Gesundheit : Ein Leben mit der Blutwäsche

Gerhard Kruse hat keine Nieren mehr. Dreimal die Woche muss er sein Blut waschen lassen – seit 40 Jahren. Kaum ein Berliner geht länger zur Dialyse.

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Die Maschine brummt leise, während sie das Blut wäscht. Gerhard Kruse ist in seinem Krankenhausbett zusammengesunken und sieht aus, als würde er schlafen. „Aber das kann man während der Dialyse nicht“, erklärt der zierliche Mann. Weder früher noch heute. Sein rechter Arm liegt neben dem Gerät. Er ist mit ihm über einen Schlauch verbunden. Unter seinem Arm liegt ein lilafarbenes Handtuch.

Früher ist schon ziemlich lange her. 1969 war er 28 Jahre alt, hatte zwei kleine Kinder, der Bundeskanzler hieß Willy Brandt. Nach einer Entzündung versagten die Nieren von Gerhard Kruse und mussten entfernt werden. Die Blutwäsche rettete ihm das Leben. Fünf Jahre gaben ihm die Ärzte damals, höchstens. Doch heute gibt es nur einen Berliner, der noch länger zur Dialyse geht als er.

Gerhard Kruse lebt mit seiner Frau im Märkischen Viertel. Die Dialysemaschine – sie trägt den Namen Nikkiso – gibt seiner Woche eine straffe Struktur. Montags, mittwochs und freitags steht er um sechs Uhr auf und wartet auf den Krankentransport ins Vivantes Humboldt-Klinikum, um sich von acht bis 13 Uhr für die Blutwäsche wieder ins Bett zu legen. Die Dialyse befreit das Blut mit der Hilfe von künstlichen Filtermembranen von schädlichen Stoffen. Sie erledigt also das, was eigentlich Aufgabe der Nieren wäre: Schlackenstoffe und überschüssiges Wasser aus dem Körper des Patienten zu holen. „Das ist so anstrengend wie ein achtstündiger Arbeitstag“, sagt Gerhard Kruse.

Er hat in den vergangenen Jahrzehnten miterlebt, wie sich die Dialyse weiterentwickelte: Anfangs musste er 26 Stunden pro Woche an die Maschine. Jeden Montag und Freitag fuhr er ins damals gerade eröffnete Klinikum Benjamin Franklin, das noch Klinikum Steglitz hieß, und verbrachte die Nacht an der Maschine. „Heute bin ich froh, dass ich die Wochenenden für mich habe“, sagt er mit dieser leisen gehauchten Stimme, die aber in die Irre führt: denn der 68-Jährige ist zwar zart, aber vor allem zäh.

Mit Ende Zwanzig musste er sein Leben umstellen: Der zweifache Vater und Gabelstaplerfahrer war plötzlich „Erwerbsunfähigkeitsrentner“. Und durfte an die Dialysemaschine, weil er unter 50 war. Ältere Patienten wurden damals, da es nur wenige Geräte gab, nicht an die künstliche Niere angeschlossen und verstarben. Auch Gerhard Kruse hätte, wäre er älter gewesen, nicht mehr lange weitergelebt. Stattdessen wurde er intensiv geschult: „Die Patienten mussten zu dieser Zeit lernen, sich selbst zu behandeln“, sagt Wolfgang Pommer, Chefarzt für Innere Medizin am Vivantes Humboldt-Klinikum. „Herr Kruse hat damals die Maschine selbst aufgebaut und den Blutdruck kontrolliert.“

Ein paar Jahre lang stand Gerhard Kruse auch auf der Warteliste für eine Transplantation. Das Thema habe er aber abgehakt. „Mein Zwillingsbruder hätte Spenden können, aber er wollte nicht“, sagt der 68-Jährige. Was er verstehen könne. Früher hat er sich das Dialysegerät mit anderen geteilt, heute hat er sein eigenes, damit er niemanden ansteckt: „Meine Nikkiso“, nennt er seine Maschine, und schaut auf seinen Arm, durch den sein Blut rast. Es klingt, als rede er über eine gute Freundin aus Japan. „Das ist ja mein Leben“, sagt er.

Er musste viel aushalten in den letzten vierzig Jahren. Zum Beispiel die verseuchte Blutkonserve, durch die ein Hepatitisvirus in seinen Körper geraten war, wegen dem er dann Leberkrebs bekam. Ein paar Chemotherapien hat er schon hinter sich, doch der Tumor kam zurück. Und gerade hat er wieder mit einer neuen Chemo begonnen, die zum Glück lokal behandelt wird und somit nicht den ganzen Körper belastet. Wegen der Nierenprobleme ist er auch am Grauen Star erkrankt. Und er hat Osteoporose, also Knochenschwund. Die Krankheit führt zu einer allmählichen Abnahme der Knochenmasse und erhöht das Risiko von Knochenbrüchen.

In den vergangenen Jahren ist das Krankenzimmer am Reinickendorfer Nordgraben auch ein bisschen zum Zweitwohnsitz von Gerhard Kruse geworden. Auf einem kleinen Rollwagen neben dem Bett liegen sauber zusammengefaltet seine Straßenkleidung, eine Baseballmütze und ein kleiner Quark. Vor ihm auf dem Tisch stehen zwei Brötchenhälften, eine mit Ei und eine mit Marmelade. Und eine kleine Kanne Tee. Kruse darf höchstens einen Liter am Tag trinken, weil jeder Tropfen Flüssigkeit durch die Dialyse wieder aus seinem Körper herausgefiltert werden muss: „Wenn ich nicht so diszipliniert wäre, würden wir uns heute nicht unterhalten“, sagt er. Das bestätigt auch der Oberarzt Rüdiger Haake, der Gerhard Kruse seit 24 Jahren kennt: „Herr Kruse hat einen sehr starken Willen.“

Aushalten muss Gerhard Kruse auch, dass sein Aktionsradius immer kleiner wird. Früher hat er viel fotografiert, in Finow und Glienicke zum Beispiel. Und er ist oft verreist, nach Belgien, Österreich oder in den Schwarzwald. In seiner Brieftasche hat er Fotos aus dieser Zeit gesammelt, den siebziger, achtziger und neunziger Jahren: Kruse sieht kräftiger aus auf diesen Bildern, auf denen er mit seiner Frau in Wirtshäusern sitzt, Karneval feiert und Spaziergänge macht. Viele der Ferienbilder sind aber auch in Krankenhäusern aufgenommen, denn er konnte nur dort Ferien machen, wo es eine gute Dialyseversorgung gab. Seine letzte Reise machte er 1997. Heute reicht das Geld nicht mehr dafür. Er ist an seinen freien Tagen jetzt meist zu Hause, ruht sich aus und sieht fern – vor allem Wintersport.

In der Wohnung bewegt er sich mit einer Gehhilfe, draußen mit dem Rollator. Treppen kann er nicht mehr hinauf. „Wenn es ganz dicke kommt, vergieße ich auch mal Tränen“, sagt Gerhard Kruse, bevor er sich seine Kopfhörer aufs Ohr setzt, Jennifer Rushs „The Power of Love“ hört und noch ein bisschen döst. Aber im Moment wünscht er sich vor allem eines: in zwei Jahren seinen siebzigsten Geburtstag zu feiern, und seine goldene Hochzeit.

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