Der Tagesspiegel : Gespräch über den Schmerz

Manche Patienten gelten als nicht therapierbar. Gemeinsamer Rat von Experten kann helfen

Paul Janositz

An diesem Abend muss Holger Steinle einiges erdulden. Interdisziplinäre Schmerzkonferenz ist angesagt. Der 31-jährige Patient steht im Mittelpunkt. In der Praxis des Schmerztherapeuten Gerhard Müller-Schwefe im baden-württembergischen Göppingen haben sich ein gutes Dutzend Ärzte versammelt. Eine Neurologin streicht dem schlanken Bankkaufmann mit einer Art Messer über das Bein. „Spüren Sie das?“, fragt sie. Dann schlägt sie eine Stimmgabel auf Steinles Fuß. „Sagen Sie, wenn das Vibrieren aufhört!“ Nun kommt das Hämmerchen für den Kniereflex; der Befund: „neurologisch unauffällig“. Auch Müller-Schwefe greift nach den Beinen des auf dem Untersuchungstisch ausgestreckten Patienten und drückt sie nach oben. Der Arzt fragt nach der Schmerzgrenze und nickt zufrieden, wenn sie erst spät signalisiert wird.

Vor etwa zweieinhalb Jahren war das noch ganz anders. Damals konnte sich Holger Steinle vor Schmerzen kaum rühren. Im Rücken hatte es eines Morgens angefangen. Der brennende Schmerz verschwand und kehrte wieder. Bis er blieb - auch nachts. „Ich konnte nicht mehr als drei Stunden schlafen“, berichtet Steinle. Nicht mal die Schuhe konnte sich der schlanke Mann mit dem schmalen Kinnbart selbst binden. Und auch die Arbeit wurde zum Problem. Zwar waren Mitarbeiter und Vorgesetzte verständnisvoll. „Alle sahen ja, wie sehr ich die Zähne zusammenbiss“, sagt Steinle. Da er vor Schmerzen nicht mehr sitzen konnte, bekam er ein Stehpult. Doch auch das nutzte bald nichts mehr. Zu groß waren die Schlafdefizite, zu groß die Qualen. An Arbeit war nicht mehr zu denken.

Und was alles noch schlimmer machte: Es gab anscheinend keine Ursache. Jedenfalls fanden die Ärzte keine, auch nicht der Heilpraktiker. Letzterer forschte in der Lebensgeschichte des Schmerzgeplagten, die Orthopäden hielten es mehr mit Spritzen. Röntgen- und Kernspinaufnahmen brachten keine Erkenntnisse, wo der Schmerz herrühren könnte. „Ich dachte schon, bei mir ist eine Schraube locker", sagt Steinle heute.

Jetzt kann er schmerzfrei darüber lachen, doch damals brachte selbst ein achtwöchiger Krankenhausaufenthalt keine Besserung. Auch ein Krankengymnast mühte sich ab. Als die Übungen nicht fruchteten, gab er dem Geplagten den entscheidenden Rat. Er solle zum Göppinger Schmerzzentrum gehen. "“Zum ersten Mal hat mich dort ein Arzt genau angeschaut“, erzählt Steinle. Die Untersuchung von Kopf bis Fuß habe ihn damals sogar irritiert. Der Schmerz sitze doch im Rücken, habe er zu Müller-Schwefe gesagt, als dieser sich an seinem Kopf zu schaffen machte. Und noch mehr staunte der Patient, als er hörte, noch weitere Experten sollten hinzugezogen werden.

Etwa einmal im Monat, montags, von acht bis ungefähr elf Uhr abends, setzen sich Ärzte im Schmerzzentrum zusammen. Orthopäden, Neurologen, Gynäkologen, Zahnärzte. Und natürlich die Hausärzte, wenn sie einen Patienten vorstellen. Auch Psychologen gehören dazu, denn nicht selten spielen auch seelische Probleme hinein. „Rückenschmerzen haben meist komplexe Ursachen“, erklärt Müller-Schwefe, Moderator der Konferenz.

Und die gallertartigen Puffer zwischen den Wirbelkörpern waren auch nicht die Ursache für Steinles Schmerzen. Die lag weiter oben, und dass sie bei der Schmerzkonferenz im März 2003 sofort gefunden wurde, schreibt Müller-Schwefe der Kompetenz der Teilnehmer zu. Wenn der Patient seine Beschwerden schildere, höre der einzelne Arzt mit seinen „Erwartungsohren“ das heraus, was ihm aus seiner Spezialisierung wichtig erscheine. Erst die gemeinsame Befragung und die Diskussion der Befunde ergebe ein vollständiges Bild. Nachdem der dicke Stoß von Papieren, den Steinle mitgebracht hatte, studiert worden war, folgten die Untersuchungen. Der Orthopäde fand verkürzte Rückenmuskeln und ein schiefes Becken. Die Ursache für diese schmerzhaften Fehlentwicklungen erkannte der Göppinger Zahnarzt Otto von der Heide beim Blick in den Mund und beim Befühlen der Kiefermuskulatur Steinles. Ungleichmäßiges Kiefergelenk, das zur Schiefstellung von Gebiss und zur Verkürzung der Halsmuskeln führt, lautete die Diagnose.

Wie der Befund wird bei solchen Schmerzkonferenzen auch das Therapiekonzept gemeinsam erarbeitet. Entsprechend dem komplexen Schmerzgeschehen ist Steinles Behandlung vielfältig aufgebaut. Eine Gebissschiene, die Tag und Nacht zu tragen ist, soll die Kieferstellung korrigieren, Botulinumtoxin die Gesichtsmuskulatur entspannen, gymnastische Übungen die Beweglichkeit fördern. Dazu kommen elektrische Nervenstimulationen gegen den Schmerz. „Das Schmerzgedächtnis wird blockiert", sagt Müller-Schwefe. Denn der chronische Schmerz macht die Nervenzellen so empfindlich, dass sie auch bei normalerweise harmlosen Reizen das Signal „Schmerz“ zum Gehirn funken, und dies sogar, wenn der ursprüngliche Auslöser gar nicht mehr existiert.

Vom Erfolg der Therapie konnten sich die Experten nicht nur anhand ihrer Befunde überzeugen. Auch der Patient lässt keinen Zweifeldaran, dass es ihm wieder gut geht. Er könne wieder ohne schmerzbedingte Ausfälle arbeiten, nur hin und wieder zwicke der Rücken, doch das Ziehen verschwinde bald wieder.

„Inzwischen gibt es bundesweit rund 100 Schmerzzentren, die solche Konferenzen mindestens einmal pro Monat abhalten“, sagt Gerhard Müller-Schwefe, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie ist. Von den etwa fünf Millionen von starken Schmerzen geplagten Menschen in Deutschland würden ein bis zwei Millionen von manchen Ärzten als „therapieresistent“ eingestuft. Zu Unrecht, meint der Göppinger Arzt. Denn auch diese Patienten könnten von Schmerzkonferenzen profitieren.

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