Großbritannien : Prügel für den Premier

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Medien und Politiker sprechen von einem "Fiasko" und fühlen sich "wie Idioten behandelt". Premierminister Gordon Brown steht mit seinem Rückzug von den Neuwahlen in der Kritik.

Thomas Burmeister[dpa]

LondonDer "Daily Telegraph", das Medienflaggschiff der Konservativen zum Beispiel, verglich den Premierminister mit einem glücklosen Feldherren in einem alten englischen Kinderreim: "Der Herzog von York hatte zehntausend Mann. Die ließ er auf den Berg marschieren und gleich wieder runter."

Spott war noch das geringste, was der Erbe von Tony Blair gut 100 Tage nach seiner Amtsübernahme einstecken musste. Politiker der Opposition und Kommentatoren verpassten dem Labour-Führer politische Prügel. Brown habe die Wähler "wie Idioten behandelt", schimpfte Tory-Chef David Cameron. Er habe genau wie einst Blair "Parteipolitik vor die Interessen der Nation" gestellt, donnerte der Chef der Liberaldemokraten, Sir Menzies Campbell.

Tories in Panik

Der Premierminister habe Labour "ein Fiasko" beschert, sagte John McDonald vom linken Parteiflügel. Signale der Meinungsforscher - und auch der Buchmacher, die hohe Wetten auf einen Labour-Wahlsieg meldeten - hatten Brown in Versuchung geführt. Die Chance, sich durch eine Wahl eindrucksvoll im Amt bestätigen zu lassen, dürfe er nicht verstreichen lassen, hatten ihm Berater erklärt.

Rasch wurden Wahlkampfhelfer mobilisiert. Und Brown spannte ausgerechnet jene PR-Agentur ein, die einst Margaret Thatcher zu ihren Wahlsiegen verholfen hatte. Viele Tories gerieten in Panik. Vorgezogene Wahlen hätten die Partei, die kaum vorbereitet schien, zum vierten Mal in Folge auf die Oppositionsbänke verdammen können.

Irak-Rückzug als PR-Nummer?

"Ironischerweise haben die Wahlgerüchte die Konservativen fest zusammengeschweißt", sagte BBC-Kommentatorin Laura Kuenssberg. Cameron riss das Ruder vergangene Woche mit einer flammenden Rede auf dem Tory-Parteitag herum. Sie gipfelte in der Aufforderung an Brown, einen Wahltermin festzulegen. Dass Camerons Vision des Königreichs unter Führung einer modernen konservativen Partei gut ankam, war nicht der einzige Grund für den Stimmungsumschwung.

Unfreiwillig half Brown selbst nach: Ausgerechnet während des Tory-Parteitags flog er nach Bagdad, um medienwirksam den Rückzug von 1000 britischen Soldaten bis Weihnachten zu verkünden. Die auf Fair Play bedachten Briten erkannten die Absicht und waren verstimmt. Dann stellte sich sogar heraus, dass der Rückzug weitgehend schon zu Blair-Zeiten beschlossen und verkündet worden war. Ergebnis: Labour fiel in allen Umfragen hinter die Tories zurück.

Kein Wunder, dass sich sogar der linksliberale "Observer" heute abfällig über den Mann äußerte, der den Briten Sauberkeit und Aufrichtkeit in der Politik versprochen hatte: "Browns Gründe, das Feuer einzustellen, beruhten, genaue wie jene für den Beginn seines schwindlerischen Krieges, einzig und allein auf Wahlkampfmathematik."