Gräberkultur : Sprich mit mir

Allerheiligen 2008: Gräber kommen aus der Mode, der Tod wechselt ins Unterhaltungsfach. Das hat Folgen, sagen Trauerforscher.

Elisabeth Wagner

Die Wand meines Schlafzimmers grenzt exakt an einen Friedhof. Sie bildet quasi eine Friedhofsmauer. Kein Weg, keine Straße liegt zwischen mir und dem Gottesacker, nur das bisschen Wand. Es mag also nicht übertrieben sein, zu behaupten: Hinter meinem Kopfkissen beginnt das Reich der Toten. Diese räumliche Gegebenheit plus eine Fernsehwiederholung jenes Blockbusters aus dem Jahr 1999, in dem Bruce Willis einen Toten unter den Lebenden spielt, hat die Erscheinung wahrscheinlich ausgelöst. Beim Einzug in meine neue Wohnung jedenfalls hatte ich in der ersten Nacht den Eindruck, eine etwa 57-jährige Frau mit grauem, halblangem Haar und Kittelschürze würde auf einem Stuhl sitzen und unbewegt bösartig in meine Richtung blicken.

Damit Sie nicht denken, „die hat sie ja nicht alle“, möchte ich ein weiteres, eng verwandtes Beispiel anfügen: Jüngst rief mich ein Professor der Biophysik an, der es lieber sähe, sein Name würde an dieser Stelle nicht genannt. Auch er hat Sorge, Sie möchten ihn für verrückt erklären. Die Geschichte handelt von seinem Grab. Der Professor, Institutsleiter an einem Forschungszentrum in Aachen, langjähriger Lehrstuhlinhaber an der Freien Universität Berlin, hat es vor kurzem für sich und seine Frau auf dem St.-Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg gekauft. Es ist eine alte, ebenerdig gelegene Grabkammer, die zu verfallen droht, wenn nicht schleunigst jemand ihre Patenschaft übernimmt. Denkmalschützerische Gründe gab es also auch. Obwohl der Professor diese nur auf Platz zwei oder drei seiner Handlungsmotive setzt.

Der erste und ausschlaggebende Grund ist ein anderer: Der Professor, katholisch im Münsterland erzogen, möchte nicht unter der Erde liegen. „Dort ist es viel zu einsam“, sagt er, „ich möchte lieber bei den Menschen bleiben.“ Am allerliebsten, fügt er hinzu, „würde ich in Italien in einer dieser wunderbaren, hellen Friedhofswände liegen.“ Nähe Neapel, diese Gegend. „Man liegt mit mehreren zusammen, ein bisschen erhöht, und kann die vorbeischlendernden Spaziergänger betrachten.“ Der Wissenschaftler, gewohnt an die Gesetze der Natur, gerät ins Schwärmen. „Urne oder Sarg?“, frage ich. „Ich mag meinen Körper sehr“, sagt der Professor, „ich möchte nicht, dass ihm Schlimmes widerfährt.“ Bliebe die Frage nach dem Sarg. Doch die drängt nicht. Der Professor erfreut sich bester Gesundheit. Bloß rein interessehalber würde er gern Probeliegen, um festzustellen, „ob man es auch bequem hat.“

Die Toten sind nicht tot. Die Toten schlafen – eine menschheitsalte Gedankenspur. Thanatos und Hypnos, der Genius des Todes und der Genius des Schlafes, sind Zwillingsbrüder, Söhne der Nacht und der Unterwelt. Der römische Dichter Vergil nannte diese Welt ein „Reich der Schatten“, „Stätte der schlummernden Nacht und des Schlafes“. Die Reise zwischen der Tagwelt und derjenigen der Schatten verstand er als Übergang. Nicht irreversibel. Zu gewissen Zeiten können die Toten zurückkehren, die Lebenden sollten sich hüten vor ihrem Trachten. „Ruhe sanft!“, steht auch deshalb auf vielen unserer Grabsteine, auf Beileidskränzen. „Die Ruhe“, schreibt Philippe Ariès in seiner großen Geschichte des Todes, „ist das zugleich älteste, volkstümlichste und dauerhafteste Bild des Jenseits.“

Möglich, die Frau in der Kittelschürze war einfach gekränkt über den Krach meines Einzugs, über das Möbelrücken. Und vielleicht hat es geholfen, dass ich sie bat, wegen des Lärms nicht weiter böse zu sein. Der Herr Professor versteht das.

Ich besuche den Friedhof, auf dem er eines Tages begraben sein wird. Es ist ein besonders schönes, parkähnliches Exemplar aus dem 19. Jahrhundert, ein Musterbeispiel bürgerlicher Begräbniskultur. Der Wunsch nach persönlicher Erinnerung, für die der Friedhof steht, seine kunstvolle Inszenierung als Landschaft und Park datiert in eben jener Epoche.

Das 19. Jahrhundert antwortet damit auf eine lange Zeit weitestgehender Anonymität. Hatte in der Antike die Einheit zwischen Grab und Leichnam als Ideal gegolten, so wich diese ab dem fünften nachchristlichen Jahrhundert mehr und mehr christlichen Heilserwartungen und Jenseitsvorstellungen. Gräber galten als Angelegenheit der Mächtigen und Heiligen. Wichtiger als das Grab selbst war der es umgebende Raum, die Kirche, die stets die Voraussetzung für einen Friedhof war. Wichtiger auch als der Leichnam, die Hoffnung auf seine Wiederauferstehung. Wurde es auf dem Friedhof eng, brachte man die Schädel und Gebeine in sogenannte Beinhäuser. Den Armen, die Friedhofsgebühr und Beinhaus nicht zahlen konnten, blieb nur ein Zwischenraum, der Platz zwischen den Beinhäusern. In Zeiten der Pest und der großen Kriege schichtete man sie in Gemeinschaftsgräber, „in regelrechte Senkgruben von 30 Fuß Tiefe und fünf mal sechs Meter Flächeninhalt, die 1200 bis 1500 Leichname fassen konnten, die kleinsten noch immer 600 bis 700.“ Just diese Anonymität sei dem 19. Jahrhundert „unerträglich“ geworden, notiert Ariès, das eigene Leben verlangte nach einem eigenen Grab.

Das ist heute vielfach anders. Die Polizei fand Romans Leiche in der Weser. Tagelang war sie im Wasser getrieben, nur die Zähne verrieten noch die Identität des 21-Jährigen. Romans Mutter ließ seine Asche anonym begraben. Sie wollte kein Grab, Roman sollte leben. Sie besteht darauf, dass ihr Sohn ein Schmetterling geworden ist, dass er sich verwandelt hat in eine andere, namenlose Gestalt. Ihre Wohnung ist geschmückt mit Schmetterlingen aus buntem Papier, mit Roman-Fotografien. Am Tag der Beisetzung, erzählt die Mutter, flog ein Schmetterling durchs offene Fenster herein und einmal um sie herum. „Mach es gut, Roman“, die Mutter sah dem Schmetterling auf seinem Weg ins Freie nach.

„Parting souls“ nennt die englische Literatur des 18. Jahrhunderts die Toten, doch anders als in Romans Geschichte lösen sich ihre Seelen nicht vom Leib. Sie sind als geliebte Schattenwesen Gegenstand unstillbarer Sehnsüchte. Edelmänner weinen am Grab der toten Angebeteten, bevorzugt in der Stunde der Dämmerung, dichten Epitaphien, Grabreden und beugen sich erlesenem Schmerz. Die Toten selbst wandeln am Rand ihrer Gräber im Abendtau und nehmen die Verehrung entgegen wie ein erlesenes Geschenk. Ihre Empfindungsfähigkeit ist keineswegs erloschen, und das Grab alles andere als ein stummer Abgrund. Nein, es ist Schauplatz einer geheimnisvollen Zwiesprache zwischen den Lebenden und ihren Toten.

Droht dieses Gespräch nun zu verstummen? Was geschieht heute mit jenem schmalen Grad, jener feinen Linie des Kontakts? Wir können die Asche unserer Toten im Wind verstreuen, während einer Ballonfahrt über Frankreich oder einem Helikopterflug über der Nordsee. Wir können sie platzsparend senkrecht im Boden versenken oder in Form einer Promession und ökologisch sinnvoll gefriertrocknen. Über Erinnerungsdiamanten oder eventuelle Weltraumbestattungen wurde die Öffentlichkeit ebenfalls schon unterrichtet.

Im Kasseler Sepulkralmuseum, einem von sieben Museen Europas, die sich ausschließlich den Themen Sterben, Tod und Erinnern widmen, lässt sich der Kontrast zwischen den Traditionen religiöser und volkstümlicher Todesvorstellungen studieren. Tiefschwarze Särge aus Adelsgruften, ehrfurchtgebietende Totentänze des Buddhismus, handgeschnitzte Rosenkränze und moderne leichtmetallene Plaketten, wie sie im „Friedwald“ oder im „Ruheforst“ vorzugsweise vorkommen. „Wie ein Blatt zur Erde fällt / geht ein Mensch von dieser Welt / Ins Leben kehret er zurück / durch diesen Baum / welch hohes Glück.“ Man möchte glauben, dass es eine romantische Vorstellung ist, mikrobiologisch Anteil am Wachstum eines Baumes zu nehmen. Vielleicht ist es das ja auch. Vielleicht aber auch nicht. 50 Jahre erteilt zum Beispiel die Firma „Oase der Ewigkeit“ Garantie auf das Nicht-Fällen der eigenen Baumexistenz.

Als gute Lutheranerin hätte meine Großmutter solche Arrangements als Quatsch bezeichnet. Sie bestand auf Ordnung, dem „Ablauf der Dinge“ und dass alles geschieht, „wie es sich gehört“. Seit dem Tod ihres Mannes wohnte sie bei meinen Eltern, 100 Kilometer vom Grab entfernt. Die Familie fuhr also sonntags, wenn Zeit war und die Autobahnen leer. Meine Großmutter stand, auf ihren Stock gestützt, und kommandierte das Jäten, das Ein- und Auspflanzen. Meine Eltern und ich (mein Bruder verweigerte den Dienst) krochen um das Grab herum, holten Wasser vom Brunnen, schwitzten, und schließlich hatte jede Blume, jedes Gras, jeder Stein seinen vorgesehenen Platz. In den meisten Dingen waren meine Großmutter und ich uns fremd, über Schauspieler konnten wir miteinander reden. Sie liebte Marianne Hoppe.

Meine Großmutter liegt nun seit ein paar Jahren neben ihrem Mann begraben, und wir kriechen und schwitzen ohne ihre Anweisungen. Es kommt mir vor, als würde ich beim Entfernen der alten, welken Blätter an einer Bettdecke zupfen. Die Pflanzen werden zu Mustern auf einem Stoff, der die tote Großmutter wärmt. Sie soll nicht frieren, da unten. „Der Friedhof ist das Zeichen einer ganzen Kultur gewesen“, schreibt Ariès.

„Ist er es noch?“

Ein Herr von 80 Jahren, unter den Armen je eine kleine Gerbera geklemmt, zählt die Schritte zwischen zwei jungen Birken, verharrt in der Mitte, schreitet von dort gerade auf eine kleine, mit Blumentöpfen bestückte Mauer zu, schreitet den Weg exakt zurück auf den Punkt zwischen den beiden Birken. Jetzt verweilt er gesenkten Hauptes, beendet den Besuch bei der Mutter mit einer kurzen Verbeugung. Ich warte auf Herrn Wustrack am Rande der Rasenfläche.

„Sie wollte anonym beerdigt werden“, sagt der 80-jährige Sohn, „unbedingt wollte sie das.“ Er habe das nicht verstanden. „Ich wünschte, sie hätte sich anders entschieden.“ – „Sprechen Sie mit Ihrer Mutter?“, frage ich. – „Selbstverständlich“, sagt Herr Wustrack, „allerdings nicht hier, nicht auf dem Friedhof.“ Höchstens, dass er die Gerbera auf die Mauer stellt und Ähnliches denkt wie: „Siehst du, Mutter, wie schön.“ Derselbe Gedanke überfalle ihn, sagt er, wenn er zu Hause das alte Plastiksieb benutzt, in das seine Mutter die Spaghetti zu schütten pflegte. Hin und wieder brauche er immer noch ihren Rat. Als das Haus von Freunden überschwemmt wurde, hatte er zum Beispiel das unbestimmte Gefühl, ihnen auch finanziell helfen zu müssen. Unsicher, ob er einen Teil seines Erbes darauf verwenden solle, fragte er die tote Muter. „Sie hat Ja gesagt“, erklärt Herr Wustrack, und damit war die Sache entschieden. Wir schauen uns die Mustergräber am Eingang des Friedhofs an. Herr Wustrack wünscht sich, anders als seine Mutter, ein Grab, das seinen Namen nennt. Die ausgestellten Grabsteine gefallen ihm nicht. „Diese Gräber wollen interessant sein“, sagt Herr Wustrack, und mehr sagt er dazu nicht. Hoffentlich kann sich seine Nichte später um das Grab kümmern. Hoffentlich kommen Freunde, um nach ihm zu sehen.

Tatsächlich ist die Zukunft des Grabes heikel. Um es herum stehen die Kombattanten eines erbitterten Meinungskampfes. Die einen beklagen seit Mitte der Achtziger einen massiven Verfall der Bestattungskultur und erinnern an die stetig steigenden Zahlen anonymer Beisetzungen. 2006 lag der Anteil bereits über 40 Prozent, die in Berlin vom Sozialamt bestellten Beisetzungen haben sich seit 2001 verdoppelt. Die anderen wiederum rufen das Zeitalter einer neuen Freiheit jenseits der Friedhofsmauern aus. Beengt, eingeschnürt in die deutsche Friedhofsverordnung sei man lange genug gewesen. Warum sollte man nicht gemeinsam mit dem Schoßhund das letzte Ruhekissen teilen, warum die Asche der Angehörigen nicht auf den Kaminsims platzieren oder die Liebsten im eigenen Garten begraben?

Die Biografie des Einzelnen ist der Maßstab. Der Markt steht längst bereit, alle Bedürfnisse zu erfüllen. Der Tod soll eine interessante Erfahrung sein. Oder wie Reiner Sörries, Direktor des Kasseler Sepulkralmuseum, formuliert: „Der Tod ist aus der Verbannung in seiner Verdrängungs- und Tabuecke ansatzlos ins Unterhaltungsfach gewechselt. Inzwischen machen wir mit ihm, was wir wollen.“

Wir streuen ihn aus wie Asche, drücken ihn wie einen Fetisch an unsere Brust. Wie aber soll man die liebste Person mit diesen Gesten erreichen? Ist der Tote nicht überall? Atme ich ihn? Schwimme ich in ihm? Die Trauerforscher warnen davor, die räumliche Trennung zwischen den Lebenden und den Toten aufzugeben – und damit einen eigenen Ort der Trauer. Sie warnen vor der Urne im Bücherschrank, dem Grab unter dem eigenen Kirschbaum. Die ständige, unmittelbare Nähe der Toten komme einer Überforderung, einer Verwirrung an den notwendigen Grenzen des eigenen Verstandes, der eigenen Psyche gleich. Ein Besuch auf dem Friedhof dagegen beginnt und endet. Die Rückkehr ins eigene Leben ist gewiss. Und auch jene Frau in meinem Zimmer – eine übrigens noch für das 20. Jahrhundert typische Fantasie – verschwindet, schaut nur kurz vorbei. Sie hat ja ein Grab, in dem sie hoffentlich ihren Frieden findet.

Meine Großmutter väterlicherseits hat keines. Sie starb auf der Flucht, auf einem Karren. Verscharrt hat man sie in neben einer Landesstraße an der polnischen Grenze. Nachts, gegen den Treck, liefen die Frauen noch einmal zu jener Stelle zurück. Die Mutter meiner Großmutter hat bitterlich geweint, verlangte, zu wissen, ob ihre Tochter mit ausreichend Erde bedeckt sei. Ob Hunde an ihr gezerrt, ob sie ihren Pelzmantel, ihren grünen Pullover noch anhabe. Eine dünne Schicht Erde lag auf der toten Tochter. Und die Frauen häuften Erde dazu. Lange hat mein Vater nach dieser Stelle gesucht und sie nicht gefunden. Doch vor kurzem ist ihm etwas Merkwürdiges passiert. An einer Landstraße stand ein Mann und verkaufte Honig. Mein Vater hielt an, kaufte einige Gläser und kam mit dem Mann ins Gespräch. Woher er käme, fragte mein Vater. Und der Mann nannte den Namen des Dorfes, in dem meine Großmutter geboren ist. Geweint, sagt mein Vater, haben sie beide, dort am Straßenrand.

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