Gesundheit : Von Ohrkerzen und modernen Zaubertränken

Kosmetika, Nahrungsergänzungsmittel, Homöopathie: Der britische Arzt und Wissenschaftsjournalist Ben Goldacre geißelt den Heiler-Hokuspokus

Justin Westhoff

„Hopi-Ohrkerzen“ sollen nicht nur das Ohr säubern, sondern den Körper reinigen, denn, so die Verfechter dieser schmalzigen Angelegenheit: „Das Ohr ist das Tor zur Seele.“ In Wirklichkeit ist allenfalls die Chance groß, sich ernsthaft zu verletzen. Der britische Arzt und Medizinjournalist Ben Goldacre zeigt in seinem Buch „Die Wissenschaftslüge“ auch hieran die ebenso populäre wie falsche Vorstellung, man könne und müsse ab und zu seinen Körper „entgiften“.

Andere Beispiele für gekaufte und verkäufliche Fragwürdigkeiten stammen aus Großbritannien und sind in Deutschland kaum bekannt. Aber da es dem Autor vor allem darum geht, die Tricks zu entlarven, mit denen uns Gesundheits-Geschäftemacher hinters Licht führen, ist gerade der Teil des Buches, in dem es um obskure, dennoch von erstaunlich vielen Menschen akzeptierte Heilmethoden geht, furios und vergnüglich.

Das gilt auch für Kosmetika- und Nahrungsergänzungsmittel-Hersteller: „Sie verkaufen die Vorstellung, dass körperliche Gesundheit mittels teurer Zaubertränke erreicht werden könne, statt mit altmodischen Turnübungen und Grünzeug.“ Offenbar sind Deutsche nicht die Einzigen, die beim Thema Essen nur noch die Gesundheit im Blick haben und den Genuss vergessen.

Am Beispiel der Homöopathie macht der Autor eindeutig klar: Wer Gesundheit verspricht, muss Wirksamkeit mit modernen, nachvollziehbaren wissenschaftlichen Methoden beweisen. Lektionen darüber, wie mit Statistiken Schindluder getrieben wird, ziehen sich durch Goldacres gesamtes Werk.

Er befasst sich auch mit „Schulmedizin“ und kritisiert beispielsweise die „Medikalisierung“ unseres Lebens, die Erfindung von Krankheiten, um Pillen gegen alles und jedes verkaufen zu können. Man lernt aber auch: Wer als „Pharmaknecht“ tituliert wird, geht mit den Segnungen moderner Heilmittel vielleicht tatsächlich zu unkritisch um. Doch auch Mathias Rath und seine Anhänger bekommen ihr Fett ab. Der umstrittene Arzt verteufelt Medikamente gegen schwere Krankheiten, um seine eigenen Vitamin-Cocktails als Allheilmittel zu puschen.

Goldacre, Kolumnist bei der britischen Tageszeitung „Guardian“, hat ein zweites Hauptthema: die Ahnungslosigkeit, mangelnde Sorgfalt und zum Teil Käuflichkeit der Journalisten. Er beschreibt mediale Panikmache an mehreren Beispielen. Leider befasst er sich an diesen Stellen zu viel mit den Boten und zu wenig mit den Urhebern, nämlich beschränkten und unseriösen Wissenschaftlern. Trotz kleinerer Mängel ist das Buch lesenswert, verständlich geschrieben, unterhaltsam, zum Teil sehr witzig. Justin Westhoff

Ben Goldacre:

Die Wissenschaftslüge. Die pseudo-wissenschaftlichen Versprechungen von Medizin, Homöopathie,

Pharma- und Kosmetikindustrie.

Fischer TB, 2010,

420 Seiten, 9 Euro 95

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