorherrschaft, so dass es keine Zentralgewalt gab, die ein Visum verlangte. Ein entsprechendes Formular existierte nicht. Und das rettete 18 000 Menschen das Leben.

Dass es ein großes Glück war, nach Schanghai fliehen zu können, begriffen viele aber erst später. "Ich wäre die glücklichste Frau der Welt, wenn ich wieder nach Europa könnte" - solche Stoßseufzer finden sich in vielen Briefen der Neuankömmlinge. Die Flüchtlinge waren Menschen aus der Mitte der deutschen Gesellschaft: Lehrer, Ärzte, kleine Geschäftsleute. Die wenigsten von ihnen religiös. Sie durften Hausrat mitnehmen, aber weder Geld noch Wertsachen. Obwohl jüdische Organisationen ihre Berichte aus Fernost schönten, um mehr Leidensgenossen zur Emigration zu bewegen, glaubte Julius Seligsohn von der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" noch Ende 1939, es sei "würdiger, in Mitteleuropa den Märtyrertod zu erleiden, als in Schanghai zugrunde zu gehen".

Eine Zeit lang charterte sogar die Gestapo Schiffe "zur Erhöhung der China-Transporte". Die meisten Flüchtlinge reisten indes mit Linienschiffen von deutschen und italienischen Häfen nach Fernost. Die dreiwöchige Passage verschaffte ihnen zumindest eine Atempause. Umso größer war der Schock bei der Ankunft. Zunächst kamen sie in überfüllten Wohnheimen unter; die Ärmsten und Schwächsten hausten während der gesamten Emigrationszeit dort. Von den Übrigen wurde erwartet, dass sie sich eine Bleibe suchten.

Die Flüchtlinge machten sich an den Aufbau einer neuen Existenz

Die ersten Eindrücke von China waren nicht einladend: der Lärm, die vielen Menschen, die Armut, der Schmutz. Die Kulis bahnten sich mit gellenden Rufen ihren Weg, die Lastenträger ließen einen monotonen Singsang hören. Nudelverkäufer, Porzellanflicker und Scherenschleifer machten sich mit einer Schelle oder Bambusklappe bemerkbar. In diese grelle Polyfonie mischte sich dann noch das Klingeln der Fahrradglocken, das Keuchen der Busse und das Hupen der Autos. Es roch nach Abfällen und Exkrementen, nach Sandelholz, Trockenfisch und Bratfett.

Soweit sie durch die Vertreibung nicht völlig gebrochen waren, machten die Flüchtlinge sich an den Aufbau einer neuen Existenz. In Ladenlokalen zu ebener Erde, kaum größer als eine Garage, eröffneten Feinkostgeschäfte, Herrenschneider und Modesalons. In trotziger Melancholie nannte man den Kiez "Klein-Berlin" oder "Klein-Wien". Restaurants wie das "Delikat" offerierten "hausgemachte Mehlspeisen", der "Fiaker" versprach die köstlichste Sachertorte, während das koschere "Tel Aviv" auf zionistische Verheißungen setzte. Mitunter firmierte die Chusan Road auch als "neuer Kurfürstendamm"; man braute dort sogar Berliner Weiße. Neben den Mitteleuropäern lebten auch einige arme Russen in der Nachbarschaft und natürlich zehntausende Chinesen. Kleine Leute zumeist, Werftarbeiter, Straßenhändler oder Handwerker, viele selbst vom Krieg entwurzelt.

Herr Wang ist gestorben, der alte, allzeit auskunftsbereite Wang Fa-liang. Doch noch immer leben Zeugen jener Zeit in Hongkou. Man braucht nur durch die Hofgassen oder den kleinen Huoshan-Park zu streifen, wo Mütter ihren Nachwuchs im Kinderwagen herumschieben, wo die alten Frauen ihren Schwatz halten und die Männer Karten spielen. Selbstverständlich kennt etwa Frau Zhang, Jahrgang 1931, eine zierliche, energische Dame im leichten Blümchenkleid, noch die alten Straßennamen: Ward Road, Baikal Road, Wayside Road. Und natürlich weiß sie, warum an manchen Briefkästen verblichene ausländische Namen stehen. Die Zhangs besaßen eines jener unscheinbaren Häuser, wie sie damals zu tausenden die Gassen säumten. "Erst haben wir das Obergeschoss an eine deutsche Familie vermietet, dann das Zwischengeschoss, und schließlich sind wir zu Verwandten gezogen, um auch unsere Ladenwohnung noch vermieten zu können."

Die ersten Juden waren schon im 19. Jahrhundert nach China gekommen

Es war ein armseliger Teil von Schanghai. Ganz anders als die glamourösen Viertel gleich nebenan. Deren Hochhäuser schon damals hoch aufragten, deren Banken zu den größten der Welt zählten, und deren Pferderennen, Symphonieorchester oder Grand Hotels keinen Vergleich mit ihren westlichen Pendants zu scheuen brauchten. In der gleichen Stadt aber lebten eine Million chinesischer Flüchtlinge, krepierten jedes Jahr Tausende auf den Straßen. Grelle Kontraste waren die Norm in diesem dreckigen Weltwunder namens Schanghai.

Die Flüchtlinge bildeten nicht die einzige jüdische Bevölkerungsgruppe. Die alteingesessene Elite stammte ursprünglich aus Bagdad und war im 19. Jahrhundert nach China gekommen. Die meisten dieser vielleicht 800 Juden waren britische Staatsbürger. Die zweite Gruppe bildeten die rund 5000 russischen Juden, meist Revolutionsflüchtlinge. Als dritte Gruppe trafen dann eben 1938 bis zu 17 000 Emigranten aus Mitteleuropa ein, inklusive einiger hundert getaufter Juden oder christlicher Ehepartner. 1941 kamen noch rund tausend polnische Juden hinzu. Darunter eine komplette Talmudschule - es war die einzige Jeschiwa, die dem Holocaust entrann.

Schanghai war eine Laune der Geschichte: Hätten stattdessen Panama oder Dschibuti freie Einreise gewährt, so wären die Flüchtlinge eben dort gestrandet. Chinas wahre Mauer, die Sprache, zu überwinden, gelang nur wenigen. Was sich in ihren Memoiren ebenso spiegelt wie in der wissenschaftlichen Literatur: In beiden fungieren Chinesen bestenfalls als Komparsen. Viele Emigranten aßen nicht ein einziges Mal chinesisch und pflegten mit den Einheimischen kaum Umgang. Geschweige denn, dass sie sich in einen oder eine von ihnen verliebten. Zu keiner Zeit lebten so viele Deutsche und Österreicher in China wie damals. Erstaunlich wenig davon ist geblieben. Not, Konservatismus und das Abschottungsbedürfnis beider Seiten verhinderten intensive Kontakte. Herr Wang und Frau Zhang haben die Welt der Flüchtlinge so wenig verstanden wie Silberbergs und Löwenthals die ihre.

Auch hier gab es Sperrbezirke für Juden

Einer der wenigen Emigranten, die sich China gegenüber öffneten, war Adolf Josef Storfer. In Wien war er als Korrespondent der "Frankfurter Zeitung" hervorgetreten, auch als Sprachforscher und Verleger der Werke Sigmund Freuds. In Schanghai brachte er der Emigrantenschaft die chinesische Kultur näher. In seiner "Gelben Post", einer "Ostasiatischen illustrierten Halbmonatsschrift", schrieben deutsche Kunsthistoriker, britische Korrespondenten, chinesische Intellektuelle und japanische Diplomaten. Aufschlussreich lesen sich allein schon die Annoncen: Ein Briefmarkengeschäft bot "österreichische Qualitätsmarken" feil - da hatte jemand seine Sammlung außer Landes retten können. Ein "fachkundiger Wiener Zuschneider" offerierte seine Dienste ebenso wie "Dr. med. Berg, ehemals Kurarzt in Karlsbad". Ein gnadenlos optimistischer Autohändler inserierte regelmäßig "Fahren Sie Opel!", während ein chinesischer Pfandleiher die Lage realistischer einschätzte und auf sein privates "Versatz-Amt" hinwies.

Storfer musste sein nobles Projekt 1940 einstellen. Je länger der Krieg dauerte, desto schwieriger wurde die Lage. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor marschierte die japanische Armee auch ins International Settlement ein. 1943 wurde dann ein Sperrbezirk für jüdische Flüchtlinge eingerichtet. Soweit sie nicht schon in Hongkew wohnten, hatten sie dorthin überzusiedeln. Offiziell wurde dies als "Schutzmaßnahme" ausgegeben, doch bildete es auch ein Zugeständnis an Nazideutschland. Dieser Sperrbezirk hatte weder Mauern noch Zäune, wurde jedoch von japanischen Wachen und jüdischen Hilfspolizisten kontrolliert. Es gab Ausnahmegenehmigungen für Berufstätige und Studenten, die jedoch nur mühselig zu beschaffen waren. Die Mietpreise in Hongkew schossen in schwindelerregende Höhe. Überhaupt stieg die Inflation rasant. Briefmarken und Luxusseifen kursierten als Zahlungsmittel, Zigaretten wurden einzeln gehandelt, Butter in Scheibchen zu 15 Gramm.

Wenigstens waren die Juden, jenseits dieser zwangsweisen Zusammenziehung, keinen gezielten Schikanen ausgesetzt. Die Japaner ließen sie in Ruhe, und die deutschen Stellen in Schanghai hatten glücklicherweise nicht viel zu sagen.

Nach dem Krieg verließen viele die Stadt

Im September 1945 dann die Befreiung. Zehntausende amerikanische Soldaten strömten in die Stadt und mit ihnen Hilfsgüter und Hoffnung. Die meisten Flüchtlinge machten sich auf nach Amerika, Australien oder Palästina. Erstaunlich viele, ein Fünftel vielleicht, reisten zurück nach Europa. In Berlin hieß ein Bürgermeister mit dem schönen Namen Ferdinand Friedensburg die Heimkehrer am Anhalter Bahnhof willkommen.

Einige hundert aber wollten in China bleiben. Sie hatten sich geschäftlich etabliert, hatten Freunde gefunden, vereinzelt auch Ehepartner. Doch auch sie mussten das Land 1949 verlassen, da die Kommunisten keine Ausländer duldeten. Viele gingen nach Hongkong, trugen zum Aufstieg der britischen Kronkolonie bei.

Schanghai dagegen verfiel in Lethargie. Doch nun holt es das Versäumte im Zeitraffer nach. Als letztes innerstädtisches Viertel wird Hongkou derzeit umgekrempelt. Die Straßenzüge rund um die Synagoge sollen erhalten bleiben, alles Übrige aber ist nicht wiederzuerkennen. Am Nordufer des Huangpu entsteht ein schickes Terminal für Kreuzfahrtschiffe. Wenn demnächst die ersten Touristen dort anlanden, werden sie kaum glauben können, dass wenige hundert Meter stadteinwärts "Klein-Wien" und "Klein-Berlin" lagen, dessen Bewohner vor 70 Jahren beklommen hier an Land gingen, einer ungewissen Zukunft entgegen. Doch wenigstens, Schanghai sei Dank, überhaupt einer Zukunft.

Der Autor hat zum gleichen Thema auch ein Buch veröffentlicht: "Letzte Zuflucht Schanghai" erzählt die Liebesgeschichte zwischen einem jungen Emigranten und einer Chinesin (Heyne, 239 Seiten, 19,95 Euro). Stefan Schomann stellt es am 16. 11. um 16 Uhr im Jüdischen Kulturverein (Oranienburger Str. 29) und am 3.12. um 19 Uhr in der Buchhandlung im Auswärtigen Amt (Werderscher Markt 1) vor.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben