Gesundheit : Finanzkrisen-Gewinner

In verlassenen Swimmingpools vermehren sich Mücken, die gefährliche Viren übertragen

Hermann Feldmeier
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Stich mit Folgen. Immer mehr Mücken tragen das West-Nil-Virus. Foto: p-a/dpa

Dass die Finanzkrise in den USA langfristig negative Auswirkungen auf die Gesundheit der amerikanischen Bevölkerung haben wird, ist voraussehbar. Wer aufgrund eines geplatzten Hypothekenkredits sein Haus verlassen muss, hat vermutlich auch kein Geld mehr, um die Beiträge seiner privaten Krankenversicherung zu bezahlen. Und wer durch Einkäufe mit ungedeckten Kreditkarten hoch verschuldet ist, denkt nicht zuerst an Vorsorgeuntersuchungen.

Kalifornische Epidemiologen zeigen jetzt, dass die Krise auch direkte Auswirkungen auf die Gesundheit hat, indem sie die Ausbreitung bestimmter Infektionskrankheiten fördert. Ein Beispiel ist das West-Nil-Fieber: eine Virusinfektion, die in allen Bundesstaaten verbreitet ist, und an der im vergangenen Jahr in den USA 3630 Personen erkrankt und 124 gestorben sind.

Wissenschaftlern der Universität von Kalifornien war Mitte des Jahres aufgefallen, dass in Kern County, einem Landkreis nördlich von Los Angeles, 15-mal so viele Fälle des Fiebers auftraten wie im landesweiten Durchschnitt.

Die Suche nach den Ursachen war echte Detektivarbeit. Als erstes stellten die Epidemiologen fest, dass in Kern County zahlreiche Häuser von ihren Besitzern verlassen worden waren: Entweder um dem Gerichtsvollzieher zu entgehen, oder weil eine Zwangsversteigerung drohte. Über einen Zeitraum von zwölf Monaten war die Zahl der Pfändungen um 207 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres gestiegen. Relativ ähnlich war die Zunahme der Fälle von West-Nil-Fieber um 300 Prozent.

Da in Kern County fast nur Einfamilienhäuser stehen, von denen die meisten einen Swimmingpool besitzen, schauten sich die Forscher im nächsten Schritt hochauflösende Satellitenbilder der Region an. Dabei sahen sie, dass 17 Prozent aller Schwimmbäder grünlich schimmerten – ein Hinweis darauf, dass der Pool seit Längerem nicht mehr gereinigt worden war und sich Algen vermehrt hatten.

Stehende Gewässer sind ideale Brutplätze für eine Reihe von Stechmücken, die das West-Nil-Virus übertragen. Allerdings haben die einzelnen Moskitoarten unterschiedliche Vorlieben. Während Culex quinquefasciatus vorzugsweise seine Eier in künstliche Wasserreservoire in den Städten ablegt, liebt Culex tarsalis natürliche Wasseransammlungen auf dem Land, die viele Nährstoffe enthalten. Algenreiche Swimmingpools auf verlassenen Grundstücken nehmen diese Moskitos aber ebenso gern an.

Tatsächlich zeigten Untersuchungen, dass die „Landmücke“ Culex tarsalis begonnen hatte, ihren Konkurrenten Culex quinquefasciatus aus dem angestammten Habitat zu verdrängen. Was sich wie eine insektenkundliche Lappalie anhört, ist für die Übertragung des West-Nil-Virus von großer Bedeutung. Culex tarsalis ist nämlich besser für die Übertragung des Erregers geeignet. Zwei Prozent der im neuen Habitat gefangenen Moskitos war bereits mit dem Virus infiziert.

Nicht nur die Moskitos hatten sich in der neuen ökologischen Nische rasch vermehrt, auch die Population von Haussperlingen war stark gewachsen: Die Vögel fanden so viel fliegendes Futter, dass sie mehr Junge als gewöhnlich aufziehen konnten. Und Sperlinge sind ein hervorragendes Reservoir für das West-Nil-Virus. Die Erreger vermehren sich rasant in den Vögeln, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie auf den Menschen übertragen werden.

Um die Gesundheitsgefahr zu bannen, zogen Mitarbeiter der kalifornischen Gesundheitsbehörde los und wollten die verlassenen Pools mit Insektiziden behandeln. Doch stets standen sie vor zwei Meter hohen, verschlossenen Zäunen – und mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Denn nach kalifornischem Gesetz müssen Pools umzäunt werden, damit Kinder und Tiere nicht ins Wasser fallen.

So breitet sich das West-Nil-Virus weiter aus. Hermann Feldmeier

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