Der Tagesspiegel : Grenzenloser Verkehr

An der Neuköllner Späthstraße war West-Berlin zu Ende. Es war ruhig und still – bis die Wende kam

Sven Goldmann

Herr Schulz hat gesagt: „Wenn die alte Weide gefällt wird, dann ziehen wir weg.“ Das war im Sommer 2004, als die Stadtautobahn verlängert wurde bis zur Späthstraße und die Autos im Sekundentakt unter seinem Balkon vorbeiratterten. Seit 41 Jahren wohnen Jürgen und Gertraut Schulz in Britz, Haarlemer Ecke Späthstraße. 1964, beim Einzug in das neue Wohnhaus, war die Haarlemer Straße ein Feldweg, die Späthstraße führte als Sackgasse 500 Meter weit ins Nichts. Dann kam die Grenze. Jenseits der Späthbrücke, am östlichen Ufer des Teltowkanals, patrouillierten die Soldaten der Nationalen Volksarmee. Kastanien blühten am Straßenrand und die mächtige Weide, die schon beim Einzug von Familie Schulz um die 60 Jahre alt war. „Wenn die Weide aufblühte, dann haben wir gewusst: Jetzt beginnt der Frühling“, sagt Frau Schulz. Früher haben die Kinder auf der Fahrbahn gespielt, Autos wurden als Attraktionen bestaunt.

Wer hätte damals schon geglaubt, dass die Mauer einmal fallen würde und alles anders wird an der Späthstraße?

Noch in den ersten Wochen nach dem 9. November 1989 haben sich die Anwohner die Zukunft schwer vorstellen können. Die Späthstraße blieb zunächst Sackgasse, weil die Brücke über den Kanal verrostet war und den vielen Autos nicht standgehalten hätte. Heute ist sie Autobahnzubringer und viel befahrene Ost-West-Achse zwischen Neukölln und Treptow. „So ist das Leben“, sagt Herr Schulz. Er wolle kein Querulant sein, die deutsche Einheit sei ein höheres Gut als die Sackgasse am Teltowkanal. „Dafür leben wir nun mal in einer Großstadt und nicht auf dem Dorf“, sagt er.

Die Zeitenwende zwischen Buschkrugallee und Teltowkanal begann mit der Öffnung der Grenze, aber in ihrer lärmenden Konsequenz bekommen die Anwohner sie erst jetzt so richtig zu spüren: wegen der neuen Autobahn, die zum ehemaligen Ost-Flughafen, dem künftigen Großflughafen Schönefeld führen soll. Vor fünf Jahren ging es langsam los. Damals wurde die Späthstraße von zwei auf vier Spuren erweitert. Dafür wurde der „Buschkrug“ abgerissen. Eine ehemalige Pferdewechselstation. Zuletzt beherbergte der Buschkrug eine bestenfalls mittelmäßige Kneipe. Die Proteste gegen den Abriss hielten sich in Grenzen, aber wird in fünf Jahren noch jemand wissen, woher die Buschkrugallee ihren Namen hat?

Dann wurden die Kastanien an der Späthstraße gefällt. Der Senat leitete die Straße um und ließ eine neue Brücke über den Teltowanal bauen. Am lautesten war es von Juli 2004 bis September 2005, als die Autobahn an der Späthstraße endete. Mittlerweile geht die bis nach Adlershof, in zwei Jahren soll Schönefeld erreicht sein. Die Bäume an der Späthstraße standen den neuen Straßen im Weg, das verstand Herr Schulz. Aber mussten sie auch die alte Weide fällen? Den Baum opfern für einen Supermarkt?

Vor sechs Wochen sah Herr Schulz vom Balkon aus, wie sich ein junger Mann mit Zeichenbrett Notizen machte. Es war ein Ingenieur, sehr höflich, sehr freundlich, sofort hat er die Skizze mit dem Bauvorhaben gezeigt. Dort, wo die alte Weide stand, war ein rechteckiger Baukörper eingezeichnet, ein Lidl-Discounter. Herr Schulz hat beim Neuköllner Bauamt angerufen, wurde verwiesen ans Grünflächenamt, aber der Kollege war gerade im Urlaub. Ein paar Tage später kam das Abholzkommando. Mit Kettensägen wurden die Äste der Weide entfernt, ein Bagger übernahm die Entwurzelung. Nach einer Stunde war der Baum weg. Später hat ein Herr vom Grünflächenamt Herrn Schulz belehrt, Weiden könnten in Berlin jederzeit gefällt werden, nur Eichen seien geschützt.

Seitdem ist es zwischen Buschkrugallee und Teltowkanal noch lauter, als es in den letzten 16 Jahren ohnehin schon war. Bei offenem Fenster kann man nachts schon lange nicht mehr schlafen. Herr Schulz steht öfter auf seinem Balkon im vierten Stock und schaut zu, wie der Supermarkt Tag für Tag wächst. Direkt gegenüber hat im vergangenen Jahr Aldi eröffnet, nebenan baut die Konkurrenz von Plus. Jahrzehnte gab es für die Anwohner keine einzige Einkaufsmöglichkeit, jetzt gleich drei Supermärkte.

Dabei ist den Investoren die Laufkundschaft aus der Siedlung egal. Die Verkehrsströme zählen, die potenziellen Kunden, die jeden Tag mit dem Auto vorbeifahren. Herr Schulz hat sie gesehen, die Verkehrszähler mit ihren Klemmbrettern, auf denen sie die vorbeifahrenden Autos notierten. Die Gegend ist begehrt. Die Laubenpieper nebenan bekommen nur noch Einjahresverträge, denn ihre Parzellen stehen offiziell auf Gewerbegebiet. Vor einem Jahr wollte ein Großhändler das Gelände planieren und 250 Arbeitsplätze schaffen. Erst im letzten Augenblick scheiterten die Verhandlungen mit dem zuständigen Liegenschaftsfonds. Die Lauben bleiben, noch.

Fast alles hat sich geändert seit 1989, aber der Spaziergang am Teltowkanal ist Herrn und Frau Schulz geblieben. Auf der östlichen Seite fahren die Autos über die neue Autobahn, aber man sieht sie nicht hinter der neuen Mauer. An manchen Stellen wächst sie neun Meter hoch in den Himmel, doppelt so hoch wie ihre Vorgängerin, die Grenzmauer. Sie besteht aus lärmdämmendem Lärchenkernholz und darf nicht mit Holzschutzmitteln behandelt werden, weil die vom Regen ins Grundwasser gespült werden könnten. Die Gegend um den Teltowkanal ist Wasserschutzgebiet. „Wo findet man so etwas noch mitten in Berlin?“, sagt Frau Schulz. Und wenn Herr Schulz morgens auf dem Balkon steht und es langsam hell wird, dann spürt er: Er wird nicht wegziehen aus Britz. Auch wenn schon im kommenden Jahr die alte Weide nicht mehr anzeigen wird, wann der Frühling beginnt.

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