Der Tagesspiegel : Guben: Friedensmarsch statt Aufmarsch der Neonazis

Sandra Dassler

Das Fax kam am Mittwoch. Es enthielt die lapidare Mitteilung, dass das "Junge Nationale Spektrum", ein Sammelbecken der militanten rechten Szene, seinen am 8. Mai in Guben geplanten Aufmarsch absage.

Das offizielle Guben nahm die Nachricht mit Erleichterung auf. in die sich auch ein wenig Stolz mischte. "Offenbar beeindruckt es die Neonazis, wenn Normalbürger Widerstand leisten", meinte der evangelische Pfarrer Michael Domke, der wesentlich dazu beitrug, diesen Widerstand zu organisieren. Seinen Aufruf, den Rechten am 8. Mai mit einem Friedensmarsch "das wahre Gesicht Gubens" entgegenzuhalten, hatten mehr als 30 Organisationen und Persönlichkeiten aus der Stadt und der Region unterschrieben.

"Die Neonazis setzen auf dumpfe Emotionen, sie wollten mit Parolen gegen die Teilung der Stadt und die Vertreibungen am Ende des Krieges möglichst viele Gubener instrumentalisieren", schätzt Domke ein. Auch deshalb werden die Veranstalter auch nach der Absage für ein friedliches Zusammenleben auf die Straße gehen. "Der 8. Mai ist ein Datum, mit dem manche Gubener schlimme Erinnerungen verbinden", sagt Pfarrer Domke, "aber die Neonazis vergessen, dass ihre geistigen Väter die Verantwortung für das Unrecht tragen, das auch Deutsche erleiden mussten."

Für Gubens Bürgermeister Gottfried Hain bleibt trotz der Erleichterung über die Absage ein "bitterer Beigeschmack", weil "Alt- und Neonazis aus Berlin oder den alten Ländern extra in eine Stadt wie Guben fahren, um dort Zwietracht zu säen". Hain, der in der Vergangenheit immer wieder Anfeindungen wegen seines Engagements für eine gute Zusammenarbeit mit den polnischen Nachbarn ausgesetzt war, klingt ungewohnt hart: "Ich bin auch dafür, die geteilte Stadt wieder zusammenzuführen. Aber im europäischen Haus und unter der Voraussetzung, dass Deutsche wie Polen erhobenen Hauptes über die Neiße gehen können."

Pfarrer Domke hat auch andere Meinungen erlebt. Von einem der Verteidiger im Prozess um den in Guben zu Tode gehetzten Omar Ben Noui beispielsweise. Der stand an der Neiße, sah hinüber und sagte: "Gubin hat es für mich nie gegeben". Domke antwortete: "Dann riskieren Sie einen neuen Krieg?" Die Antwort darauf wird er nie vergessen: "Na und?".

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