Girl's Day : Frau und Technik

Junge Frauen studieren am liebsten Germanistik oder werden Einzelhandelskauffrau. Dabei lohnt es sich nicht nur aus finanzieller Sicht, einen typischen Männerberuf zu erlernen.

Florian Ernst
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Noch in der Minderheit. Christine Lehmann ist IT-Systemingenieurin am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Bisher war sie immer...

Christine Lehmann steht vor einer Tafel und lässt aus der Idee, die ihr gerade in den Kopf kommt, ein Diagramm werden. Grafisches Zeichnen, das kann sie aus dem Effeff. Die 25-jährige IT-Systemingenieurin ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Computergrafische Systeme des Hasso-Plattner-Instituts der Universität Potsdam. „Zurzeit beschäftige ich mich damit, wie man in dreidimensionalen, virtuellen Welten Informationen hervorhebt, die man in den Modellen nicht von vornherein sehen kann“, erklärt sie. So sucht sie etwa nach Wegen, wie man in einem 3-D-Stadtmodell sichtbar machen kann, welches Gebäude das Krankenhaus oder das Rathaus ist.

Als IT-Expertin gehört Lehmann zur Minderheit von Frauen, die in einem Beruf arbeitet, der mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik, kurz „MINT-Beruf“, zu tun hat. Junge Frauen interessieren sich eher für scheinbar kreativere Berufe, in denen sie mehr mit Menschen zu tun haben. Laut Statistik studieren sie am liebsten Germanistik, Wirtschaftswissenschaften, Medizin, Jura oder Pädagogik. Oder sie lassen sich zur Einzelhandelskauffrau oder Verkäuferin, zur Medizinischen Fachangestellten oder Friseurin ausbilden. Dabei gibt es angesichts des drohenden Fachkräftemangels im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich wohl kaum Branchen mit besseren Zukunftsaussichten.

Um jungen Frauen zu zeigen, was alles möglich ist, findet seit nunmehr zehn Jahren in jedem Frühjahr der Girls’Day statt. Auch dieses Jahr, am 22. April, haben Mädchen bundesweit die Gelegenheit, in Betrieben und Universitäten einen Einblick in den Alltag technischer und naturwissenschaftlicher Berufe und Studiengänge zu bekommen. Sie lernen Berufe kennen, für die man sich durch ein Studium qualifiziert, wie Informatikerin oder IT-Ingenieurin, Mathematikerin oder Maschinenbauerin. Und sie sehen dabei zu, was Frauen in Ausbildungsberufen wie Mechatronikerin, Mikrotechnologin oder Werkstoffprüferin machen. Doch auch Berufe wie Köchin und Polizei- oder Zollbeamtin stehen auf dem Programm. Denn auch dort bewerben sich hauptsächlich Männer.

Es gelte vor allem zwei Vorurteile zu entkräften, sagt die Landeskoordinatorin des Girls’Day in Berlin, Almut Borggrefe. Zum einen, dass die Arbeit in vielen dieser Berufe für Frauen körperlich zu schwer sei. Durch die elektronische und technische Entwicklung sei das meist nicht mehr der Fall. Zum anderen würden viele Mädchen immer noch denken, man habe in solchen Berufen kaum etwas mit Menschen zu tun. „Frauen schätzen es sehr, etwas für Menschen zu tun“, weiß Borggrefe. Doch auch in MINT-Berufen gebe es oft sehr viel Kontakt, sowohl in der Kundenberatung als auch in der Teamarbeit. Die Vorteile, sich für einen typischen Männerberuf zu entscheiden, liegen auf der Hand: Man werde meist viel besser bezahlt. Friseurinnen, Erzieherinnen und Krankenpflegerinnen bekommen dagegen eher wenig Geld. Doch das Gehalt spiele bei der Berufswahl von Mädchen oft nur eine untergeordnete Rolle. Zudem spricht für viele „Männerberufe“, dass sie sich mindestens ebenso gut, wenn nicht besser als „Frauenberufe“, mit der Familie vereinbaren lassen.

„Frauen fragen außerdem oft nach der Sinnhaftigkeit: Wozu braucht man das, wozu ist das gut“, sagt Borggrefe. Dabei sehen sie oft nicht, was alles möglich ist: Viele „Männerberufe“ würden Tätigkeiten in Bereichen möglich machen, an die man zunächst nicht denkt. So sei es etwa in der Elektronik möglich, sich auf Umweltschutz zu spezialisieren.

Frauen suchten Berufe, in denen sie schöpferisch, gestalterisch und ideenreich tätig sein könnten – und würden dabei nur an Designerberufe denken. Aber auch in der Technik, im Handwerk oder in der Informatik sei Kreativität gefragt.

Im Job der IT-Systemingenieurin Lehmann ist Schöpfergeist ebenso wenig verzichtbar. „Es geht darum, sich für ein Problem eine Lösung auszudenken, also etwas zu erfinden, dass es bislang nicht gibt.“ Am Anfang stehe ein Konzept. Erst danach komme die rein technische Programmierung eines Modells, anhand dessen überprüft werde, ob das Konzept funktioniert. In ihrem Beruf sei es wichtig, dass man fähig sei, logische Prozesse umzusetzen. Dazu sollte man vor allem in einem Schulfach aufgepasst haben: „Ohne Mathe geht es nicht“, sagt sie.

Die IT-Expertin begann sich in der Schule für Zahlen und Rechnen zu interessieren. Mathe sei immer ihr Lieblingsfach gewesen, aber auch Kunst fand sie spannend. Ab der zehnten Klasse habe sie dann einen Grundkurs in Informatik belegt. Als im zweiten Jahr Programmiersprachen wie Delphi und Pascal auf dem Lehrplan standen, machte ihr das richtig Spaß. Sie begann die ersten Spiele selbst zu programmieren. So kam sie auf die Idee, Softwareentwicklung zum Beruf zu machen. An der Uni hat dann der Bereich Computergrafische Systeme ihr Interesse geweckt: „Als ich gesehen hab, was man mit 3-D-Grafik alles machen kann, fand ich das sofort sehr spannend.“ Nach ihrem Studium blieb sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität. Gerade schreibt sie an ihrer Doktorarbeit.

Sowohl im Informatikunterricht in der Schule als auch an der Universität war sie immer eine von wenigen Frauen, erzählt Lehmann. Probleme habe sie damit nie gehabt. Auch jetzt ist sie die einzige weibliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl. Aber es gebe Hoffnung, dass sich das in Zukunft ändert: „Im Bachelorstudiengang gibt es mittlerweile recht viele Studentinnen.“

Das spiegelt eine allgemeine Tendenz wider. Immer mehr Frauen interessieren sich für Technik. 2008 gab es mehr Studienanfängerinnen in Ingenieurstudiengängen als je zuvor. Bis sie die Männer in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern zahlenmäßig eingeholt haben, wird aber noch einige Zeit vergehen.

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