Der Tagesspiegel : Grünschnäbel mit Vergangenheit

Geranium robertianum war einst als Heilpflanze geschätzt – heute ziert es Gärten und Parks

Gert D. Wolff

Wie viele unserer heutigen Zierpflanzen haben Storchschnabelgewächse – benannt nach der auffälligen Form ihrer Früchte – den Weg in die Gärten zunächst nicht der Schönheit ihrer Blüten wegen gefunden. Der Grund dürfte vielmehr ihr praktischer Nutzen für den Menschen als Heilpflanzen gewesen sein. Warum sonst hätte er sich beispielsweise den „Stinkenden Storchschnabel“ aus Wald und Flur in den Garten holen sollen? Dass die zierliche Pflanze mit den rötlichen Blüten etwas unangenehm riecht, wurde durch die ihr seit alter Zeit nachgesagten Heilkräfte wettgemacht. Deshalb nannte man sie respektvoll auch „Gottesgnadenkraut“. Kein Wunder, dass dieses Pflänzlein wahrscheinlich als erste aller Storchschnabelarten in den Gärten kultiviert wurde.

Der Legende nach geht der Name des Ruprechtskrautes, wie die Pflanze auch heißt, auf den heiligen Robert oder Ruprecht (7./8. Jahrhundert) zurück. Er soll als erster Bischof von Salzburg und Kulturpionier ihren medizinischen Gebrauch gelehrt haben. Auch der heutige botanische Name Geranium robertianum bezieht sich darauf. Die Ärzte des Mittelalters lobten die Heilkraft des Krautes geradezu überschwänglich und verwendeten es häufig. Schon Hildegard von Bingen erwähnt im 12. Jahrhundert den „storkesnabil“ als Mittel gegen Venenleiden, Blasensteine, Harnbeschwerden und zur Blutstillung. Außerdem sollte er das Herz stärken und Schwermütige wieder fröhlich machen. Die Autoren der klassischen Kräuterbücher beschrieben ausführlich seine vielfältigen Anwendungen. Unter anderem wurde Ruprechtskraut zur Behandlung von Wunden und Geschwüren, Entzündungen der Brüste und bösartige Geschwülste, gegen Nieren- und Steinleiden, Bronchialkatarrh, Darmerkrankungen und Gicht eingesetzt. Tabernaemontanus lobt das frisch gepflückte Gottesgnadenkraut in seinem Kräuterbuch von 1588 als „ein fürtreffentliche Artzney“ und „köstliches Wundpflaster/zu allen frischen Wunden fast nützlich/dann es heylet gewaltig“. Trotz seines „unlieblichen Geruchs“, der entsteht, wenn man ein Blatt zwischen den Fingern zerreibt, galt das Ruprechtskraut damals auch als wirksam gegen Mundfäule. Aber auch zur Behandlung der Tierseuche Milzbrand – früher Rotlauf genannt – hat man das „Rotlaufkraut“ lange Zeit verwendet. Andere volkstümliche Namen waren Blutkraut, Gichtkraut, Kopfwehblümlein, Stinkerkraut, Hahnenblume, Bockskraut, Wanzenblume, Adebarschnabel, Kranichschnabel und Warzenkraut.

Weil die Pflanze so segensreiche Kräfte besaß und ihre Früchte an den Schnabel des Storches – nach altem Volksglauben ein Glücksbringer – erinnerten, hängte man die Pflanze im Haus oder Stall auf. Und Frauen, die vergeblich auf Nachwuchs hofften, trugen die Wurzel des Storchschnabels als Amulett um den Hals. Auch ein Tee aus Ruprechtskraut sollte gegen Kinderlosigkeit helfen.

Geranium robertianum gehört zur Gattung der Geranien mit über 400 Arten innerhalb der Pflanzenfamilie der Storchschnabelgewächse (Geraniaceae). Mit den beliebten Balkonpflanzen die fälschlich „Geranien“ genannt werden, aber Pelargonien sind, ist das Ruprechtskraut nur entfernt verwandt. Die Pflanze enthält unter anderem Gerbstoffe, ätherisches Öl und den Bitterstoff Geraniin. Sie wirkt zusammenziehend, antiseptisch und entzündungshemmend. Dadurch lassen sich manche der früheren Anwendungen durchaus erklären. Als Heilpflanze spielt das Ruprechtskraut heute jedoch kaum noch eine Rolle.

Die bis 50 Zentimeter hohe Pflanze wächst bei uns recht häufig wild in Wäldern, an Wegrändern und auf Schutthalden. Ihre rötlichen Blüten erscheinen von Mai bis Oktober. Weil das früher so beliebte Gewächs als Gartenpflanze auch in andere Klimazonen importiert wurde, ist es heute nahezu auf der gesamten Nordhalbkugel verbreitet. Aus unseren Gärten ist das als Heilpflanze längst nicht mehr gefragte einstige Gottesgnadenkraut allerdings weitgehend verschwunden. Weit attraktivere, besonders großblütige und pflegeleichte Storchschnabelarten haben längst die Gärten und Parks erobert. So gibt es heute zahlreiche Kultursorten, deren Farben von Blau über Rosa und Violett bis hin zu reinem Weiß reichen. Doch auch in ihrer natürlichen Umgebung bieten die wildwachsenden Arten – wie etwa der Wiesenstorchschnabel (Geranium pratense) mit seinen üppigen, leuchtend blauvioletten Blüten oder das zierliche Ruprechtskraut – immer wieder einen reizvollen Anblick.

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