Der Tagesspiegel : Good bye, Ahnungslosigkeit: Kino als Geschichtsstunde

Minister Reiche lädt Schüler in Wolfgang Beckers DDR-Film ein

Volker Eckert

Potsdam. Als Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche seiner 11-jährigen Tochter neulich eine CD mit alten DDR-Pionierliedern vorspielte, fragte die ihn: „Papa, wer war denn damals Bundeskanzler?“ Da musste er viel erklären. Und wurde selber neugierig. Auf das, was Jugendliche über „damals“ wissen. Deshalb spendierte Reiche am Mittwochabend gut 20 Schülern der Potsdamer Voltaire-Gesamtschule einen Besuch im Thalia-Kino. Die sollten sich Wolfgang Beckers Erfolgsfilm „Good bye, Lenin“ anschauen und hinterher darüber diskutieren.

Am liebsten würde Reiche den Film zum Pflichtstoff für alle Schüler machen – Kino als DDR-Geschichtsstunde. „Good bye, Lenin“ erzählt die absurde Geschichte einer Frau, die kurz vor der Wende ins Koma fällt. Als sie wieder aufwacht, soll sie von der Neuigkeit, dass die DDR untergegangen ist, verschont werden. Im Krankenbett wird sie Opfer einer Inszenierung mit Spreewaldgurken und nachgedrehter „Aktueller Kamera“.

Die Potsdamer Schüler waren bei der Wende fünf Jahre alt. Dicht gedrängt sitzen sie nach dem Film um einen viel zu kleinen Tisch im voll besetzten Kino-Café „Konsum“, das Gespräch kommt schnell in Gang. Melanie, die in West-Berlin aufgewachsen ist, fand den Film wirklich lehrreich: Mokka-Fix und MuFuTi (Multifunktionstisch) – davon hatte sie noch nie gehört. Dass manche die DDR wiederhaben wollen, kann sie nicht verstehen. Mit Markenpullis wäre dann nichts, genauso wenig wie mit Meinungsfreiheit. Vor allem für die Wessis ist „Good bye, Lenin“ ein Schnellkurs durch die sozialistische Warenwelt. „Allein diese Türgriffe!“, erregt sich Maya, geboren in Charlottenburg, über die Plattenbauten. Sie kann nicht verstehen, wie die Leute es da ausgehalten haben. Melanie hält dagegen: „Die waren doch stolz auf die Wohnung und den Trabi.“ Wieso ist die Mutter in der DDR geblieben, als ihr Mann rübermachte, wieso wurde sie dann zur linientreuen Genossin?, will Reiche wissen. Er selbst war in der DDR Pfarrer und als Mitbegründer der Ost-SPD einer der Wende-Protagonisten. Seine Interpretation des Films: Die „würdige Darstellung der Heldin, ohne Anklage“, das würde den Leuten gefallen, die könnten da Frieden mit der DDR machen.

Die Schüler aus dem Osten finden den Film auch traurig. Alex, der vorher noch gesagt hat, dass in der DDR auch nicht alles schlecht war, fand manches „richtig makaber“, etwa als die Lenin-Statue an der fassungslosen Mutter vorbei von einem Hubschrauber abtransportiert wird. „Schon mal was von Lenin gelesen?“, fragt Reiche. Keiner. Auch die Anspielung des Ministers auf Stalins 50. Todestag versteht niemand. Reiche versucht es nochmal mit dem 17. Juni, der sich auch bald zum 50. Mal jährt. Keine Reaktion. „17. Juni?“, fragt Reiche nochmal – und sieht sich beschwörend um. Betretenes Schweigen, bis endlich einer etwas vom Arbeiteraufstand erzählt. „Ich hab’ Geschichte nicht mehr“, druckst eine Schülerin. Ihre Nachbarin auch nicht.

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