Der Tagesspiegel : Gleichgültige Mitwisser

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Claus-Dieter Steyer über das Schweigen nach dem Mord in der Uckermark

ANGEMARKT

Das kleine Potzlow in der Uckermark ist ein unwirtlicher Ort. Für die nächsten Jahre jedenfalls wird es als solcher gelten. Wo ein Jugendlicher nur wegen seiner Haarfarbe und seiner Kleidung bestialisch gefoltert, grausam ermordet und anschließend in einer Jauchegrube verscharrt wird, kann die Welt nicht in Ordnung sein.

Was wie ein vorschnelles Urteil oder nach Schwarz-Weiß-Malerei klingen mag, besitzt tatsächlich eine viel größere Dimension. Denn im Dorf müssen weit mehr als nur die drei Täter, die nun in Untersuchungshaft sitzen, von dem unfassbaren Geschehen in jener Julinacht gewusst haben.

Die Auseinandersetzung begann immerhin in einer Wohnung, in der sich weitere fünf bis sechs Gäste aufgehalten hatten. Auf dem Weg von der Ortsmitte zum früheren Schweinestall müssen auch andere Einwohner die drei Peiniger mit ihrem Opfer gesehen haben. Es ist kaum vorstellbar, dass just an diesem Abend die allermeisten Dorfbewohner mit den Hühnern ins Bett gegangen sind: Es war der Tag des Dorffestes.

Die bittere Schlussfolgerung liegt auf der Hand. Selbst als die Polizei das Dorf auf der Suche nach dem vermissten Jugendlichen durchsuchte, schwiegen die Mitwisser. Erklärungen dafür sind schwierig. Angst vor dem rechtsradikalen Mob könnte es gewesen sein, pure Gleichgültigkeit, Abgestumpftheit aber auch.

Die Trauer, die im Dorf nach der Entdeckung der Leiche bisher zu erkennen war, ist kaum als unermesslich zu bezeichnen. Eine von Konfirmanden mit Zetteln beklebte alte Obstkiste und ein paar Kerzen vor dem Tor zum Schweinestall waren für kurze Zeit die einzigen Zeichen fürs Entsetzen im Ort. Keine Blumen, keine Bilder, erst zum Trauergottesdienst am Totensonntag ein selbstgezimmertes Kreuz. Als mehrere antifaschistische Gruppierungen von außerhalb Demonstrationen ankündigten, wurden die Einwohner wach – und lehnten sich dagegen auf.

Die Politiker machten einen großen Bogen um Potzlow: kein Bundestagsabgeordneter ließ sich blicken, auch kein Bildungs-, kein Innen- und kein Sozialminister. Die junge Justizministerin schaute im Dorf mal kurz vorbei. Selbst Ministerpräsident Platzeck, sonst immer schnell an den wichtigsten Orten des aktuellen Geschehens und eigentlich doch sensibel genug, erschien erst zum gestrigen Gottesdienst in Potzlow.

Offensichtlich sollte der Ruf Brandenburgs durch die Aufmerksamkeit der Medien nicht noch zusätzlich beschädigt werden. Dazu passt das Interview des Innenministers mit der rechten Zeitschrift „Junge Freiheit“. In diesem Klima flackert die Empörung über eine solche rechtsradikale Tat nur kurz auf. Potzlow muss mit seinem Makel noch lange leben. Vielleicht gar nicht zu Unrecht.

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