Der Tagesspiegel : Geschichtsunterricht: Stasi-Beauftragte kritisiert Schulen

Michael Mara

Die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, hat beklagt, dass sich die Schulen in den neuen Ländern zu wenig mit der SED-Diktatur auseinander setzten. Dies sei um so unverständlicher, als bei vielen Jugendlichen ein zunehmendes Interesse an dem Thema zu beobachten sei. Angebote ihrer Behörde würden nur zögerlich genutzt. In Schreiben unter anderem an Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) heißt es, "die konsequente Auseinandersetzung mit dem DDR-Unrecht" sei für künftige Generationen unerlässlich, damit sich "verfehlte Lebensmuster" nicht wiederholen könnten.

Zugleich bemängelte die "Junge Union", dass Brandenburgs Schulen nicht nur die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur vernachlässigten, sondern sogar "Geschichtslügen des SED-Staates" verbreiteten. Das Bildungsministerium sprach am Freitag von einem "ungeheuerlichen Vorwurf" und forderte CDU-Landeschef Jörg Schönbohm auf, sich von diesen Äußerungen zu distanzieren. Als Beispiel für ihre Behauptung führte die Junge Union an, dass nach dem seit zehn Jahren geltenden Rahmenplänen der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 auch eine "Westprovokation" gewesen sein könnte. "Damit verhöhnt das SPD-Bildungsministerium die Demonstranten, die für ihre kritische Haltung zur DDR verletzt oder getötet wurden." Das Reiche-Ministerium sprach von einer "absichtlichen Fehlinterpretation": Der 17. Juni werde unter dem Generalthema "Der Ost-West-Konflikt - Krise in Europa" mit dem Arbeitstitel "Arbeiteraufstand oder Westprovokation?" behandelt. Er sei provozierend formuliert worden, um die Auseinandersetzung zu beleben. Auch der Vorwurf der Jungen Union, dass in Brandenburg viele Lehrer wegen ihrer führenden Rolle in der SED-Diktatur nicht bereit seien, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen und die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu unterrichten, sei ungeheuerlich, so MinisteriumsSprecher Martin Gorholt. Dafür gebe es keinen Beweis, die Lehrer seien überprüft worden, es habe Entlassungen gegeben.

Allerdings wirft auch Marianne Birthler - sie war die erste Bildungsministerin Brandenburgs - in ihrem Schreiben die Frage nach der Rolle der Lehrer auf. Die Auseinandersetzung mit dem DDR-Unrecht sei schwierig: "Welche Lehrerin, welcher Lehrer sieht sich schon gern mit kritischen Schülerfragen nach der eigenen Vergangenheit konfrontiert?" Doch werde eine vernünftige Demokratieerziehung "nur mit dem Wollen, Können und dem Engagement von Pädagogen möglich sein". Die authentische und kritische Sicht auf die Vergangenheit, die auch die eigene Biografie nicht ausspare, bedeute für die Schüler eine große Lernchance. Birthler bot an, dass ihre Behörde die Lehrer stärker als bisher mit Weiterbildungsveranstaltungen unterstützen wolle.

Das Bildungsministerium will das Angebot der Bundesbeauftragten, so Sprecher Gorholt, nutzen: Bereits am 24. August wird es ein Treffen von Birthler und Reiche geben, auf dem die künftige Zusammenarbeit erörtert werden soll. "Wir werden Druck machen, dass die Kooperationsangebote der Birthler-Behörde von den Schulen angenommen werden", kündigte Gorholt an.

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