Der Tagesspiegel : Glasperlen für die Germanen

In Jänschwalde sind Archäologen auf eine verschüttete Siedlung samt Feinschmiedewerkstatt gestoßen

Matthias Matern

Jänschwalde - Innerhalb kürzester Zeit hat es Deborah Schulz von einer Uni-Absolventin zur erfolgreichen Grabungsleiterin geschafft. Kaum hatte sie ihr Archäologiestudium beendet, da kniete die junge Brandenburgerin auch schon im Sand ihrer Niederlausitzer Heimat und hielt ihren ersten wichtigen Fund in der Hand. „Einen kleinen weißen Knochensplitter wie diesen“, sagt die 27-Jährige und zeigt auf ein etwa drei Zentimeter langes, auf den ersten Blick unspektakuläres Bruchstück. Das Fragment gehört jedoch zu einem der bedeutendsten Brandenburger Grabungserfolge der vergangenen Jahre. Im Tagebaugebiet Jänschwalde bergen derzeit Archäologen des Brandenburger Landesamtes für Denkmalpflege Reste einer umfangreichen germanischen Siedlung aus dem dritten bis vierten Jahrhundert, samt Gräberfeld und Feinschmiedewerkstatt.

„Leben, Arbeiten und Tod, vereint auf einer relativ kleinen Fläche von nur rund zweieinhalb Hektar“, schwärmt Landesarchäologe Franz Schopper. Für die germanische Besiedlungsgeschichte Brandenburgs sei der Fund immens bedeutend und in seinem Umfang für die Region einmalig. Die Datierung auf die späte römische Kaiserzeit basiert indes noch auf Untersuchungen einer ähnlichen, aber kleineren Siedlung in der Nähe. Freigelegt haben die Forscher bei Jänschwalde bisher sieben Wohnstätten, sogenannte Langhäuser, einige kleinere Hütten, eine Mühle sowie drei Brunnen. Dazu 30 bis 40 Gräber und die Schmiede.

Eine kleine Sensation ist vor allem die Entdeckung der Werkstatt. „Eigentlich müsste man wohl eher vom Arbeitsplatz eines Juweliers oder eines Goldschmieds sprechen“, sagt Eberhard Bönisch, Referatsleiter Braunkohlearchäologie im Landesamt. Denn was die Wissenschaftler aus dem Sand zwischen den Resten hölzerner Gebäudepfosten siebten, lässt auf die Herstellung von Accessoires für den modebewussten Germanen schließen. Zutage kamen sehr gut erhaltene Gewandspangen, sogenannte Fibeln, zudem Bruchstücke von Bronzeschmuck sowie zerschnittene Münzen römischen Ursprungs. Für die Archäologen steht deshalb fest: Die Germanen recycelten auch römischen Bronzeschrott. Bönisch: „Etwa 600 Kilometer südlich und westlich endete damals das freie Germanien am Limes, und das römische Reich begann.“

Die meisten Funde hat das Landesamt zur Restaurierung bereits ins Lager nach Wünsdorf (Teltow-Fläming) bringen lassen. Wissenschaftlich gilt die Siedlung als komplett freigelegt. Dennoch wird an allen Stellen noch gesiebt, Erde abgetragen und vermessen. Kleine Plastiktütchen mit einem Nummerncode markieren mögliche Fundstellen. Während die Archäologen im Bereich der Schmiede im Schutz eines weißen Zelts graben können, steht Deborah Schulz mit windzerzaustem Haar rund 50 Meter entfernt auf der abgetragen Düne, unter der die Siedler einst ihre Toten begruben. Auch hier wird noch gegraben. „Bisher sind wir überwiegend auf Brandbestattungen gestoßen. Nur in vier Fällen wurden die Toten offenbar unversehrt beigesetzt. Drei Frauen und ein Mann“, sagt die Wissenschaftlerin. Über Alter oder soziale Stellung der Toten lasse sich aber wenig sagen. „Alle Gräber waren gleich reichlich mit Beigaben ausgestattet.“ Bei einer Toten fand Schulz neben Fibeln eine blaue Glasperlenkette und Kleidungsreste. Männer seien hingegen eher mit einer Streitaxt beigesetzt worden. Trotz der vielen Funde sind alle Geheimnisse der Siedlung noch längst nicht gelüftet. Welchem germanischen Stamm die Siedler beispielsweise angehörten, sei noch unklar, sagt Eberhard Bönisch. Viel Zeit bleibt den Forschern aber nicht mehr. „Vielleicht noch zwei Monate“, schätzt Deborah Schulz. „Die Bagger des Tagebaus rücken immer näher.“

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